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Xavier Naidoo war Anlass für Protest in Gießen.

Gießener Kultursommer mit Xavier Naidoo

Protest gegen Xavier Naidoo: Gefahr von Verschwörungstheorien wird unterschätzt

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Ein Bündnis organisiert im Kontext des Gießener Kultursommers einen Protest gegen den umstrittenen Sänger Xavier Naidoo. Die FR hat mit Vertreterinnen gesprochen.

Frau Klubmann und Frau Schlocker, Sie haben an der Demo gegen Xavier Naidoo teilgenommen als Mitglieder der Studentischen Initiative gegen Antisemitismus sowie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e. V. AG Gießen. Was werfen Sie dem Sänger vor? 

In den Liedtexten Xavier Naidoos finden sich immer wieder Ansätze von falscher Kapitalismuskritik. Jedoch sagen die Texte nicht aus, dass ein kapitalistisches System immer wieder Ungleichheiten produziert sondern, dass konkrete Personen dafür verantwortlich seien. Der Song „Raus aus dem Reichstag“ bspw. bedient durch den Verweis auf „Baron Totschild“ das alte Narrativ der reichen, jüdischen Bankiersfamilie Rotschild, die durch ihre gierigen Machenschaften die ehrlichen „Bürger“ betrügen würde. Das ist eine offene Schlagseite zum Antisemitismus. 

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Hinzu kommt, dass es sich bei Verschwörungstheorien, wie seine Aussagen sie teils bedient, um geschlossene ideologische Erklärungsversuche handelt, die immun gegen Widersprüche sind. Es werden immer die gleichen Personengruppen für komplizierte Ereignisse verantwortlich gemacht. Das endet wiederholt in Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Die Gefahr, die von Verschwörungstheorien ausgeht, wird unterschätzt.

Warum ist das bei Naidoo besonders kritikwürdig? 

Er ist ein sehr erfolgreicher Sänger und gerade diese Tatsache macht es so wichtig, dass Kritik an seinen Liedtexten geäußert wird und eine Auseinandersetzung folgt. Die soll aber nicht nur für Xavier Naidoo gelten, sondern ebenfalls für seine Rezipient*innen seiner Musik, Veranstalter*innen, die ihm eine Bühne bieten und deren Sponsor*innen.

Was erwarten Sie von Naidoo? 

Wir wünschen uns von Xavier Naidoo eine glaubhafte Distanzierung von Homophobie, Antisemitismus und Reichsbürgerideologie, die auf eine kritische inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Themen schließen lässt. Die Initiative gegen Antisemitismus veranstaltet im Übrigen regelmäßig Vorträge rund um das Thema Antisemitismus. Wir würden uns freuen, wenn Naidoo an einer der Veranstaltungen teilnimmt.

Naidoo verteidigt sich regelmäßig und betont, sich gegen Rassismus einzusetzen. Nicht glaubwürdig? 

Nur weil sich jemand für eine gute Sache einsetzt, schließt das nicht aus, dass dieselbe Person bei einer anderen Thematik fragwürdige Sichtweisen öffentlich äußert. Außerdem sind Rassismus und Antisemitismus zwei unterschiedliche Phänomene. Antisemitismus ist das Narrativ der übermächtigen kleinen Gruppe, die für alles Übel der Welt verantwortlich gemacht wird und ein imaginiertes „Wir“ durch Zersetzung bedroht. In der logischen Konsequenz können „Wir“ nur gerettet werden, wenn die übermächtige Gruppe vernichtet wird. 

Rassismus dagegen ist die Idee, dass es unterlegene, oder gar als unzivilisiert geltende Menschen gibt, die nicht zu „Uns“ gehören.  

Gab es eine Reaktion von Seiten des Gießener Kultursommers oder Xavier Naidoos? 

In einem Artikel der Gießener Allgemeinen hat sich der Veranstalter des Gießener Kultusommers, Dennis Bahl, zu Wort gemeldet. Er führt an, dass sich Xavier Naidoo von den Vorwürfen distanziert hätte. Es wird jedoch nicht klar, auf welche Vorwürfe Dennis Bahl sich bezieht. Zudem liegt dem Bündnis keine Distanzierung von Xavier Naidoo vor, die Bezug auf die Kritik des Bündnisses nimmt.

Die Fragen wurden von den Sprecherinnen des Bündnisses zur Kritik am Auftritt Xavier Naidoos beim Gießener Kultursommer, Judith Klubmann und Cäcilia Schlocker, beantwortet. Gegründet wurde das Bündnis von Mitgliedern der Studentischen Initiative gegen Antisemitismus Gießen, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Gießen und der GWUP Mittelhessen.

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