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Um den Mangel zu bekämpfen, hat die Landesregierung die Lehrerausbildung ausgeweitet.

Hessen

Bildung am Limit: In hessischen Schulen fehlen hunderte Lehrer

In Hessen fehlen Hunderte Pädagoginnen und Pädagogen. Die Schulen helfen sich selbst.

Hessen - Nach Schätzungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fehlen in Hessen zurzeit mehrere Hundert Grundschullehrkräfte. Genauere Zahlen dazu gibt es nicht, das Kultusministerium in Wiesbaden schweigt dazu. „Das Besetzungsverfahren dauert bis zu den Herbstferien, Wasserstandsmeldungen geben wir nicht“, sagte ein Ministeriumssprecher am Montag.

Die Unterrichtsabdeckung sei gewährleistet, es werde keinen „etatmäßigen Unterrichtsausfall“ geben, versicherte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) Anfang August zum Schuljahresbeginn. Zu Engpässen könne es kommen, wenn Lehrkräfte krank würden, in Elternzeit gingen oder Klassenfahrten unternähmen. Das liegt auch daran, dass die „Lehrer-Feuerwehr“ unterbesetzt ist. Von den 302 Stellen in der mobilen Vertretungsreserve waren zuletzt weniger als 140 besetzt.

„Das Grundproblem liegt darin, dass eine auf dem Papier vorhandene Planstelle nicht bedeutet, dass es dafür auch eine ausgebildete Lehrkraft gibt“, erklärt Roman George, Referent für Bildungspolitik beim hessischen GEW-Landesverband. Diese seien auf dem Markt einfach nicht vorhanden. Gerade die Grundschulen müssten deshalb verstärkt mit Seiteneinsteigern arbeiten, also pädagogischen Mitarbeitern, die über keine abgeschlossene Lehrerausbildung verfügen.

Hanne Opiolka kann davon erzählen. Sie leitet die Anne-Frank-Schule in Offenbach mit knapp 300 Schülerinnen und Schülern, für die wenigsten ist Deutsch die Muttersprache. Wer sein Studium absolviert hat, für den ist die Schule im Brennpunkt nicht unbedingt die erste Wahl.

Lehrermangel an Grundschulen wird immer dramatischer

„Wir haben uns bei der Besetzung der Stellen selbst helfen müssen“, berichtet Opiolka. Von den gut 16 Planstellen ist eine zurzeit überhaupt nicht besetzt, die verbleibenden teilen die insgesamt 24 Lehrkräfte unter sich auf. Sieben davon sind keine ausgebildeten Lehrer, sondern haben eine Sporttrainerlizenz vorzuweisen, einen Abschluss von der Musikschule, einen Magister in Germanistik oder ein abgebrochenes Lehramtsstudium.

Lehrermangel: Pflichtunterricht abgedeckt

„Wir sind heilfroh, dass wir diese Menschen hier haben, sie sind gerne bei uns und sind gut eingearbeitet“, sagt Opiolka. Die meisten haben den Weg zur Anne-Frank-Schule als Vertretungskräfte gefunden und sind geblieben. Anders ginge es auch kaum. „Früher gab es eine Interessentenliste beim Schulamt, da steht schon lange niemand mehr drauf“, sagt die Schulleiterin. Wer auf ausgebildete Lehrkräfte warte, der könne lange warten.

Kritisch sieht Mario Michel, Vorsitzender des hessischen Grundschulverbands, die Situation vor allem bei Aufgaben wie Ganztagsangeboten, Sprachförderung oder der Integration von Seiteneinsteigern. Die vorhandenen Lehrkräfte genügten gerade, um den Pflichtunterricht abzudecken. An seiner eigenen Schule in Kirchhain bei Marburg greift er auf Erzieherinnen, Studierende und Sozialpädagogen zurück.

Lehrermangel: Kinder werden um Bildung betrogen

„Der zusätzliche Bedarf wird in den nächsten Jahren auf mehrere Tausend steigen“, prognostiziert George. Zum einen sei eine Zunahme der Schülerzahl von jetzt 215 000 auf 240 000 bis 2025 zu erwarten. Zudem hat die schwarz-grüne Koalition angekündigt, eine zusätzliche Stunde Deutschunterricht einführen zu wollen. Allein dafür seien noch einmal gut 400 zusätzliche Lehrkräfte nötig, rechnet George vor.

Lehrermangel: Landesregierung hat Lehrerausbildung ausgeweitet

Um den Mangel zu bekämpfen, hat die Landesregierung die Lehrerausbildung ausgeweitet. Im Wintersemester sollen an den Universitäten in Frankfurt, Gießen und Kassel 135 Studienplätze für das Grundschullehramt hinzukommen. Um den Beruf attraktiver zu machen, müsse nun auch die Besoldung um eine Stufe auf A13 angehoben werden, wie das bereits sieben andere Bundesländer getan hätten, fordert die GEW. Kurzfristig aber könne auch dies keine Entlastung bringen, sagt Mario Michel. Die sei auch nicht in Sicht. „Wir laufen permanent am Limit“, räumt der Ministeriumssprecher ein.

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