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Appell für den Schutz biologischer Vielfalt

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Von: Steven Geyer

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Die Abholzung von Wäldern nimmt Gorillas den Lebensraum.
Die Abholzung von Wäldern nimmt Gorillas den Lebensraum. © afp

Deutsche Wissenschaftsorganisationen fordern in einer „Frankfurter Erklärung“ mehr politischen Einsatz gegen das Artensterben. Die Wirtschaft soll für ihr Handeln bezahlen.

Die Menschheit arbeitet weiterhin blind daran, das Leben auf der Erde zu vernichten – obwohl sie so ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört und obwohl ihr der Schutz der Natur sowie der Tier- und Pflanzenwelt sogar wirtschaftlich helfen würde. Mit dieser Warnung haben sich am Dienstag einige der renommiertesten deutschen Wissenschaftler:innen sowie Umwelt- und Naturschutzgruppen an Politik und Wirtschaft gewendet. Der 15. Weltnaturgipfel, der in einer Woche im kanadischen Montreal beginnt, sei die letzte Chance zum internationalen Gegensteuern.

Im Vergleich zur Klimakrise würden das massive Artensterben und dessen verheerende Folgen für die Menschheit noch immer unterschätzt – obwohl die beiden Entwicklungen „gekoppelte Zwillingskrisen“ seien, sagte der Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, Klement Tockner, in Berlin – wo er als einer der Erstunterzeichner mit anderen Forschern einen Appell an Politik und Wirtschaft vorstellte. „Wir nutzen die natürlichen Ressourcen über ihre Kapazitätsgrenzen hinaus“, heißt es in der „Frankfurter Erklärung“ des Bündnisses aus Forscher:innen und Umweltgruppen – von Vertretern des Alfred-Wegener-Instituts in Potsdam oder des Deutschen Naturschutzrings (DNR).

Der Träger des Deutschen Umweltpreises 2022 und Chef der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft, Christof Schenck, sprach von einem „Massensterben“, das trotz gegenteiliger Verpflichtungen der Weltgemeinschaften aus den letzten 30 Jahren ungebremst anhalte: Jeden Tag sterben demnach etwa 150 Tier- und Pflanzenarten für immer aus, etwa eine weitere Million seien vom Aussterben bedroht.

Wenn die Menschheit nicht gegensteuere, sei das Überleben auf der Erde gefährdet – auch für die Menschheit in ihrer heutigen Form. So müsse man als Konsequenz aus Artensterben und Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten fest mit Pandemien rechnen, die das Ausmaß von Corona zu übertreffen drohten; auch Luft- und Trinkwasserverschmutzung gefährdeten die Gesundheit.

Die Frankfurter Erklärung stellt unter anderem sechs konkrete Forderungen an die Bundesregierung, darunter die Verpflichtung für den Handel, Lieferketten ohne Entwaldung zu garantieren, den Abbau von umweltschädlichen Sanktionen sowie die Einrichtung naturverträglicher Rahmenbedingungen für Unternehmen bei deren gleichzeitiger Verpflichtung zu messbarem Artenschutz.

Es fehle ein System, das den Verlust von Natur und Artenvielfalt mit einem Preisschild versehe, sagte Mitunterzeichner Jörg Rocholl, Präsident der internationalen Wirtschaftsuniversität ESMT in Berlin: Erst wenn Unternehmen – und nicht länger die Gemeinschaft – für die Kosten ihrer umweltschädlichen Aktivitäten aufkommen müssten, würden sie zu entsprechenden Innovationen bewegt.

Der Weltnaturgipfel findet vom 7. bis zum 19. Dezember statt. Das für die Verhandlungen in Kanada zuständige Bundesumweltministerium hatte zuvor erklärt, Deutschlands Hauptziel für die Konferenz sei eine internationale Verpflichtung auf „ehrgeizige, messbare Ziele“ und auf wirksame Schritte zu deren Kontrolle und Umsetzung. So teile Deutschland das Ziel, mindestens 30 Prozent der weltweiten Landes- und Meeresflächen bis 2030 unter Schutz zu stellen. Bislang ist nur ein Bruchteil davon geschützt.

Zentral für echte Erfolge sei eine „angemessene Finanzierung“, so das Ministerium. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte jüngst verkündet, dass Deutschland seinen Beitrag für den internationalen Artenschutz auf 1,5 Milliarden Euro verdoppeln werde. Damit werde die Bundesrepublik tatsächlich zum größten Geldgeber dieses UN-Programms, lobte Forscher Schenck zwar am Dienstag in Berlin. Doch den 1,5 Milliarden stünden noch immer 65 Milliarden Euro an umweltschädlichen Subventionen, etwa im Agrar- und Verkehrsbereich, gegenüber, so Schenk. Und allein die Flutkatastrophe im Ahrtal, die als eine Folge des Klimawandels gilt, habe Kosten von 30 Milliarden Euro verursacht.

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