Topage-Model aus Oberrad

Die zweite Lebenshälfte ist nicht grau

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Das Topage-Model Renate Zott setzt sich über gesellschaftliche Einschränkungen elegant hinweg. Die Oberräderin bloggt auch über Mode und Gesellschaft.

Die weite Welt liegt so nah: Der Besucher läuft eine unscheinbare Straße entlang, zu einem normalen Haus, biegt durch ein graues Tor und tritt unvermittelt in ein schickes Loft. Renate Zott und ihr Mann haben sich eine alte Werkstatthalle umgebaut, entkernt, Zwischenwände rausgenommen, den Putz abgemacht, den Backstein frei gelegt. Küche, Wohnzimmer, Schlafgemach, Sportecke, alles ist in einem großen Zimmer untergebracht, in einer Ecke steht sogar ein Flügel.

Gäbe es das Adjektiv, wäre Zotts Wohnung als „newyorkig“ zu bezeichnen. Lässig lehnt die Eigentümerin an der Bar. Also, an der Theke ihrer Küche. Und nippt am Milchglas. Was Models eben so trinken. Topmodels. Beziehungsweise: Topage-Models. So sagt es Renate Zott. Nicht „golden age“, nicht „best age“, sondern top. Weil die zweite Lebenshälfte die beste ist, einfach top, sagt sie.

Zott sagt das nicht so dahin, sie strahlt es aus. Die Haltung ist kerzengerade, entschlossen, die Stiefel sind hoch, ach was, sehr hoch, mit Absatz. Die Jeans sind kurz, die Haare schimmern blond, die Lippen leuchten rot. Da steht eine Frau, die noch viel vorhat. Eine dritte Karriere plant.

Noch führt sie ihrem Mann das Büro, einem Sanitär- und Heizungsfachmann. Eigentlich ist sie aber Model und Bloggerin. Nebenberuflich. Begonnen hat sie ihre Erwerbsbiografie als unabhängige Versicherungsmaklerin. Ihr erster Ehemann hat sie dazu gebracht. Als die Ehe scheitert, ist Zott auf sich allein gestellt, mit Kind und Schulden. „Eine Lebensaufgabe für eine Angestellte.“

Zott hat nicht geklagt, aber viel gearbeitet. Sie setzt sich durch in einer Männerwelt, gegen „bissige Schadensregulierer“. Zott baut sich eine Agentur auf. Mit 49 Jahren verkauft sie die Firma. „Ich war müde“, sagt sie. Burnout ist es nicht, aber immer öfter denkt sie beim Aufstehen morgens um 5 Uhr, dass sie auch kürzer treten könnte. Das bedeutet nicht, dass sie sich fortan aufs Sofa fläzt. Sie hat ja noch die Heizungs-Büroarbeit – und ein bisschen Model-Erfahrung gesammelt, als Hobby, sagt sie. Zott schwebt beim Schweizer Straßenfest über den Laufsteg. Sie ist auch in einem Wellness-Prospekt zu sehen.

Mode ist schon immer wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Gerne kauft sie sich mal ein edles Stück. Von ihrem ersten selbst verdienten Geld, mit 20 Jahren, hat sie sich einen Hosenanzug von René Lezard zugelegt. „Darin habe ich wie 35 ausgesehen.“ Heute ist sie 52, sieht aber aus wie, nun, das ist schwer zu sagen. Zott wirkt alterslos. Wenn sie lacht ist sie ein junges Mädchen, wenn sie ernst redet, wirkt sie wie ein Staatsoberhaupt.

Zott hat Kontakte, meldet sich bei Model-Agenturen. Sie merkt aber schnell: Einfach wird das nicht. „Eine 50-Jährige will niemand sehen“, sagt sie. Und je länger sie darüber nachdenkt, desto mehr wurmt es sie. Es gibt Mode für Schwangere, Mode für große Größen. „Aber mit 50plus ist man weg vom Fenster.“

Einmal mehr akzeptiert Zott die gesellschaftliche Schranke nicht. Sie arbeitet daran, sie einzureißen. Zott modelt weiter, sie schreibt auch über Mode 50plus im Internet. Auf ihrem eigenen Blog und auch als Botschafterin für den Bundesverband „Initiative 50plus“. Sie möchte das Thema in die Öffentlichkeit tragen. Einerseits die Leute modisch inspirieren, andererseits zur Auseinandersetzung über das Thema Alter anregen. Wirtschaftlich wie medial sei die Gruppe 50plus hoffnungslos unterrepräsentiert, findet Zott. Dabei sei die Gruppe der jungen Käufer genauso groß, wie die der alten.

Mit dem Begriff „altersgerecht“ kann sie nichts anfangen. Ihre Outfits sind fröhlich, bunt, rockig, lebensfroh. Sie will etwas symbolisieren: „Power“. Wer diese Kleidung trägt, vermittelt sie, will durchstarten, etwas auf die Beine stellen. Nicht zu Hause sitzen und Socken stricken.

Zumindest eine große Modekette möchte Zott überzeugen. Das ist ihr Traum. Eine Plakatkampagne von Mango, H&M, oder Esprit, auf großen Leinwänden an den S-Bahnstationen, mit Katalogen, ganzseitigen Magazin-Anzeigen oder einer Fernsehshow „Germanys next Top-Age-Model.“

Trotz aller Modefragen, es geht Zott nicht nur um Klamotten und Frisuren. Sie folgt eher der Frauenbewegung der 70er. Das Private ist politisch. Das Alter ist seltsam marginalisiert im öffentlichen Diskurs, findet sie. Vielleicht ist die ältere Generation „digital nicht so gut drauf. Aber man kann sich doch austauschen und voneinander profitieren“, findet sie. Auf Wissen und Kompetenzen zurückgreifen. Wenn sie dann aber sehe, wie Frauen noch immer das Standard-Prozedere durchlaufen, schlägt es ihr Sorgenfalten auf die Stirn (Falten – damit lässt es sich leben, die sollten Frauen mit Würde tragen, sagt Zott).

Frauen sind angestellt, bekommen Kinder, arbeiten dann halbtags. Damit sind sie in ihrer Altersvorsorge vom Mann abhängig. Verlassen können sie den nicht. „Sie haben ihr ganzes Leben gearbeitet, können aber von der Rente nicht leben. Das wird von der Politik nicht bearbeitet“, sagt Zott. Auch das sind Themen, die sie in ihren Internet-Texten anschlägt. „Menschen in unserem Alter, haben eine politische Meinung, möchten zu den Dingen etwas sagen“, sagt sie. Und wenn sie dabei noch bunt und lebensbejahend aussehen: um so besser.

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