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Wurden in Arztpraxen Patienten behandelt, bei denen sich später eine Corona-Infektion bestätigt, droht dem Personal Quarantäne.

Coronakrise

Behörden schließen Arztpraxen in Hessen wegen des Coronavirus

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Wurden in Arztpraxen Patienten behandelt, bei denen sich später eine Corona-Infektion bestätigt, droht dem Personal Quarantäne. Das könnte die Versorgung gefährden.

  • Das Coronavirus* breitet sich weiter rasant aus
  • Immer mehr Ärzte und Arztpraxen bekommen die Auswirkungen zu spüren
  • Die Behörden greifen wegen der Corona-Krise immer härter durch

Das war knapp. Fast hätte die Hausärztin aus Südhessen zu Hause in Quarantäne Däumchen drehen müssen. Sie hatte zwei Urlaubsrückkehrer behandelt, die eine Woche später positiv auf Corona getestet worden waren. Andere Kollegen und deren Patienten hatten weniger Glück: 29 Arztpraxen in Hessen konnten am Freitag nicht öffnen, weil die zuständigen Gesundheitsämter das so angeordnet hatten. 

Und es werden immer mehr. „Das Gros sind Allgemeinmediziner, aber es sind auch andere Fachgruppen betroffen“, sagt Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) auf Anfrage der Frankfurter Rundschau. „Letztlich geht es durch das komplette Spektrum, auch vier Psychotherapeuten sind dabei.“

Kliniken und Praxen benötigten in Corona-Krise „rasche Hilfe, um Versorgungsengpässe zu verhindern“

Eine Entwicklung, die dem Präsidenten der hessischen Ärztekammer, Edgar Pinkowski, Sorge bereitet. Er warnt davor, die Versorgung der anderen Erkrankten zu vernachlässigen. Pinkowski fordert die Gesundheitsämter „dringend auf, Praxisschließungen im Zusammenhang mit Corona unter maximaler Nutzung des Ermessensspielraums auf das absolut notwendige Maß zu begrenzen“. Zugleich mahnt er bei Bund und Ländern die seit Wochen versprochene Schutzausrüstung an. Kliniken und Praxen benötigten „rasche Hilfe, um Versorgungsengpässe zu verhindern“.

Denn das ist der Knackpunkt. Wenn dem Praxispersonal ausreichend Masken, Handschuhe, Brillen und Anzüge zur Verfügung stehen, kann es weiterarbeiten. Bei der Hausärztin aus Südhessen war das so, sie möchte anonym bleiben. Ihre Arztpraxis hatte schon vor Monaten einen Vorrat an Utensilien zum Infektionsschutz angelegt. Das zahlt sich jetzt aus. Sie und ihre beiden Mitarbeiterinnen bekamen die Erlaubnis, weiter tätig zu sein, wenn sie das Hygienematerial einsetzen und sich nur um Notfälle kümmern. Zwei Tage arbeitete das Team unter diesen Auflagen. Dann hatten sie das Ergebnis des Corona-Tests in den Händen: alle drei negativ.

Corona-Krise: Wachsende Zahl an Infizierten führt zu Notfallbetrieb in Arzt-Praxen

Angesichts der wachsenden Zahl an Infizierten gibt es für die Hausärztin nur eine Lösung: „Generell nur noch Notfallbetrieb in allen Praxen.“ Die Versorgung und Beratung der anderen Kranken erfolge per E-Mail oder Telefon. Hausbesuche sollten auf das unbedingt Nötige reduziert werden. „Denn diese Patienten gehören zu den Risikogruppen.“

Die „Arztpraxen im Ried“ haben sich bereits umorganisiert. Sie sind nur nach einem vorherigen Anruf zugänglich. Die Telefonsprechstunden sind stark ausgeweitet, auf diesem Weg gibt es auch Krankmeldungen und Rezepte für banale Erkrankungen. „Das Wichtigste ist nun, die Virusausbreitung zu verlangsamen“, teilt die Ärztegemeinschaft aus dem südlichen Kreis Groß-Gerau (Hessen) mit.

Corona-Kise: Micheal Andor befüchtet „Man legt auf Dauer die ambulante Versorgung lahm.“

Denn es könne immer wieder einmal vorkommen, dass ein Corona-Infizierter plötzlich in der Praxis steht, sagt Michael Andor. Er ist Mitglied des Vorstands des hessischen Hausärzteverbands. „Wie das jeweilige Gesundheitsamt darauf reagiert, ist sehr unterschiedlich.“ Die einen stellten Auflagen, andere verordneten die Schließung, bis das Testergebnis für alle Mitarbeiter vorliegt. Dazwischen vergehe immer mehr Zeit, weil die Labore zunehmend mehr zu tun haben. 

Seine Befürchtung: „Man legt auf Dauer die ambulante Versorgung lahm.“ Hygiene werde bei allen Kolleginnen und Kollegen ohnehin großgeschrieben. Und nach seiner Meinung gibt es in der aktuellen Situation Wichtigeres zu tun: „Wir müssen uns auf den konsequenten Schutz derjenigen konzentrieren, die besonders gefährdet sind.“ Die Alten, Pflegebedürftigen und Menschen mit Vorerkrankungen.

Von Jutta Rippegather

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) lockert vorübergehend die Vorschriften für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. In Zeiten des Coronavirus Sars-CoV-2 reicht für die Krankschreibung vom Arzt* in bestimmten Fällen ein Telefonanruf.

Aus Furcht vor Infektion mit dem Corona-Virus meiden Kranke Kliniken und Praxen. Die Behandlungen von Schlaganfällen, Krebs oder Magengeschwüren werden so verschleppt.

*fr.de ist Teil des bundesweiten  Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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