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Reisende aus Risikogebieten werden hier demnächst gratis auf Corona untersucht. Foto: Monika Müller

Corona

Zweites Corona-Testcenter am Flughafen

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Ärztekammerpräsident warnt aber davor, Negativergebnis als Freibrief zu verstehen. Das Angebot kostet nichts und hilft auch dem darbenden Flugverkehr.

Zweifel an der Wirksamkeit von Corona-Pflichttests für Reiserückkehrer hegt der Präsident der hessischen Ärztekammer, Edgar Pinkowski. Sinnvoller sei, das Personal in Krankenhäusern und Arztpraxen sowie Lehrer regelmäßig zu testen. Auch die Nöte der Fußballfans seien sekundär. „Wichtiger als Stadionöffnungen ist ein Regelschulbetrieb – nicht nur für Schülerinnen und Schüler, sondern auch für die Volkswirtschaft insgesamt.“ Studien belegten, dass Schulausfall über einen längeren Zeitraum bleibende Defizite hinterlasse.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Testpflicht für Rückkehrer* aus Risikoländern einführen. Sobald die Anordnung aus Berlin in Wiesbaden angekommen ist, soll am Frankfurter Flughafen für diese Personengruppe ein zweites Testzentrum an den Start gehen. Es befindet sich direkt gegenüber dem „Walk-in“, der vor einem Monat zwischen Fernbahnhof und Terminal 1 eröffnet hat. Der Unterschied: Im neuen Zentrum ist der Test gratis, finanziert vom Land und aus der Liquiditätsreserve der gesetzlichen Krankenversicherungen, dem Gesundheitsfonds, sagte Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) am Mittwoch beim Ortstermin.

Bis zu 600 Tests pro Stunde seien auf der 1200 Quadratmeter großen Fläche organisierbar, sagte Fraport-Chef Stefan Schulte. Derzeit verzeichne der Flughafen 16 000 Rückkehrer aus Risikogebieten pro Woche. Sollten es mehr werden, könnten die Kapazitäten ausgebaut werden. Der Airport-Manager lobte die Einführung kostenloser Tests. „Das wird dem Luftverkehr eindeutig helfen.“ Die Branche liegt nach wie vor im Wortsinn am Boden. Der Einbruch in Frankfurt beträgt aktuell rund 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Getesteten sollen schnell wissen, woran sie sind. Ziel sei, dass das Ergebnis nach zwölf Stunden vorliege, sagte ein Vertreter der Firma Centogene, die gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz das neue Zentrum betreiben soll. Das Gentechnologieunternehmen hat vor einem Monat den „Walk-in“ gegenüber eröffnet, vor dem sich am Mittwoch eine lange Warteschlange bildete. Nach Firmenangaben ist das Interesse ausgesprochen groß, rund 1500 Tests am Tag seien die Regel. Der neue Service am Flughafen sei für Flugreisende aus Risikoländern gedacht, sagte Klose. Wer mit dem Auto unterwegs war, könne sich bei seinem Hausarzt testen lassen. Kontrolliert werde das Einhalten der Testpflicht nicht. Doch er gehe davon aus, dass die Betroffenen „schon aus Eigeninteresse“ die Möglichkeit nutzten. Zumal jenen ein Bußgeld drohe, die gegen die Anordnung verstoßen.

Grundsätzlich hält Landesärztekammerpräsident Pinkowski die Ausweitung der Tests für richtig. Warnt zugleich: „Allerdings stellt jedes Testergebnis nur eine Momentaufnahme dar.“ Das gelte generell, also auch f��r Urlauber, die aus Risikogebieten zurückkehren. Zudem könne ein negativer Befund dazu verleiten, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. „Mit der Konsequenz, dass die wichtigen Abstands- und Hygieneregeln nicht mehr konsequent eingehalten werden.“ Dabei stellten diese erwiesenermaßen den einfachsten und effektivsten Schutz dar.

Ein negatives Testergebnis, warnt Pinkowski, dürfe nicht als Freibrief verstanden werden. Zu Beginn einer Infektion sei das Virus noch nicht nachweisbar, außerdem könne man sich am Tag nach der Testung anstecken. „Ich bin deshalb sehr skeptisch, ob Massentests für jedermann, wie beispielsweise in Bayern, oder Pflichttests bei der Rückkehr aus Risikogebieten geeignete Mittel zur Eindämmung der Pandemie sind.“ Ob Reiserückkehrer wirklich keine Infektion mitgebracht haben, lasse sich erst nach rund einer Woche sicher feststellen.

Um einen Shutdown zu verhindern, fordert Pinkowski „eine schnelle, fallbezogene Cluster-Isolierung“. Dabei werden alle Kontaktpersonen umgehend in Quarantäne untergebracht, damit nicht ganze Städte oder Landkreise abgeriegelt werden müssen. Eine Woche mit anschließend negativem Test reiche nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus. „Die Inkubationszeit ist doch kürzer als ursprünglich angenommen.“

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