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Medizinstudenten in Gießen beklagen Unterrichtsausfälle. (Symbolbild)

Bildung

Medizinstudenten in Gießen schlagen Alarm

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An der privatisierter Uniklinik Gießen fällt praktischer Unterricht aus, heißt es in einem internen Protokoll. Die Ministerin sieht den Konzern auf einem guten Weg.

Beim Medizinstudium an der privatisierten Uniklinik Gießen fällt regelmäßig der Unterricht am Krankenbett aus. Das geht aus einem Protokoll des Fachbereichs vom Oktober hervor, das der Frankfurter Rundschau vorliegt. Ein Student bestätigt Defizite, die vor allem den vorklinischen und klinischen Studienabschnitt betreffen. „Das größte Problem ist, dass niemand weiß, wer zuständig ist.“ Unter den organisatorischen Defiziten leide neben der Qualität der Lehre die Motivation. „Unterricht am Bett hilft ungemein. Man bekommt einen Eindruck wofür man überhaupt lernt.“

Laut Dekanat haben Studierende des Fachbereichsrats regelmäßigen Unterrichtsausfall beklagt. Dies sei aber nicht durch Daten belegt. Ein Meldesystem für Studierende und Lehrende soll diese liefern, die Einführung sei in der Sitzung beschlossen worden. „Der Protokollentwurf ist an dieser Stelle etwas missverständlich“, so das Dekanat. Der Fachbereichsrat wollte nicht mit der FR sprechen.

Das Konstrukt an der vor 13 Jahren privatisierten Uniklinik Gießen-Marburg (UKGM) ist bundesweit einmalig. Der Rhön-Konzern ist für die Krankenversorgung zuständig und Arbeitgeber aller Beschäftigten mit Ausnahme der Ärzte. Weil die auch Forschung und Lehre betreiben, sind diese beim Land beschäftigt. Wer welche ihrer Tätigkeiten bezahlt, regelt die sogenannte Trennungsrechnung.

Der Wissenschaftsrat hatte die Leistungsfähigkeit der Standorte in Forschung, Lehre und Krankenversorgung überprüft und einen auffälligen Anstieg an Studierenden pro Professor konstatiert. Eine weitere Begutachtung, hieß es in dem Bericht aus dem Jahr 2010, solle nach fünf Jahren erfolgen. Dies ist bislang nicht geschehen.

Verantwortlich für den Einsatz des Wissenschaftsrats ist Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne). Die sieht die Zeit noch nicht gekommen, das Gremium erneut prüfen zu lassen. Das Land habe 2013 im „Letter of Intent“ und im „Zukunftspapier für die Weiterentwicklung der mittelhessischen Universitätsmedizin“ vom Mai 2017 wichtige Vereinbarungen geschlossen. „Ein guter Prozess für die Klärung der Trennungsrechnung wurde vereinbart und ein Investitionsprogramm von mindestens 100 Millionen Euro durch das UKGM aufgelegt.“ Es seien „gemeinsame Lösungen gefunden worden“ – etwa der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen, die Übernahmegarantie für Auszubildende und das Verbot der Ausgliederung von Betriebsteilen.

Während die Ministerin laut ihrem Sprecher Volker Schmidt das UKGM auf einem guten Weg sieht, ist die Einschätzung vor Ort eine andere: Grundsätzlich sei es in der Pflege nicht anders als bei den Ärzten, sagt Fabian Dzewas-Rehm von der Gewerkschaft Verdi: „Stellen, die nicht besetzt sind, werden mit Leiharbeitern gestopft.“ Seit Jahren sei bekannt, dass die Privatisierung nicht klappe: „Das sollte durch den Wissenschaftsrat evaluiert werden.“

Nach Angaben des Klinikums sind aktuell in Gießen noch immer zwei Stationen wegen Personalmangel geschlossen. Die Überlastungsanzeigen am Standort Marburg seien seit dem vergangenen Jahr rückläufig. Für kurzfristige Ausfälle wegen Krankheit stehe ein Team aus hochausgebildeten Kräften parat. „Wir bieten sowohl unserem Pflegepersonal als auch unseren Ärzten attraktive Gehalts- und Arbeitsbedingungen“, versichert Unternehmenssprecher Frank Steibli.

Rhön zahle weniger als die umliegenden kommunalen Krankenhäuser, erwidert Dzewas-Rehm. Das soll sich ändern. Eine Tarifeinigung mit einer besseren Eingruppierung für „viele Berufsgruppen“ stehe kurz bevor, kündigte der Vorsitzende der Geschäftsführung Gunther K. Weiß an. Profitieren würden davon einzig die Pflegekräfte, ergänzt Dzewas-Rehm. Nicht die Radiologinnen und auch nicht die Physiotherapeutinnen. Allein in der Pflege fehlten rund 800 Stellen: „Es gibt ein grundsätzliches Problem der Unterbesetzung, das Uniklinik und Politik lösen müssen.“

Das sehen auch die SPD und Linke im Landtag so. In der kommenden Plenarsitzung wollen sie eine Anhörung zur Personalsituation an der privatisierten UKGM beantragen. (mit prms)

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