Film

Die Zukunft der Erinnerung

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
    schließen

Filmmuseum zeigt Roadmovie über Buchprojekt mit Überlebenden.

Seine Kinder und Enkel, sagt Mosche Frumin, seien sein Sieg über Hitler. Sie seien die Garantie dafür, dass seine Geschichte nicht vergessen werde. „Und dass nie vergeben wird.“ Giselle Cycowicz erklärt, warum sie Israel nur ungern verlasse: Sie fühle sich wohler, wenn sie nur von Juden umgeben sei. Nichtjuden seien für sie „immer eine Bedrohung gewesen. Immer“. Und Malwina Braun spricht gar nicht. Noch mit über 90 Jahren bringt sie nicht über die Lippen, was sie im Konzentrationslager Auschwitz erleiden musste. Aber sie lässt sich fotografieren, stolz mit ihren Urenkeln im Arm.

Fünf Überlebende der deutschen Vernichtungslager kommen im Dokumentarfilm „Die Zeugen – Eine Reise zu den letzten Überlebenden des Holocaust“ vor, der am Sonntag im Deutschen Filmmuseum gezeigt wird. Zum 75. Jubiläum der Befreiung von Auschwitz hat die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland zu dem Abend geladen, um über die Zukunft der Erinnerungskultur zu sprechen. Bald werden die Überlebenden nicht mehr selbst berichten können. Wie wird sich das Gedenken verändern?

Im Film kommen die Zeugen selbst zu Wort. Aber das Roadmovie kreist nicht primär um ihr Leid und ihre Erlebnisse. Es fokussiert sich auf die österreichische Journalistin Alexandra Föderl-Schmid und den deutschen Fotografen Konrad Rufus Müller, die in Israel, Deutschland und Österreich 25 Überlebende für ein Buchprojekt treffen, ihre Geschichten anhören und sie fotografieren. So begegnen die Zeitzeugen den Filmzuschauern eher indirekt, durch die Brille der Protagonisten.

Das schafft Nähe für ein deutsches Publikum, irritiert an einigen Stellen, fördert aber auch spannende Unterschiede im Zugang zur Geschichte zutage. Etwa als Manfred Rosenbaum, der das KZ Bergen-Belsen überlebt hat, berichtet, wie die Nazis der Familie eines Ermordeten mit der Präzision einer deutschen Behörde dessen Uhr zusandten. „Ein Mensch wird ermordet, und man schickt die Armbanduhr an seine Schwester und bittet das zu quittieren“, sagt Rosenbaum. „Das ist Deutschland.“

„Das war Deutschland“, wirft Konrad Rufus Müller ein, der offenbar den Drang verspürt, die deutsche Gegenwart zu verteidigen.

Zum Höhepunkt des Abends wird die Diskussion mit vier jungen Jüdinnen und Juden, die von ihrer Perspektive auf die Vernichtung der europäischen Juden berichten. Ihre Großeltern, alle vier Überlebende, begleiteten sie auch nach ihrem Tod jeden Tag, sagt Rifka Ajnwojner, Lehrerin aus Frankfurt. „Ich kann meine Geschichte nicht erzählen, ohne die Geschichte meiner Großeltern zu erzählen“, sagt sie. „Ich fühle eine große Verantwortung, weil sie überlebt haben.“ Ihr sei es ein großes Anliegen, dass Antisemitismus als Gefahr für die ganze Gesellschaft erkannt werde.

Joëlle Lewitan aus München berichtet, wie sie als Kind vom Holocaust träumte und wie wichtig es ihr heute ist, dass über Juden nicht nur gesprochen werde, wenn es um Antisemitismus gehe. Und Alexander Stoler, Kulturreferent der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, berichtet, wie er seinen Großvater dazu brachte, vor der Kamera von seinem Überleben zu berichten. „Das ist heilig“, sagt Stoler. „Für mich ist das wie ein Schatz, und wir werden ihn gut hüten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare