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Alle Einkäufe bis vor die Tür

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Von: Christoph Höland

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Der finnische Lieferdienst Wolt ist auch in Berlin aktiv.
Der finnische Lieferdienst Wolt ist auch in Berlin aktiv. © imago images/Jürgen Schwarz

Das Dax-Unternehmen Delivery Hero ändert seine Strategie und will nicht mehr nur Mahlzeiten ausfahren.

Weltweit hatten Restaurants zuletzt wieder geöffnet, doch Delivery Hero blickt trotzdem optimistisch in die Zukunft. Zwischen 6,4 und 6,7 Milliarden Euro Jahresumsatz erwartet der Dax-Konzern, der rund um den Globus Essenslieferdienste betreibt. Vor allem drängt das Unternehmen, das am Donnerstag seine Quartalszahlen vorstellte, mit Macht in einen neuen Markt: Nicht nur heiße Mahlzeiten, sondern ganze Einkäufe will man an die Haustür liefern.

Das Umsatzplus im dritten Quartal fiel mit 89 Prozent im Vergleich geringer als im ersten Halbjahr aus. Damals hatte Delivery Hero aber noch von zahlreichen Lockdowns profitiert. Börsianer hatten noch weniger Umsatzwachstum erwartet, die Aktie legte prompt um knapp drei Prozent zu. Wie beim Berliner Unternehmen üblich, stammte der Großteil der Umsätze aus dem Mittleren Osten und aus Asien, auf Europa entfielen nicht einmal zehn Prozent. Zugleich schreibt Delivery Hero laut der Nachrichtenagentur Reuters weiterhin tiefrote Zahlen.

Heimatmarkt wieder im Blick

Abhilfe könnte der Strategieschwenk bringen, den das Unternehmen derzeit einleitet: Delivery Hero werde sich darauf fokussieren, „alles, was unsere Kunden brauchen, direkt und lokal zu liefern“, kündigte CEO und Gründer Niklas Östberg an. Dazu baut das Unternehmen immer mehr kleine Lagerhäuser, sogenannte Dmarts, auf – und hat mit „Hugo“ zuletzt einen großen Universallieferdienst in Zentralamerika und der Karibik übernommen.

Auch auf dem Heimatmarkt will Delivery Hero im sogenannten Quick-Commerce-Geschäft mitmischen. Mittlerweile ist der Konzern mit dem Universallieferdienst Foodpanda wieder in Deutschland vertreten. Seit Ende Oktober hält Delivery Hero zudem zehn Prozent am Start-up Gorillas, das ebenfalls auf blitzschnell gelieferte Einkäufe setzt. Eine strategische Expansion, wie Östberg sagte.

Ob Quick Commerce im Kommen ist, bezweifeln Skeptiker allerdings: „Der Durchbruch der Quick-Commerce-Lieferdienste im Lebensmittelbereich sollte schon mehrfach kommen, bestätigt hat sich das bislang nicht“, sagte E-Commerce-Experte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein kürzlich dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. 90 Prozent der Konsumenten seien ihm zufolge eher nicht an Lieferungen binnen weniger Minuten interessiert. Auch sei der Hype um Lieferdienste nach den Erfahrungen im Lockdown derzeit größer als eigentlich angemessen.

Zugleich ist der hiesige, nach Schätzung Heinemanns etwa 20 Milliarden Euro große Quick-Commerce-Markt heiß umkämpft: Delivery Hero konkurriert mit Uber Eats, Flink, Getir sowie zahlreichen kleineren Lieferdiensten. Wolt, der aus Finnland kommende Wettbewerber, gab am Mittwoch außerdem den Zusammenschluss mit dem kapitalstarken US-Lieferriesen Doordash bekannt.

Und dann ist da noch Lieferando, der Konkurrent, dem Delivery Hero einst das Deutschlandgeschäft mit Essenslieferungen überließ. Doch wirklich skalieren kann das Quick-Commerce-Geschäft womöglich nur, wenn sowohl die Lieferungen von Einkäufen als auch von Mahlzeiten brummen. „Lieferando ist sehr stark“, räumte Östberg am Donnerstag gegenüber der FAZ ein. Als künftiger Lieferchampion auf dem hiesigen Markt sieht Östberg sein Unternehmen deshalb nicht zwangsweise: Für Delivery Hero sei Deutschland kein Markt, den das Unternehmen um jeden Preis gewinnen müsse: „Wir werden sehen, wie es läuft.“

Die Fusion von Wolt und Doordash sowie das Delivery-Hero-Investment in Gorillas erinnert indes an das, was schon bei Essenslieferdiensten geschah: Mit großen Werbebudgets und heftig kritisierten Arbeitsbedingungen rangen Plattformen lang um die Vormachtstellung. Nach einigen Übernahmen blieb Lieferando übrig. Mittlerweile soll der Lieferdienst 90 Prozent Marktanteil haben, während Gastronomen über steigende Gebühren klagen.

Besser als seinerzeit bei den Essenslieferdiensten dürfte es künftig hingegen für die Kurier:innen, die meist per Fahrrad unterwegs sind, laufen: Selbstständige Rider sind in Deutschland eine Ausnahme, Gerichte hatten zuletzt immer wieder den Arbeitnehmerstatus gestärkt. Und bezüglich der Arbeitsbedingungen hat das Bundesarbeitsgericht erst am Mittwoch Pflöcke eingeschlagen – und Lieferando dazu verdonnert, den Fahrer-innen und Fahrern künftig Diensträder und Smartphones zur Verfügung zu stellen.

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