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Zwei verheerende Explosionen

Vor 120 Jahren starben 26 Menschen beim Brand im Chemischen Werk Griesheim Elektron

Nach Berichten der Augenzeug:innen beginnt das Inferno an diesem in weiten Teilen sonnigen Tag des 25. April 1901 nach dem Brand gegen 16 Uhr wie bei einem Vulkanausbruch: „Wir wurden weggeschleudert und fielen zwischen die Fässer. Es war stockfinstere Nacht um mich herum. Mir kam der Gedanke, lebendig verbrennen zu müssen“, heißt es in einem Bericht des damaligen jungen Werksingenieurs Herrmann Raschen. Die Druckwelle ist derart heftig, dass sogar jenseits des Mains die Fenster der Schwanheimer Pfarrkirche Sankt Mauritius bersten.

An diesem Tag vor 120 Jahren kam es im Chemischen Werk Griesheim Elektron, heute Teil von Clariant, bei der Produktion von Pikrinsäure zu einem folgenschweren Brand mit zwei verheerenden Explosionen: 26 Menschen wurden getötet, rund 200 verletzt. Die damals noch selbstständigen Ortschaften Griesheim und Schwanheim mussten geräumt werden.

Bis nach Mainz sollen die Explosionen zu hören gewesen sein. Im gegenüberliegenden Schwanheim wurden die Fenster von Kirchen und Häusern zertrümmert und Dächer abgedeckt: „Schwere, glühende Eisenteile flogen über den Main und schlugen in Schwanheim wie Granaten ein. Zwei Scheunen entzündeten sich und brannten ab“, schreibt der Heimatforscher Norbert Müller in „Sagen, Geschichten und Gereimtes“ nach der Auswertung der historischen Unterlagen.

Seit dem Jahr 1937 erinnert ein Denkmal am Griesheimer Friedhof an die Katastrophe, die feierliche Bestattung und einen weiteren Unfall 1917. Pazifist:innen fühlen sich an den Leitsatz erinnert, dass Waffen auch im Frieden töten: Denn Pikrinsäure wurde zunächst in der Farbindustrie, dann aber als Füllstoff für Granaten in der Hanauer Pulverfabrik verwendet. Die Gefahr der Säure als gelbes, pulverisiertes Produkt beim Lagern und Abpacken war bekannt, doch dass sie schon während der Herstellung hochexplosiv war, wurde offenbar unterschätzt.

Für die Freiwillige Feuerwehr Griesheim blieb während der beiden Explosionen im Abstand von 40 Sekunden nur die rettende Flucht nach Süden, während sich die Werkfeuerwehr nördlich in einen etwa 30 Meter entfernten Neubau flüchtete. Doch unter der Wucht der Detonation stürzte dieser Neubau in sich zusammen und begrub unter sich die ganze Abteilung.

Die fortgeschleuderten Gebäudeteile setzten fast alle angrenzenden Fabriken in Brand, die benachbarten Feuerwehren und einige Kompanien des 80. Regiments aus der Gutleutkaserne eilten zu Hilfe. Bahnverbindungen, Telefon- und Gasleitungen zwischen dem Westen und der Frankfurter Innenstadt mussten stillgelegt werden. Erst nach 20 Stunden intensiver und von Folgeexplosionen gestörter Löscharbeiten waren alle Brände niedergeschlagen.

In der panikartigen Aufregung kam es schon damals zu übertriebenen Skandalmeldungen: Die Zahl der geborgenen Leichen wurde auf 80 erhöht, in Schwanheim sollten die Leute durch ausströmende Gase auf der Straße tot umgefallen sein. Und die Sensationsgier habe nach Pressemeldungen drei Tage nach den Explosionen „wahre Völkerwanderungen“ ausgelöst. „Am Sonntag ergoss sich nach Griesheim und Schwanheim ein schier unabsehbarer Menschenstrom“, schrieb das Höchster Kreisblatt.

Aber auch Arbeitsschutz und Kapitalismus wurden durch die überregionale Berichterstattung zum Unfall thematisiert: Den „Höchster Fabrikpaschas“ gehe es nur um die Dividende, jede selbstständige Arbeiterorganisation sei verfolgt und bekämpft worden, die Rettung von Arbeitsmaterial wichtiger als die von Menschen gewesen, weshalb man nicht sofort beim Ausbrechen des Brandes das gesamte Fabrikgelände und umliegende Straßen geräumt habe. Vertreter der Chemischen Werke hätten zudem in der Griesheimer Gemeindeverwaltung die Errichtung eines Krankenhauses für die damals schon 8000 Einwohner:innen verhindert.

Aber auch am Ende des vorigen Jahrhunderts schrillte wieder der Alarm in Griesheim. Den Rosenmontags-Störfall am 22. Februar 1993 verursachte ein Druckanstieg in einem Reaktor und beim Störfall vom 27. Januar 1996 trat bei einer Verpuffung das Pflanzenschutzmittel Isoproturon aus. „Man kann so etwas nie ausschließen, doch heute gibt es in der Branche neben Facharbeitskräften wie den Chemiekanten viel bessere Schutzbedingungen und regelmäßige Brandschutzübungen für den Ernstfall“, sagt Dennis Blum. Er ist als Kassierer im Geschichtsverein Griesheim tätig und in der Chemiebranche beschäftigt. „Damals war die chemische Fabrikation noch jung und unerfahren und beschäftigte viele angelernte Hilfskräfte aus Bauernfamilien.“

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