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Wird in kassel bald eine Waffenverbotszone eingerichtet? Nach zahlreichen Straftaten mit Messerstechereien wird darüber diskutiert.

Anzahl der Delikte in Nordhessen gestiegen

In Kassel wird Waffenverbotszone geprüft: Werden Messer verboten?

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Gewalttaten mit Messern häufen sich in Nordhessen und in Kassel. Die Stadt denkt deshalb über die Einrichtung einer Waffenverbotszone nach.

Die Anzahl der Körperverletzungen und Tötungsdelikte (versucht und vollendet), bei denen Messer eingesetzt wurden, ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen. Sowohl in der Stadt Kassel als auch in ganz Nordhessen, wie die Statistik der Polizei zeigt. 

2014 wurden 48 solcher Delikte in Kassel (Nordhessen: 96) angezeigt, im Vorjahr waren es in der Stadt 81 (Nordhessen 171). Diese Zahlen spiegeln sich auch in der Berichterstattung wider: Es vergeht kaum eine Woche ohne Meldung, dass eine Person mit einem Messer bedroht oder verletzt worden ist. 

Anstieg bei Gewalttaten mit Messern - ein bundesweites Phänomen

Dies sei nicht nur ein Kasseler, sondern ein bundesweites Phänomen, sagte kürzlich Michael Tegethoff, Leitender Polizeidirektor im Polizeipräsidium Nordhessen, bei einer Informationsveranstaltung zu der Sicherheitsinitiative Kompass in Kassel. Aus diesem Grund würden Polizei und Stadt Kassel derzeit darüber nachdenken, ob es sinnvoll sein könnte, Waffenverbotszonen in der Stadt einzurichten. 

Wiesbaden ist erste hessische Stadt mit Waffenverbotszone

Wiesbaden ist die erste Stadt in Hessen, die Anfang dieses Jahres solch eine Zone in Teilen der Innenstadt eingerichtet hat. Dort dürfen in der Zeit von jeweils 21 bis 5 Uhr auch keine Messer oder waffenähnlichen Gegenstände getragen werden. In dieser Zone dürfen Polizei und Ordnungsamt ohne Anlass die Menschen auf Waffen kontrollieren und bei Verstößen Bußgelder erheben. 

Waffenverbot auf dem Hamburger Kiez: Auf der Reeperbahn wurde die Verbotszone bereits im Dezember 2007 eingerichtet.

In anderen Städten gibt es solche Verbotszonen bereits: Auf der Reeperbahn in Hamburg wurde die Waffenverbotszone im Dezember 2007 eingerichtet.

Waffenverbotszone: Hier sind verdachtsunabhängige Kontrollen erlaubt

Als Waffenverbotszone wird ein Gebiet bezeichnet, in dem per behördlicher Verordnung ein Waffenverbot gilt*, auch für legale Waffen. Die Waffenverbotszone kann zeitlich begrenzt werden und gibt der Polizei beziehungsweise den Sicherheitsbehörden die Möglichkeit, an Kriminalitätsschwerpunkten verdachtsunabhängige Personenkontrollen zu machen. Waffen dürfen beschlagnahmt und Bußgelder verhängt werden.

Noch keine Entscheidung für Waffenverbotszone in Kassel - Kriminalitätslage wird analysiert

Die Stadt Kassel gibt sich bei dem Thema noch sehr zurückhaltend. „Wir sind mit der Polizei im Gespräch, ob es Anhaltspunkte gibt, die solch eine Waffenverbotszone als sinnvoll rechtfertigen würde“, sagt Ordnungs- und Sicherheitsdezernent Dirk Stochla. Die genaue Analyse der Kriminalitätslage habe gerade erst begonnen, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. 

Mit Blick auf eine Waffenverbotszone werte die Polizei aktuell gezielt aus, an welchen Orten in der Stadt bei Straftaten häufig Waffen eingesetzt würden. In der Regel kämen hier besonders Bereiche in der Innenstadt in Betracht. Orte, an denen die Polizei bereits in der Vergangenheit Kriminalitätsbrennpunkte festgestellt habe.

Debatte über Waffenverbotszone in Kassel: Gewaltbereitschaft ist gestiegen

„Messerstiche nach Trinkgelage“, „Messerstecher kommt in die Psychiatrie“, „Streit um Bank: Rentner droht mit Klappmesser“ und „20-Jähriger in Nordstadt niedergestochen“.

Beispiele von Straftaten, bei denen in den vergangenen Wochen und Monaten in Kassel ein Messer eingesetzt wurde und über die wir berichteten.

Dies ist nur eine kleine Auswahl von Überschriften, die in den vergangenen Monaten im Kasseler Lokalteil der HNA gestanden haben. Viele Menschen haben mittlerweile das Gefühl, dass Straftaten mit Messern deutlich zugenommen haben, wie man vergangene Woche bei einer Informationsveranstaltung zu der Sicherheitsinitiative Kompass in der Heinrich-Schütz-Schule hören konnte.

Gestiegene Gewaltbereitschaft im Umgang mit Messern

Dass dies nicht nur ein Gefühl ist, sondern auf Fakten basiert, zeigt die Statistik der Polizei. In der Stadt Kassel sind die Fallzahlen aller Körperverletzungsdelikte und Tötungsdelikte (auch der Versuche), die mit einem Messer begangen wurden, kontinuierlich angestiegen, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. 2014 waren es 48 Fälle, 2018 wurden 81 registriert. Es sei eine gestiegene Gewaltbereitschaft im Umgang mit Messern zu erkennen. 

Aufklärungsquote liegt in Kassel bei 79 Prozent 

Solche Taten finden laut Mänz häufig bei Auseinandersetzungen innerhalb eines kriminellen Milieus oder im Kontext von Streitigkeiten sich bekannter Personen statt. Darauf würde auch die hohe Aufklärungsquote hindeuten. Sie liege bei diesen Taten in Kassel bei durchschnittlich 79,2 Prozent. Fälle, bei denen unbeteiligte Opfer von Messerangriffen durch Unbekannte würden, seien glücklicherweise eher selten, berichtet Mänz.

Delikte mit Messer als Tatwaffe in Kassel und Nordhessen von 2014 bis 2018.

Was die gesamtgesellschaftlichen Gründe für einen Anstieg der Messerangriffe sein könnten, dazu würden der Polizei keine wissenschaftlich belegten Untersuchungen vorliegen, anhand derer man eine seriöse Aussage treffen könnte, so der Polizeisprecher.

Anteil von Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund ist angestiegen

In den Fällen, über die in jüngster Zeit berichtet wurde, handelte es sich bei den Tatverdächtigen häufig um jüngere Männer mit Migrationshintergrund. Hat das Tragen von Messern kulturelle Gründe? Ist der Anteil von Ausländern bei Straftaten mit Messern auffällig hoch?

Dazu kann die Polizei direkt keine Angaben machen. Nur so viel: Der Anteil nicht deutscher Tatverdächtiger bei den Delikten der gefährlichen und schweren Körperverletzung ist insgesamt angestiegen – im Jahr 2016 auf 41,3 Prozent in der Stadt Kassel. Diese Zahl sei in den vergangenen drei Jahren relativ konstant geblieben.

Gewalttaten mit Messern: Zahl der Fälle in Hessen stark gestiegen

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) hat den Landräten sowie den Oberbürgermeistern im Juli 2018 die Befugnis übertragen, an bestimmten Straßen, Wegen oder Plätzen in Kooperation mit der Polizei Waffenverbotszonen einzurichten. Hintergrund ist die steigende Zahl von Tötungsdelikten und Körperverletzungen, die mit einem Messer begangen werden. 2013 wurden in Hessen 865 Fälle registriert, 2016 lag die Zahl bei 1116 Taten und 2017 bei 1194 Delikten.

Das sagt die Gewerkschaft der Polizei: Erleichtert die Arbeit der Kollegen

Die Gewerkschaft der Polizei (GDP) würde es gutheißen, wenn in Kassel eine Waffenverbotszone eingerichtet wird, sagt der nordhessische GdP-Vorsitzende Stefan Rüppel. Nach seiner Ansicht wären dafür der Stern und die Obere und Untere Königsstraße geeignete Orte. Eine Waffenverbotszone würde die Arbeit seiner Kollegen bei Kontrollen erleichtern. Allerdings werde es aufgrund des Personalmangels bei der Polizei nicht mehr Kontrollen geben können.

Sicherheitsgefühl der Kasseler wird abgefragt

Wie sicher fühlen sich die Menschen in Kassel?* Diese Frage steht im Zentrum einer Bürgerbefragung der Universität Gießen. 10.000 Bürger ab 14 Jahren, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden sind, werden vom Institut für Kriminologie der Uni Gießen angeschrieben. Die Umfrage ist Teil der Sicherheitsinitiative Kompass (KOMunalProgrAmmSicherheitsSiegel), ein Angebot des Hessischen Innenministeriums an die Städte und Gemeinden.

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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