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Zur Strafe in die Planke gedrängt

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Von: Stefan Behr

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Gericht verhängt Haftstrafe gegen Autofahrer nach bizarrer Wut-Attacke auf der A3.

Man kann nicht behaupten, dass Ghader H. ein Quell sprudelnden Wissens sei. Er weiß nicht so genau, wie alt er ist, er weiß nicht so recht, wo er wohnt, und er weiß auch nicht, ob er noch verheiratet ist. Da ist es vielleicht ein bisschen viel von ihm verlangt, die Straßenverkehrsordnung zu kennen. Aber was H. am 8. Juni 2021 auf der A3 getrieben hat, verstößt nicht nur gegen diese, sondern auch gegen gesunden Menschenverstand, gute Sitten und das Strafgesetzbuch. Weshalb der nach eigenen Angaben und langer Rechnerei mutmaßlich 31-Jährige sich am Dienstag vor dem Amtsgericht verantworten muss.

Zum Glück hat H. die Tat vor einer Überwachungskamera begangen. Das Video zeigt, was die Anklage erzählt: Gegen 20.30 Uhr ist die heute 20 Jahre alte Lena T. mit ihrem Freund in ihrem VW Polo auf der Heimfahrt nach Butzbach. Und das nicht unflott, sie selbst schätzt ihr damaliges Tempo auf 130. Sie fährt auf der mittleren Fahrspur. Kurz vor der Raststätte Taunusblick fährt vor ihr ein Lkw zum Überholen von der rechten auf die mittlere Spur, T. setzt den Blinker und fährt auf die linke Spur.

Damit schmälert sie offenbar das Fahrvergnügen von H., der dort in seinem Opel Astra heranbraust und den Fuß vom Gas nehmen muss. Diese Schande bleibt nicht ungesühnt. Nachdem T. den Laster überholt hat, fährt sie wieder in die Mitte, H. schließt auf der linken Spur auf und geht neben ihr in die Eisen, was nun wiederum die Autos hinter ihm gefährdet. Dann zieht er nach rechts und rammt T.s Polo in voller Fahrt. Er schiebt ihn über die rechte Fahrspur und den Standstreifen bis gegen die Leitplanke. Beide Autos krachen in die Planke. Der Polo ist danach nur noch Schrott.

Wie durch ein Wunder passiert den beiden Insassen relativ wenig. Lena T. erleidet ein Schleudertrauma, einen Schock und prellt sich die linke Hand, ihr heute 22 Jahre alter Freund kommt mit dem Schrecken davon. Ghader H. verliert kurz das Bewusstsein. Ob vor Zorn oder wegen des Unfalls bleibt unklar, H. äußert sich zur Anklage mit keinem Wort.

Der direkt hinter ihm gefahrene Zeuge beschreibt die Szene als „wie aus ,Alarm für Cobra 11‘“ – einer TV-Serie, die von spektakulärer Autobahnaction lebt. Und ist sich sicher: „Das war Absicht!“. Derselben Überzeugung ist auch H.s Haftpflichtversicherung, weshalb T., die sich den Polo mit ihrem Ersparten gekauft hatte, um zu ihrer Ausbildung zur Kauffrau an den Flughafen zu pendeln, die Kosten für Abschleppung und Verschrottung aus eigener Tasche zahlen musste. Insgesamt beträgt der Schaden mehr als 5000 Euro.

Bis heute meidet Lena T. Autobahnen – was dadurch leichter wird, dass sie sich noch kein neues Auto kaufen konnte. Ihr Freund hat nach dem Unfall seine Führerscheinausbildung abgebrochen.

Auch das Video zeigt klar, dass H. in voller Absicht gerammt hat. Einen anderen Schluss kann man nur ziehen, wenn man das – so wie H.s Verteidiger aus beruflichen Gründen – muss. Der plädiert auf einen Fahrfehler, glaubt aber wohl selbst nicht so recht daran.

Das Gericht verurteilt Ghader H. wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten. Seinen Führerschein ist er für mindestens zwei Jahre los. Aber immerhin kann ihm das Gericht bei der Frage seines Familienstands helfen: Als H. im November 2020 seine Frau verprügelte, war er mit dieser ganz sicher verheiratet. Seitdem ist er vorbestraft. Aber wohl auch noch verheiratet. Zumindest de jure. De facto leben die Eheleute seitdem getrennt.

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