Abgestorbene Fichten: Dürre und Borkenkäfer haben in Hessens Wäldern schwere Schäden angerichtet.
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Abgestorbene Fichten: Dürre und Borkenkäfer haben in Hessens Wäldern schwere Schäden angerichtet.

Hessen

Geschockt vom Waldsterben 2.0 in Hessen

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Fachleute suchen bei SPD-Anhörung im Hessischen Landtag nach Lösungen für den Forst der Zukunft. Sie sehen Gefahren für Spaziergänger und Probleme beim Förderprogramm der Landesregierung.

Waldarbeiter befürchten, dass die massiven Schäden an den Bäumen Spaziergänger gefährden könnten. „Wir haben große Sorge, dass wir Wege sperren müssen, weil wir nicht mehr gewährleisten können, dass Spaziergänger schadlos durch den Wald gehen können“, sagte die Försterin Claudia Mävers von der Gewerkschaft IG Bau am Montag in Wiesbaden.

Mit dieser Warnung stand Mävers bei einer Anhörung der SPD-Fraktion im Landtag nicht alleine da. „Die Verkehrssicherungspflicht ist ein enormes Thema geworden“, pflichtete ihr Matthias Becker vom Hessischen Waldbesitzerverband bei. Und der Vorsitzende des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) in Hessen, Gerhard Eppler, betonte: „Einer der gefährlichsten Berufe überhaupt ist der des Waldarbeiters.“

Die Sozialdemokraten hatten Wissenschaftler und Praktiker, Naturschützer, Waldbesitzer, Jäger und Bauern zu einer Anhörung ins Parlament eingeladen. Unter ihnen herrschte angesichts der enormen Schäden durch Dürre, Sturm und Borkenkäfer in den Jahren 2018 und 2019 große Nachdenklichkeit.

„Das Waldsterben 2.0 war ein Schock für alle“, stellte Thomas Norgall vom Bund für Umwelt und Naturschutz fest. Bisher habe man sich bei allen Diskussionen auf die Erfahrungen der Vergangenheit stützen können. Nun aber entwickele sich die Natur anders als in der Vergangenheit. „Das, worauf man sich stützt, ist verdammt schwankend geworden“, räumte Naturschützer Norgall ein. „Deswegen sitzen wir hier“, stimmte ihm der umweltpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Gernot Grumbach, zu.

Zahlreiche Redner sprachen sich dafür aus, größere Flächen Wald sich selbst zu überlassen, da die natürlich angesiedelten Bäume stabiler wurzelten als angepflanzte. So äußerte sich etwa Christian Geske vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie.

Gegen reinen Fichtenwald

Försterin Mävers warnte aber, dies sei in manchen Gebieten nicht sinnvoll – etwa in Nordhessen, wo Millionen von Fichten umgerissen worden seien. Bei einer „Naturverjüngung“ sei nicht garantiert, dass der nachwachsende Wald der Klimaveränderung standhalten könne. Vielmehr sollten andere Baumarten gepflanzt werden, damit Mischwald entstehe und nicht erneut ein reiner Fichtenwald.

Gemischte Resonanz gab es auf den Plan der Landesregierung, der Forstwirtschaft und dem Landesbetrieb Hessenforst mit 200 Millionen Euro in fünf Jahren zusätzlich unter die Arme zu greifen. „Man will das, was passiert ist, aufräumen“, sagte Nabu-Chef Eppler. Es dürften aber nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholt werden. Man müsse vielmehr neue Wege der Bewirtschaftung finden.

Forstwirt Matthias Becker, der den „Büdinger Wald“ im Unteren Vogelsberg bewirtschaftet, beklagte zudem, dass viel zu wenig Geld aus den Fördertöpfen bei Waldbesitzern ankomme. Der Grund sei eine Regelung der Europäischen Union (EU), wonach nicht mehr als 200.000 Euro an Fördermitteln pro Betrieb ausgeschüttet werden könnten.

Für seinen Forst stünden ihm aus dem Landesprogramm allein in diesem Jahr eigentlich 500 000 Euro zu, berichtete Becker. Er sei mit diesem Problem nicht allein. „Viele Betriebe werden sich aus dem Programm nur homöopathisch bedienen können“, schilderte der Waldbesitzer.

Von Pitt von Bebenburg

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