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Zur Hölle mit der Hitze

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Von: Stefan Behr

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Architektur aus dem Hades. Die Konstablerwache, gemacht, um donnerstags und samstags Bratwürste zu grillen, ansonsten: uns.
Architektur aus dem Hades. Die Konstablerwache, gemacht, um donnerstags und samstags Bratwürste zu grillen, ansonsten: uns. © Rolf Oeser

Eine Phantasmagorie, aufgeschrieben zur Mahnung und Belehrung aller klimagerechten Christen- und Nichtchristenmenschen in Frankfurt und allüberall.

Der Grüneburgpark ist bei der Hitze kaum wiederzuerkennen. Überall dampft, zischt und brodelt es. Dort, wo eigentlich das Park-Café sein sollte, steht ein riesiger Thron aus glühender Kohle. Ungläubig starrt ein Mann, nennen wir ihn Ismael (55), auf die schattenhafte Gestalt, die darauf hockt.

Gestalt: „Willkommen, mein Freund!“

Ismael: „Wer sind Sie? Kennen wir uns?“

Gestalt: „Ich hoffe, du wirst einen meiner vielen Namen recht bald erraten. Erlaube mir, mich vorzustellen: Ich bin ein reicher Mann mit gutem Geschmack. Aber leider auch einer mit suboptimalem Image und schwindenden Followern. Du bist hier, um das zu ändern.“

Ismael: „Und wie?“

Gestalt: „Durch ein paar launige Hitzefeatures. Alle reden nur noch von Dürre, Waldbrand, Wassernot und Klimaelend. Die Hitze braucht ein peppiges, positives Image.“

Ismael: „Hier scheint ein Irrtum vorzuliegen. Ich bin Gerichtsreporter und …“

Gestalt: „Das sehe ich anders!“ (kramt einen dicken Leitz-Ordner hervor) „Alleine in den letzten sechs Jahren zähle ich hier 66 Sommer-Features, die du …“

Ismael: „Das geschah alles unter Zwang! Sind Sie ein Chefredakteur?“

Gestalt: „Hab’ ich mal gemacht. Hat mir gefallen. Vor allem die Redaktionskonferenzen. Dauern ewig und sind qualvoll. Genau mein Ding. Aber heute, mit den ganzen Videokonferenzen und Homeoffice ist das nicht mehr dasselbe. Ich arbeite gern mit Menschen, und der direkte Kontakt ist mir dabei sehr wichtig.“

Ismael: „Wer zum Teufel …“

Gestalt: „Na, wer sagt’s denn! Bingo!“

Ismael: (rauft sich die Haare und zerreißt sich das Gewand) „Herr steh mir bei! Ich bin in der Hölle! Der Fürst der Finsternis will mich zwingen, Hitzefeatures zu schreiben!“

Gestalt: (ungerührt) „Ich stelle mir die ungefähr so vor: ,Mir kann es ja gar nicht heiß genug sein‘ sagt Walburga (89), ,ich blühe bei solchen Temperaturen richtig auf!‘ Maliziös lächelnd blättert die Seniorin durch einen Hieronymus-Bosch-Ausstellungskatalog, während sie sich erinnert. ,Als Hexe ist man ja an extreme Temperaturen gewöhnt. Aber früher konnte man dabei nie so richtig entspannen. Entweder knallten irgendwelche Rotzgören die Ofentür zu, als wären sie alleine auf der Welt, oder bigotte Pfaffen glotzen einem aufs Dekolleté. So was gibt’s hier nicht!‘ Ihr Begleiter, den alle nur ,Bischof‘ nennen und der seinen echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, widerspricht: ,Kirchenmenschen gibt’s hier schon, vor allem seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Tendenz steigend. Hier wird der Glauben noch ernst genommen und das Alte Testament groß geschrieben. Und die Wärme ist gut gegen Gicht!‘ Nein, frieren muss hier wahrlich niemand! Während droben wegen einer militärischen Spezialoperation die Weltmarktpreise für Gas und …‘ – ach ja, nur so zur Info, wir nennen das hier unten nicht Krieg, ist das o.k. für dich?“

Ismael: (schreit und zetert) „Nein, nichts ist o. k.! Das ist ein Krieg! Ich hasse Krieg! Ich hasse Hitze! Ich hasse Hitzefeatures! Nur über meine Leiche!“

Gestalt: „Wie schön, dass wir uns da einig sind. Weiter im Text: ,Erwartungsfroh steht der kleine Peter (21) neben dem Becken mit kochendem Wasser. ,Ich komme täglich her, und das seit einer Ewigkeit, weil …‘, sagt er, bevor Bademeister Belphegor (8000 und ein paar Gequetschte) ihn vom Beckenrand ins sprudelnde Nass schubst, wo er versinkt und nicht mehr auftaucht. ,Wenn man erst mal drin ist, ist es wohl gar nicht mehr so schlimm. Und der Mensch gewöhnt sich ja schnell an alles‘, sagt der sympathische Dämon mit den kecken Tribaltattoos auf allen drei Oberarmen. Belphegor macht den Job schon ewig und kann sich gar nichts anderes mehr vorstellen. ,Anderswo gibt’s vielleicht Tariflohn, Betriebsrat und Hitzefrei, aber hier sind alle mit ganzer Seele bei der Sache, das gefällt mir. Und die Wassertemperatur …‘“

Ismael: „So etwas schreibe ich nicht! Niemals!“

Gestalt: „Aber wer redet denn nur vom Schreiben? Natürlich machst du auch Videos und stellst die proaktiv in die sozialen Medien. Ich liebe die sozialen Medien! Nach dem Schnaps vermutlich meine beste Erfindung. Und frohlocke: Du bekommst einen eigenen Podcast! Arbeitstitel: ,Sommerspaß mit Satanas‘. Oder ,Fakten, Fun und Fegefeuer‘. Deine Entscheidung.“

Ismael: (bebend) „Sie … Sie verdammter…“

Gestalt: „An diesem Ort herrscht das kollegiale ,Du‘. Und ich natürlich. In Doppelspitze mit Großmutter, um ganz genau zu sein.“

Ismael: (bricht schluchzend zusammen) „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Zwei Menschen, denen es erspart bleibt, ein Hitzefeature zu schreiben, am Alfred-Brehm-Platz vorm Zoo.
Zwei Menschen, denen es erspart bleibt, ein Hitzefeature zu schreiben, am Alfred-Brehm-Platz vorm Zoo. © ROLF OESER

Gestalt: (tadelnd) „Das G-Wort meiden wir hier wie das Weihwasser! Aber was gendergerechte Sprache anbelangt …“ (die Gestalt schrumpft merklich zusammen, trägt plötzlich einen weißen Kittel und eine medizinische Schutzmaske, der Grüneburgpark wandelt sich zum Vierbettzimmer) “… so ist das vermutlich die bescheuertste Idee, die mir in meiner langen Karriere als Krankenhausarzt untergekommen ist.“

Ismael: „Wie …? Wo …? Was …?“

Gestalt: „Bei 40 Grad am helllichten Tag durch den Grüneburgpark zu latschen. Mit Hitzeschlag zu kollabieren, ein Bett zu blockieren, das dringend von echten Kranken benötigt wird, und im Fieberwahn die Station zusammenzubrüllen. Aber jetzt sind sie ja offenbar wieder halbwegs bei Sinnen. Was zur Hölle haben Sie sich dabei gedacht? Bei dieser Hitze! In Ihrem Alter! Als Kassenpatient!“

Ismael: (noch immer benommen) „Nicht meine Entscheidung … sollte schreiben … Hitzefeatures … launige Berichte über die Wonnen des Sommers … wieder und wieder … auf immer und ewig …“

Gestalt: „Ist ja auch egal.“ (drückt Ismael ein Dutzend Eiswürfel in die Hand) „Nehmen Sie morgens und mittags drei Stück davon, trinken Sie ausreichend und hören Sie mit dem Rauchen auf. Und jetzt raus mit Ihnen! Die nächsten Hitzeopfer sind schon im Anrollen.“ (verlässt kopfschüttelnd das Krankenzimmer) „Hitzefeatures! Wer denkt sich denn bloß so was aus?“

Ismael: (murmelt vor sich hin, während die Eiswürfel in seiner Hand schmelzen) “… der Teufel … der Teufel …“ (Stefan „Ismael“ Behr)

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