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„Alle bringen etwas mit“: Technik von 140 Unternehmen findet sich im Innovation Lab.

Wirtschaft

Im Zukunftslabor

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Beim Rechenzentrum E-Shelter in Frankfurt-Rödelheim arbeiten Technologieführer und Startups gemeinsam an den Technologien von morgen.

An dem Ort, wo an der Zukunft gearbeitet wird, brummt es. „Vorsicht, gleich wird es laut“, sagt Toan Nguyen deshalb auch, bevor wir das Zukunftslabor betreten. Innovation Lab nennt der große Rechenzentrumsbetreiber E-Shelter diesen Ort intern. Darin: 30 graue und schwarze Serverschränke, elegant in gelben Rohren verlegte Datenkabel und durchsichtige Bodenplatten, durch die man einen Blick in den doppelten Boden des Datenzentrums werfen kann.

Auf rund 120 Quadratmetern ist hier Technik im Wert von mehr als sieben Millionen Euro verbaut. Das Besondere daran: „Es ist wie bei einer Mitbring-Party“, erklärt Nguyen das Prinzip: „Der eine bringt Salat, der andere Frikadellen, und weitere bringen Wein, Bier und Musik. Und dann wird zusammen gefeiert.“ Das ist das Ziel des Zukunftslabors, das E-Shelter auf seinem Rechenzentrumscampus in Rödelheim eingerichtet hat.

Mehr als 140 Unternehmen der IT-Branche haben hier auf eigene Kosten Technik oder Software mitgebracht. Anzutreffen sind auch viele bekannte Namen wie Toshiba, Samsung, Lenovo, Cisco, Dell, Huawei, Google Cloud und Amazon Web Services. E-Shelter selbst stellt Platz, Strom, Netzwerkanbindung und Personal zur Verfügung. „Where ideas become reality“ heißt es vielversprechend in großen Lettern an der Wand des fensterlosen Raumes – „wo Ideen Wirklichkeit werden“.

Komplexe Kabelsysteme.

Entstanden ist eine Umgebung, in der führende Hard- und Software-Unternehmen sowie Startups Szenarien und Rechenoperationen umsetzen, Neuerungen erproben und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Potenziellen Kunden von E-Shelter dient das Labor zudem als Testumgebung, in der sie ausprobieren können, ob der Aufbau eines Rechenzentrums in den Räumen des Betreibers oder die Nutzung von Dienstleistungen von E-Shelter passend sind. Weiteres Ziel des Labors ist laut Nguyen, „Digitalisierung erlebbar zu machen“.

Anfassbar wird die Zukunft in Form eines Fahrrads, auf dem der australische Radrennfahrer Lachlan Morton 2018 bei der Tour de France gefahren ist.

„Wir produzieren ständig Daten“, sagt Ngyuen. „Die Frage ist nur, was wir damit machen.“ Wie es aussehen kann, wenn Daten systematisch erfasst und aufbereitet werden, zeigt er mit Hilfe des Tour-de-France-Rads.

Da nämlich seien alle Fahrer und ihre Räder mit Sensoren ausgestattet gewesen. Die während der Fahrt erhobenen Daten zu Position, Geschwindigkeit und Puls seien dann an einen mobilen Server in einem Bus geschickt worden, der sie wiederum zur Verarbeitung in eine Cloud hochgeladen habe.

Über komplexe Rechenprozesse wurden die Daten mit Wetterdaten und Höhenprofilen der Strecken kombiniert und detailliert analysiert. Das Ergebnis: In Echtzeit wurden Grafiken aufbereitet, die von den Fans direkt per App sowie in der Berichterstattung über das Großevent genutzt wurden.

Geschäftsführer Volker Ludwig (l.) und Toan Nguyen haben jeden Tag bei E-Shelter mit unendlich vielen Daten zu tun.

Bevor die E-Shelter-Schwesterfirma Dimension Data als Technologiepartner und die Tourorganisation ASO das Projekt 2014 ins Leben gerufen haben, seien zahlreiche Daten noch analog erhoben worden, berichtet Nguyen. Die Positionen der Fahrer etwa seien durch Hubschrauber und Begleitfahrzeuge erfasst worden. Weitere Daten hätten die Fahrer zudem per Walkie-Talkie an ihre Teamleitungen übertragen.

Inzwischen sei die Technologie so weit, dass sogar Vorhersagen zur Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes getroffen werden können, so Nguyen.

Bevor sich Nguyen selbst auf das Rad im Innovationslabor setzt, um die Funktionsweise zu demonstrieren, zieht er sich ein Armband mit Pulsmesser an. Als er dann in die Pedale tritt, formieren sich auf dem Bildschirm an der Wand grafische Darstellungen zu Tempo, Herzschlag und Beschleunigung.

Das Beispiel der Tour-de-France-Daten zeigt für Nguyen exemplarisch eine Facette dessen, was unter dem Schlagwort Internet der Dinge firmiert: dass nämlich in Zukunft auch die Dinge, die uns umgeben, mit dem Internet verbunden sein werden: Kühlschränke, Autos oder Drucker etwa.

Die große Frage dabei sei, wie die Daten vom Fahrer zum Zuschauer kämen. „Da braucht man viel Technologie“, sagt er. Genau diese technischen Antworten wolle das Innovationslabor geben, so Nguyen. „Da hängen viele Systeme zusammen.“

Doch diese greifbare Anwendung zur Verarbeitung von Daten ist nur ein sogenannter Use Case von mehr als 70, die im Innovationslabor parallel ablaufen. Viele davon sind selbst für Experten sehr komplex, so Nguyen.

Ein weiteres Beispiel ist der Handvenenscanner, der den Zutritt zum Labor überhaupt erst ermöglicht. Der, erläutert Nguyen, sei nicht nur ein besonders sicherer Zugangsschutz. In einem weiteren Use Case würden nun die Daten, die der Apparat beim Auflegen der Hand generiert, in der Blockchain gespeichert.

Innovationen hinter unspektakulärer Fassade.

„Viele unserer Kunden betreiben unternehmenskritische Infrastrukturen in unseren Räumen und unterliegen strengen Auflagen“, sagt Nguyen. Vor allem Firmen der Finanz- und Versicherungsindustrie müssten regelmäßig nachweisen, wer wann und warum ihre Rechenzentrumsfläche betreten habe. Bislang würden dafür die von elektronischen Zugangskarten kreierten Daten ausgedruckt und in Ordnern abgelegt.

Mit der Blockchain-Technologie aber könnte es künftig möglich sein, diese sicherheitsrelevanten Daten digital zu verschlüsseln, ohne dass sie nachträglich geändert werden könnten.

Idee und Umsetzung des Innovationslabors gehen auf Toan Nguyen selbst zurück. Seit Juli 2017 gibt es das Zukunftslabor in Frankfurt. Bevor der heute 37-Jährige 2016 zu E-Shelter kam, hatte er unter anderem beim amerikanischen PC-Hersteller Hewlett Packard und dem Cloud-Anbieter Amazon Web Services gearbeitet. Bei E-Shelter ist der Informatiker aktuell verantwortlich für die Geschäftsentwicklung.

Weil das Frankfurter Zukunftslabor so ein Erfolg ist, hat Nguyen für seine Firma nach dem gleichen Prinzip auch Labore in München, Wien, Zürich und Berlin eingerichtet. In Japan – dem Land, in dem Konzernmutter NTT Communications ihren Sitz hat – wurden 2019 gleich zwei Innovationslabore eröffnet.

Geforscht werde im Innovation Lab Frankfurt beispielsweise auch daran, wie Wege von Hackern auf fremden Computern besser nachvollzogen werden können, sagt Nguyen. Weitere Themen sind selbstständig fahrende Autos sowie andere Anwendungen der Industrie der Zukunft.

Viele namhafte Unternehmen wollten gewisse Applikationen testen, bevor sie sie kaufen, weiß Nguyen. Auch das funktioniere eben im Innovationslabor, dessen Umgebung „sehr nah an der Realität“ sei, so der Informatiker.

Doch im Innovation Lab geht es E-Shelter nicht nur darum, den Kunden eine Plattform zu bieten. Das Unternehmen will auch wissen, womit sich die Kunden auseinandersetzen und was das für den Betreiber riesiger Rechenzentrumsflächen bedeutet. So ist mit einem wassergekühlten Server im Innovation Lab aktuell auch eine Technologie verbaut, die Rechenzentren in Zukunft viel leiser machen könnte und das Geschäftsmodell von E-Shelter als einem der größten Anbieter von Rechenzentrumsfläche verändern könnte.

Die Branche ändert sich rasend schnell. Sollte sich die energiesparendere Wasserkühlung in Rechenzentren irgendwann durchsetzen, brummt es künftig vielleicht auch weniger im Zukunftslabor.

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