1. Startseite
  2. Hintergrund

13 Jahre für den Umstieg

Erstellt:

Von: Damir Fras, Frank-Thomas Wenzel, Markus Decker

Kommentare

Fahrt ruhig so weiter: Feierabendverkehr entlang des Baus des Europarates in Brüssel (Archivbild).
Fahrt ruhig so weiter: Feierabendverkehr entlang des Baus des Europarates in Brüssel (Archivbild). © AFP

Was das Verbrenner-Aus bedeutet und welche Chancen E-Fuels haben.

Spät in der Nacht zu Mittwoch einigten sich die Umwelt- und Energieministerien der 27 EU-Staaten: Dann war das Aus für den herkömmlichen Verbrennungsmotor besiegelt. Neuwagen in der EU müssen von 2035 an emissionsfrei sein – das soll ein entscheidender Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel werden. Was folgt daraus? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was wurde beschlossen?

Die EU-Staaten einigten sich darauf, dass die sogenannten Flottengrenzwerte für Pkw und leichte Transporter bis 2035 auf null sinken müssen. Diese Grenzwerte schreiben Autoherstellern vor, wie viel Kohlendioxid ihre Fahrzeuge maximal ausstoßen dürfen. Das heißt konkret: Neue Benziner und Dieselfahrzeuge sollen in 13 Jahren durch Elektroautos ersetzt werden, die gar kein CO2 mehr in die Umwelt blasen.

Gilt das für alle Fahrzeuge?

Nein. Wer sich im Jahr 2034 einen Neuwagen zulegt, der darf ihn auch über das Jahr 2035 hinaus benutzen. Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer und viele andere Fachleute gehen deshalb davon aus, dass Benziner und Selbstzünder noch mindestens bis zum Jahr 2055 auf Europas Straßen unterwegs sein werden.

Was genau wurde zum Thema E-Fuels beschlossen?

Im sogenannten Room Document steht: Die Kommission wolle für die Zeit nach 2035 „für die Neuzulassung von Fahrzeugen, die ausschließlich mit CO2-neutralen Kraftstoffen betrieben werden, einen Vorschlag erarbeiten, der in Übereinstimmung mit dem EU-Recht, außerhalb des Systems das Flottengrenzwerte und in Konformität mit den Klimazielen“ stehe.

Es wird also Ausnahmen vom Verbrenner-Aus geben?

Ausnahmen könnten für Feuerwehrautos, Polizeiwagen und Rettungswagen gelten. Diese werden möglicherweise dann mit E-Fuels betrieben. Ob die EU-Kommission diese Ausnahmen billigt, ist unklar. Die Brüsseler Behörde hat schließlich selbst ein komplettes Verbrenner-Aus für Neuwagen vorgeschlagen. Aber nach der Sommerpause beginnt der sogenannte Trilog zwischen Europaparlament, EU-Kommission und EU-Staaten. Das ist die abschließende Verhandlungsrunde.

Wie bewertet die Ampelkoalition in Berlin die Einigung?

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagte am Mittwoch, das sei ein „fettes Ausrufezeichen für den Klimaschutz in Europa“. Teilnehmende an den Verhandlungen berichteten, man habe nach der stundenlangen Debatte erst einmal „Party gemacht“, um den historischen Beschluss zu feiern. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) hatte hingegen noch am Dienstagabend betont, das Verbot des Verbrennungsmotors sei „vom Tisch“.

Was sind die Ursachen für das Gezerre?

Die Grünen wollten, als die Regierung im Herbst vorigen Jahres gebildet wurde, unbedingt das symbolträchtige Verkehrsministerium für sich holen. Der Verkehrssektor ist ein zentraler CO2-Emittent, entsprechend viel lässt sich hier reduzieren. Aber das Ministerium ging an Wissing und die FDP. Diese plädiert regelmäßig für „Technologieoffenheit“ und stemmt sich gegen alles, was nach Verbot klingt.

Was sagt die Autobranche?

Vom Verband der Automobilindustrie (VDA) gab es heftige Kritik: Die Einigung lasse vieles im Unklaren und sehe immer noch ein faktisches Verbrennerverbot 2035 vor. Und: „Bei E-Fuels scheint es nur für eine Absichtserklärung gereicht zu haben, deren Umsetzung offen ist.“ VDA-Präsidentin Hildegard Müller sprach von einer Entscheidung gegen „eine technologieoffene Industriepolitik“.

Wie wird sich der Automarkt hierzulande entwickeln?

Fachleute sind sich einig: Hierzulande wird sich der Anteil an Elektroautos kontinuierlich vergrößern. An Tankstellen werden demnach immer mehr Zapfsäulen durch Ladestationen ersetzt werden. Zudem gehen Energieunternehmen davon aus, dass fossile Kraftstoffe im Zuge dieser Entwicklung immer teurer werden, weil die Förderung von Rohöl zunehmend zurückgefahren wird. Tendenziell wird es also aufwendiger und teurer, den fossilen Sprit zu tanken, was konventionelle Verbrenner unattraktiver machen wird.

Werden E-Fuels zur Alternative?

Bislang gibt es lediglich Pilotanlagen. Die Prozesse sind extrem aufwendig. E-Fuels werden nach heutigem Stand mindestens viermal so teuer sein wie fossiler Sprit. Grund für die hohen Kosten sind die zahlreichen Umwandlungsprozesse. Der allergrößte Teil der eingesetzten Energie geht verloren: Weniger als 20 Prozent bleiben für den Antrieb von Fahrzeugen übrig. Wird der grüne Strom direkt genutzt, liegt der Wirkungsgrad bei mehr als 90 Prozent.

Auch interessant

Kommentare