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Ein Journalist des Hessischen Rundfunks hat unter falschem Namen bei einem  „Synergetik-Therapeuten“ aus Mittelhessen recherchiert. (Symbolbild)
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Ein Journalist des Hessischen Rundfunks hat unter falschem Namen bei einem  „Synergetik-Therapeuten“ aus Mittelhessen recherchiert. (Symbolbild)

„Wunderheilung“

Undercover-Journalist entlarvt „Synergetik-Therapie“ für Krebspatienten als gefährlich

  • VonSophie Mahr
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Ein Journalist des Hessischen Rundfunks hat in einem Selbstversuch an „synergetischer Therapie“ teilgenommen, um zu sehen, wie damit Krebspatienten geholfen werden soll. Das Ergebnis ist schockierend.

Hessen – Ein Journalist des Hessischen Rundfunks (HR) hat sich undercover bei einem „Synergetik-Therapeuten“ aus Mittelhessen eingeschlichen, um dessen mutmaßlich gefährliche Methoden zu entlarven. Die am Donnerstag (12.08.2021) erschienene HR-Dokumentation „Gefährliche Heiler – sanft gegen Krebs, aggressiv gegen den Staat?“ zeigt, wie der Mann einem vermeintlich Krebskranken anbietet, in mehreren Gesprächssitzungen zu erkunden, welche seelischen Probleme der Patient hat, diese zu lösen – und so angeblich auch den Krebs zu besiegen. Die im Film befragten Experten, unter anderem ein renommierter Mediziner aus England, betonen das eigentlich Offensichtliche: Eine Krebserkrankung lässt sich nicht durch Gespräche allein heilen.

„Das ist allbekannter Schwachsinn“, sagte etwa Professor Edzard Ernst dem HR-Team. Krebs entstehe nicht durch innere Konflikte, auch wenn dies oft behauptet werde. Für ihn ist klar: „Krebs kann nicht beseitigt werden, indem man seelische Konflikte bearbeitet.“ Besonders gefährlich sei die Tatsache, dass der „Synergetik-Therapeut“ aus Mittelhessen von einer Chemotherapie abrate, und sich bei Kranken der Krebs so weiter ungehindert ausbreiten könne, statt behandelt zu werden. Ernst: „In vielen Fällen bezahlen die Patienten nicht nur teuer mit Geld, sondern mit ihrem Leben.“ Der Kritisierte selbst veröffentlichte bei YouTube eine Gegendarstellung, in der er die Berichterstattung angreift, und deutlich macht, sich missverstanden und falsch zitiert zu fühlen.

Hessen: Undercover bei Gesprächstherapie zur „Heilung“ von Krebs

Seit Corona ist Gesundheit im Alltag womöglich ein noch größeres Thema als zuvor. Gleichzeitig, so die These der HR-Recherchen, sei ein Zuwachs im Bereich Esoterik und alternative Therapien bei sogenannten Wunderheilern zu verzeichnen. Einige dieser selbsternannten Heiler versprächen nicht nur Therapien gegen Migräne oder Tinnitus, sondern auch gegen Covid-19 oder Krebserkrankungen, heißt es in der Doku. Ein solcher Ansatz ist auch die „Synergetik-Therapie“. Um herauszufinden, wie diese in der Praxis aussieht, setzte sich der Reporter mit Bernd Joschko, einem „Synergetik-Therapeuten“ aus der Nähe von Bad Endbach (Marburg-Biedenkopf), auseinander.

Der HR-Journalist buchte sich unter einem falschen Namen und mit einer ausgedachten Lungenkrebserkrankung drei „Sessions“ bei Joschko. Diese Treffen filmte er mit versteckten Kameras mit. Eine Session kostet laut HR-Bericht 230 Euro. In der ersten Sitzung ging es darum, zu erkunden, welcher angebliche innere Konflikt den Patienten plagt. Eine der Annahmen der „Synergetik-Therapie“ ist, dass Krebs eine Folge von ungelösten Konflikten beispielsweise aus der Kindheit sei. Der Reporter hatte sich deshalb eine erfundene Missbrauchsgeschichte zurechtgelegt, die er auf Nachfrage auftischte.

Imaginationsübung in Mittelhessen: Für Krebspatienten gefährlich

Im Film ist zu sehen, wie der verpixelte Joschko zu den Klängen von Entspannungsmusik eine „Reise ins Innere“ vorbereitet. Der HR-Journalist liegt mit verbundenen Augen auf einer Matratze. Dann folgt eine Imaginationsübung, die dem falschen Patienten die Angst nehmen soll. Laut dem aus einem Gedächtnisprotokoll nachvertonten Gespräch glaubt Joschko nämlich: „Die Angst ist ja der Hintergrund von Lungenkrebs, immer. Wenn du die Angst entschärfst, gibt es eine Entspannung. Das ist ja auch die Selbstheilungsarbeit.“ Das Resümee des Journalisten nach dem ersten Termin: „Ich fühle mich extrem unwohl, und frage mich, worauf das eigentlich alles hinausläuft.“

Die zweite und dritte Sitzung, die in der Dokumentation zu sehen sind, verlaufen nach dem gleichen Schema. Eine weitere obskure These, die dabei zum Vorschein kommt, ist, dass das Maskentragen und die Sorge um die Corona-Pandemie den Lungenkrebs verschlimmern könne. Fazit des Reporters nach dem Selbsttest: Was der „Synergetik-Therapeut“ mit verzweifelten Hilfesuchenden macht, ist „verantwortungslos und schockierend“. Fazit von Professor Ernst zu solchen „Alternativen Heilern“: „Die gehören nicht nur weg von der Praxis, die gehören ins Gefängnis.“

Hessen: Ärzte warnen davor, Krebs nur mit „Selbstheilung“ zu bekämpfen

Nach der Undercover-Recherche fuhr das HR-Team noch einmal in den mittelhessichen Ort bei Bad Endbach, um Bernd Joschko mit den Aufnahmen zu konfrontieren. In den Aufnahmen ist zu sehen, wie der HR-Journalist fragt, ob Joschko leugne, dass eine Chemo eine sinnvolle Therapie sei. „Ja na klar, ich bin ja kein Schulmediziner, ich muss an den Unsinn nicht glauben“, entgegnet Joschko – und entlarvt sich damit letztlich selbst. Ärzte warnen eindeutig davor, nur den Weg der „Selbstheilung“ zu gehen, da der Tumor ohne Chemo zum Teil so weit wachse, dass es hinterher zu spät sein könnte, um den Krebs noch medizinisch zu besiegen.

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