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Äthiopien feiert sein Kriegsglück

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Von: Johannes Dieterich

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Ein abgeschossener Panzer der Tigray People’s Liberation Front (TPLF) bei Debre Tabor, Anfang Dezember.
Ein abgeschossener Panzer der Tigray People’s Liberation Front (TPLF) bei Debre Tabor, Anfang Dezember. © afp

Die Provinzstreitkräfte von Tigray müssen sich nach Monaten erfolgreicher Kämpfe in die eigene Provinz zurückziehen. Drohnen aus China der Türkei und dem Iran jagen sie.

Auch nach dem Rückzug der Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) in ihre Provinz im Norden Äthiopiens hielten die Kampfhandlungen am Dienstag an. Berichten von vor Ort zufolge griffen äthiopische Jets und Drohnen Ziele in der Hauptstadt Mekelle sowie in mehreren anderen Städten von Tigray an. Dabei sollen mindestens 28 Menschen ums Leben gekommen sein. Über Twitter teilte Regierungssprecherin Billene Seyoum mit, Regierungstruppen seien derzeit damit beschäftigt, noch immer von „Terroristen“ unsicher gemachte Gebiete innerhalb der angrenzenden Provinzen Amhara und Afar zu „säubern“. Eine offizielle Stellungnahme der Regierung in Addis Abeba zum „Angebot“ der TPLF für Waffenstillstandsgespräche lag bis Redaktionsschluss nicht vor.

In einem Brief an UN-Generalsekretär António Guterres hatte TPLF-Chef Debretsion Gebremichael am Sonntag den Rückzug seiner Truppen angekündigt und von einer „entscheidenden Chance für den Frieden“ gesprochen. „Wir schlagen die sofortige Einstellung von Feindseligkeiten und die Aufnahme von Verhandlungen vor“, hieß es in dem Schreiben. Als Voraussetzung für Friedensgespräche nannte der TPLF-Chef ein militärisches Flugverbot über Tigray, die Verhängung eines Waffenembargos über Äthiopien und Eritrea sowie die Öffnung der Blockade humanitärer Hilfslieferungen für die Bevölkerung. Laut UN sind allein in Tigray rund fünf Millionen Menschen auf ausländische Hilfe angewiesen, Hunderttausende sollen vom Hungertod bedroht sein. Auch in Amhara wurden von den Kampfhandlungen Hunderttausende vertrieben, die jetzt ebenfalls auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind.

„Wir waren leichte Beute“

Regierungsfreundliche äthiopische Medien und Nutzer:innen sozialer Netzwerke nennen das TPLF-Angebot eine „Farce“. Damit wollten Tigrays „Terroristen“ ihre „vernichtende militärische Niederlage“ kaschieren, die ihnen die Regierungstruppen in den vergangenen Wochen beigebracht hätten, schreibt die Zeitung „Borkena“. Nachdem die TPLF im Oktober und November bis rund 150 Kilometer vor Äthiopiens Kapitale Addis Abeba vorgedrungen waren, hatte der Bürgerkrieg Mitte November eine drastische Wende erfahren – die Regierungstruppen errangen einen Sieg nach dem anderen. Die Kehrtwende wird von Fachleuten auf den Einsatz von Drohnen zurückgeführt, die Addis Abeba in der Türkei, in China und im Iran gekauft hat. Den unbemannten Aufklärungs- und Kampfflugzeugen hatten die Provinzstreitkräfte nichts entgegenzusetzen. „Zuweilen waren bis zu zehn Drohnen gleichzeitig in der Luft“, zitiert die „New York Times“ den legendären TPLF-Strategen Tsadkan Gebretensae, der bereits vor über drei Jahrzehnten den Widerstand gegen den „roten Diktator“ Mengistu Heile Mariam angeführt hatte: „Wir waren eine leichte Beute für sie.“

Bei ihrem Rückzug sollen die Kämpfer aus Tigray kein Pardon gegeben haben. Nach Schilderungen von vor Ort wurden zahllose Zivilpersonen erschossen, Banken geplündert und Universitäten zerstört. Auch Lebensmittellager des Welternährungsprogramms WFP wurden offenbar leer geräumt. Die UN-Menschenrechtskommission in Genf kündigte in der vergangenen Woche an, von beiden Seiten gemeldeten Kriegsverbrechen nachgehen zu wollen – was von der Zentralregierung aber sogleich abgelehnt wurde.

Im Westen von Tigray, der nach wie vor von Soldaten aus dem eritreischen Nachbarland und Milizionären aus Amhara kontrolliert wird, soll es nach Berichten von Amnesty International (AI) und Human Rights Watch (HRW) zu einer „Welle an Übergriffen“ gekommen sein. Dafür verantwortlich seien vor allem amharische Milizionäre, heißt es in einem gemeinsamen Bericht von AI und HRW: Tigray sprechende Zivilpersonen würden aus ihrer Heimat vertrieben, getötet oder in Lager gesteckt, wo sie Folterungen und dem Hungertod ausgesetzt würden.

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