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Aktivistinnen in Großbritannien fordern: „Männer müssen aufwachen“

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Von: Susanne Ebner

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„Sie ging nur nach Hause“, Trauer um Sara Everard im März 2021. Foto: Daniel LEAL / AFP.
„Sie ging nur nach Hause“, Trauer um Sara Everard im März 2021. © AFP

Ein Jahr nach dem Mord an der Britin Sarah Everard fragen sich in Großbritannien viele: Was wurde getan? Boris Johnsons Regierung startet eine Kampagne, die sich an Männer richtet.

Entführt, vergewaltigt, getötet. Ein Jahr ist es her, dass der Mord an der damals 33-jährigen Sarah Everard durch einen Polizisten eine Schockwelle in Großbritannien auslöste. In den sozialen Medien erzählten damals Tausende Frauen von ihren eigenen Erfahrungen, von Missbrauch und Gewalt, von fehlender Sicherheit. Hunderte ignorierten den verhängten Lockdown und versammelten sich in einem Park im Süden Londons zu öffentlichen Mahnwachen. Nur ein halbes Jahr später, im September vergangenen Jahres, passierte dann der nächste Mord in der Hauptstadt, der Schlagzeilen machte und einen Aufschrei provozierte. Die 28-jährige Lehrerin Sabina Nessa wurde auf dem Weg zu einem Treffen mit einem Freund von einem 36-jährigen, ihr fremden Mann erschlagen und ermordet. Immer wieder forderten Frauen danach härtere Gesetze und mehr Aufmerksamkeit für Verbrechen an Frauen, verübt durch Männer.

Doch was hat sich seit den Morden an Everard und Nessa, die nur zwei Beispiele unter vielen sind, in Großbritannien getan?

Boris Johnson sprach der Familie am Donnerstag, ein Tag vor dem Jahrestag der Ermordung von Everard, erneut sein Mitgefühl aus und betonte: „Es ist inakzeptabel, dass so viele Frauen und Mädchen immer noch Angst vor Gewalt und Missbrauch haben.“

Um das zu ändern, hat Innenministerin Priti Patel in dieser Woche eine Kampagne gestartet – mit dem Namen „Enough“ („Genug“). Diese umfasst unter anderem Fernsehwerbung und Plakate. Das Ziel: Es sollen einfache Methoden gezeigt werden, die alle anwenden können, um Missbrauch zu stoppen. In einem ersten Clip ermahnt etwa ein junger Mann seinen Freund, einer Frau keine weiteren übergriffigen Kommentare mehr hinterherzurufen. „Es reicht“, sagt er zu ihm. Der britische „Guardian“ lobte, dass die Kampagne einen neuen Fokus einnehme: weg von Ratschlägen für Frauen, die vorschreiben, wie sie sich schützen sollten, hin zur Verantwortung potenzieller Täter.

Vielen Aktivistinnen reicht die zaghaft ermahnende Kampagne angesichts des Ausmaßes der Gewalt noch nicht aus. Laut dem britischen Office for National Statistics wurden zwischen April 2020 und März 2021 in England und Wales 177 Frauen ermordet. Dazu kommen viele Fälle von häuslicher Gewalt. Zuletzt lehnte es die Regierung ab, Misogynie als Hassverbrechen einzustufen. Zudem leidet das Vertrauen in die britische Polizei weiterhin, nachdem Teilnehmerinnen der Mahnwachen vor einem Jahr gewaltsam abgeführt worden waren. Eine Aktivistin sagte am Donnerstag bei einem erneuten Treffen: „Wir haben es satt, Gewalt an Frauen zu akzeptieren.“ Dies sei ein Männerproblem und sie „müssen aufwachen und etwas dagegen unternehmen“.

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