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Coronatests bleiben in Dänemark kostenlos.
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Coronatests bleiben in Dänemark kostenlos.

Ende der Maßnahmen

Als hätte es Corona nie gegeben

  • VonThorsten Fuchs
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In Dänemark fallen die letzten Einschränkungen. Doch auch dort gibt es Zweifel, ob man so durch den Winter kommt. Eine Reportage von Thorsten Fuchs

Es wird voll werden, das ist klar, es kommen immer noch mehr. „Kellermensch“ sind eine dänische Rockband und an diesem Abend spielen sie zum ersten Mal wieder in Kopenhagen, im großen Saal des Musikklubs „Vega“ im sehr angesagten Stadtteil Vesterbro.

Also strömen die Fans hierher, Henrik zum Beispiel, Konzertfotograf von Beruf, ein eher kleingewachsener Mann mit zum Zopf geflochtenen Vollbart, dessen sichtbare Fröhlichkeit darin begründet liegt, dass er an diesem Abend frei hat und einfach die Musik genießen will. Und Corona? Er ist doch geimpft? Nein, sagt Henrik, er sei bislang nicht dazu gekommen. „Nächste Woche“, versichert er, „da ganz sicher!“ Aber danach fragt an diesem Abend hier auch nur der Journalist, es gibt keine Kontrollen mehr, jeder und jede kann rein, die einzige Schlange gibt es vor der Garderobe.

Als das Konzert beginnt, ist es tatsächlich voll. Auf der Bühne, weil zur Band auch drei Streicher gehören, zu acht stehen sie da. Und vor der Bühne, 1500 Besucher. Es wird laut gesungen, getanzt, gesprungen, und wer hier steht, der tut es dicht an dicht, in immer dichterer Luft. Wer Abstand sucht, wird ihn nicht finden. Und Masken? Trägt ohnehin niemand mehr. Am Eingang stehen Desinfektionsmittelspender, für die Hände. Ansonsten ist es ein Konzert, als hätte es Corona nie gegeben.

Willkommen in der neuen dänischen Realität, wo die Pandemie, bis auf weiteres jedenfalls, beendet ist. Seit dem 10. September hat Covid-19 hier nicht mehr den Status einer gesellschaftlich bedrohlichen Erkrankung, was vor allem eines bedeutet: Dass hier die letzten Corona-Einschränkungen gefallen sind. Wer aus Deutschland im Zug über die Grenze fährt, sieht, wie die Masken kurz vor Padborg wie von Zauberhand aus den Gesichtern sinken. Geblieben sind die Desinfektionsspender, die verblassenden roten Abstandspunkte vor den Kassen der Supermärkte, aber sonst: nicht viel.

Die Frage ist nur: Kann das wirklich gutgehen? Das Staten Serum Institute ist die dänische Entsprechung des deutschen Robert-Koch-Instituts, es liegt südöstlich der Kopenhagener Innenstadt auf der Insel Amager. Tyra Grove Krause ist die Vizepräsidentin der Behörde, zur Begrüßung gibt sie die Hand. Das, sagt sie lächelnd, gehöre in Dänemark jetzt wieder dazu, und zeigt auf das Desinfektionsmittel auf dem Tisch, das man aber natürlich gerne benutzen könne.

Dänemark war nie so unverbindlich wie der nördliche Nachbar Schweden in Bezug auf die Pandemie, es gab zwei Phasen sehr strenger Maßnahmen, mit denen das Land schneller als Deutschland reagierte. Die dänische Zuversicht jetzt hat mehrere Gründe. Da ist zum einen die Gewissheit, es sehr schnell mitzubekommen, wenn die Situation kippt. In Dänemark hat jeder eine Personennummer, die man zum Beispiel angibt, wenn man einen der weiter kostenlosen Tests macht. Krauses Behörde hat darauf Zugriff – und weiß zugleich sofort, wo der- oder diejenige arbeitet, wohnt, kennt den Impfstatus, die Herkunft und so weiter. Kein Traum für Datenschützer:innen, aber ein Segen für Epidemiolog:innen. „Wir sind für die digitale Überwachung sehr gut aufgestellt“, sagt Krause. „Und wir können sehr schnell umsteuern.“

Ein weiterer Grund sind die großen Testkapazitäten, 200 000 PCR- und 500 000 Antigentests sind täglich möglich. „Wir können die ganze Bevölkerung binnen einer Woche testen“, sagt Krause.

Was die neue Freiheit jetzt aber vor allem möglich macht, ist die hohe Impfquote. Aktuell sind 73,9 Prozent der Dänen vollständig und 75,8 Prozent mindestens erstgeimpft. Ein Ergebnis, für das die Dänen bislang weder Zwang noch Bratwürste brauchten, sondern das sie vor allem dem „hohen öffentlichen Vertrauen in die Behörden“ verdanken, wie Krause konstatiert. Es gibt zwar auch in Dänemark Querdenker, sie heißen hier Men in Black. Es sind nur nicht so viele. Und sie finden nicht so viel Gehör. In Dänemark hat das jetzt zu einer entspannten Situation in den Kliniken und einer Inzidenz von unter 50 Infektionen pro 100 000 Einwohner:innen binnen sieben Tagen geführt, Tendenz fallend.

Nur gibt es eben auch in Dänemark selbst trotz aller Zuversicht noch einen Rest an Zweifel, ob der dänische Weg auch wirklich sicher durch den Winter führt. Auch in Dänemark kennt man das Beispiel Israel, den frühen Impfweltmeister, der längst wieder gegen einen neuen Lockdown kämpft.

Auch Dänemark ist von seinem eigenen Ziel, von 90 Prozent Impfquote, noch weit entfernt. Und so steht Mogens Pedersen an diesem verregneten Freitagnachmittag vor der Tür des Familienzentrums im Sozialviertel Mjølnerparken und ruft jedem freundlich zu: „Schon geimpft?“ Pedersen ist 71, Rentner, aber für den Kampf gegen Corona hat er sich reaktivieren lassen. Anfangs hat er Corona-Kranke gepflegt, ist dann selbst schwer erkrankt. „Hier, beim Werben für die Impfung, schließt sich für mich der Kreis.“

Auch die dänischen Behörden gehen mit ihren Pop-up-Impfzentren schon seit Monaten dorthin, wo die Impfquoten am niedrigsten sind: in die ärmeren, migrantisch geprägten Viertel. Und Pedersen hat durchaus Erfolg. Ein älterer Herr holt sich die dritte Impfung. Eine Studentin die erste. Ein Vater lässt seine Tochter impfen. „Das Beste für sie“, sagt er und lacht. Ob das alles genügt, um weitere Lockdowns zu vermeiden? Pedersen, früher als Armee-Gesundheitsexperte bei der Ifor-Mission in Bosnien im Einsatz, hat vor kurzem ein Zitat gehört, das ihm gefällt. „Wir haben die Waffen gegen das Virus in den Schrank gehängt“, sagt er. „Aber die Türen haben wir sicherheitshalber offen gelassen.“

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