Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ruheort in Frankfurt: der Diakonie-Tagestreff Weser 5 in der Weißfrauenkirche.
+
Ruheort in Frankfurt: der Diakonie-Tagestreff Weser 5 in der Weißfrauenkirche.

Obdachlose in Frankfurt

Zuflucht im Frankfurter Hauptbahnhof

  • Johannes Vetter
    VonJohannes Vetter
    schließen

Es ist nicht vorgesehen, dass Menschen sich dauerhaft im Frankfurter Hauptbahnhof aufhalten. Manche tun es trotzdem, denn sie haben keinen anderen Ort, an dem sie Zuflucht suchen könnten.

Es gibt am Hauptbahnhof eine Frau, die immer wieder tagelang am Gleis 24 ausharrt, auf einem Wartesitz, direkt neben der Bundespolizei. Sie hat dann mehrere Koffer dabei, manchmal hat sie eine Zeitschrift vor der Nase, in die sie irgendwas mit einem Stift einträgt. Sie sagt, sie warte auf ihren Freund. Der komme aus Südafrika. Seit mehr als zwei Jahren ist das so.

Wenn jemand einen heißen Kaffee garstig mit einem „Lasst mich alle in Ruhe!“ ablehnt, bekommt man eine Vorstellung davon, wie viele Menschen schon versucht haben müssen, mehr über ihre Situation zu erfahren. Weder bei der Bahnhofsmission noch bei der Bundespolizei wissen sie weiter. Ein Bundespolizist berichtet, die Frau wohne immer wieder eine Zeit lang im Hotel, komme aber stets zurück ans Gleis 24 und verbringe dann Tage und Nächte auf dem Sitz.

Es gibt keine Möglichkeit, die Frau gegen ihren Willen von dort wegzubringen, Warten auf einem Wartesitz ist nicht verboten, es gibt kein Zeitlimit. Nur ist es an einem Transitort wie dem Hauptbahnhof schlicht nicht vorgesehen, dass sich Menschen dauerhaft dort aufhalten, ohne eine Aufgabe zu erfüllen, ohne ein Angebot zu nutzen, ohne zu-, um- oder auszusteigen. Sich sitzend dauerhaft und kostenlos im Hauptbahnhof aufzuhalten – auf einem Wartesitz geht das. Womöglich nur dort.

In der B-Ebene dauert es knapp drei Minuten, bis Sicherheitskräfte mich zum Aufstehen auffordern, als ich für einen Kaffee auf meiner zusammengerollten Isomatte sitze. Die öffentlichen Toiletten kosten einen Euro Eintritt. Für einen Daueraufenthalt scheint der Hauptbahnhof nicht zu taugen.

Dennoch sei das Bahnhofsgebäude speziell nachts ein „Magnet für Menschen, die in Not sind“, sagt Carsten Baumann, der Leiter der Bahnhofsmission. Wenn es im Winter richtig kalt sei, könnten Obdachlose auch im Bahnhof übernachten, berichtet er.

Nach kühlen Nächten ist die Bahnhofsmission am Morgen ein Treffpunkt der Obdachlosenszene, hier können sich die Menschen bei einem kostenlosen Getränk aufwärmen. Allerdings erhält man nur Zutritt, wenn drinnen ein Platz frei ist. Das ist nicht immer der Fall, speziell zu den Stoßzeiten morgens und abends nicht. Baumann berichtet, im vergangenen Jahr hätten sie etwa 80 000 Menschen an der Getränketheke bedient.

Menschen wie Henry nehmen morgens gerne ein heißes Getränk an, nachdem sie die Nacht draußen verbracht haben. Henry, der eigentlich nicht so heißt, schläft in der Nähe des Mains im Grünen. Bei einer Tasse Kaffee in einer anderen Einrichtung für Obdachlose am Hauptbahnhof beginnt Henry einfach so von seinen Träumen zu erzählen. Traum eins: Henry wird von einem Stier zertrampelt. Traum zwei: Ein Hund schnappt nach einer Schlange, die Schlange schnappt plötzlich zurück und frisst den Hund. Traum drei: Henry isst Aas.

Henry ist verzweifelt. Im Besonderen der Aas-Traum, der zeige doch nur, wie krank er eigentlich sei, sagt er. Henry reißt die Augen auf: „Ein Mensch, der Aas isst“, sagt er bestürzt über sich selbst. „Kaltherzig“ sei er. Deshalb würden ihn die Dämonen so quälen, ihn immer wieder heimsuchen. Allerdings, es sei schon besser geworden.

Tasse Kaffee für 30 Cent

Henry ist jetzt Mitte 50. Früher, berichtet er, da sei sein Leben „die reinste Anarchie“ gewesen. Die Frauen, und dann diese Zeit in der Kommune in Portugal. Und dann das Mädchen, zwölf Jahre sei sie erst alt gewesen, immer wieder habe sie bei ihm geklingelt. Und er sei sehr einsam gewesen damals, gerade 30 Jahre alt. Und immer wieder habe sie vor seiner Haustür gestanden. Nein! Er habe ihr nichts getan, aber die Gedanken habe er gehabt. Die Dämonen.

Erst Jesus habe „Zucht“ in sein Leben gebracht, sagt Henry. Von ihm habe er gelernt: „Wer sich selbst überwindet, ist stärker als der, der eine ganze Stadt einnimmt.“

Der wohl wichtigste Ort für Obdachlose im Bahnhofsviertel ist der Tagestreff des Diakoniezentrums Weser 5. Hier kostet die Tasse Kaffee 30 Cent, ein komplettes Frühstück ist so teuer wie der Eintritt zum öffentlichen Klo im Hauptbahnhof. Etwa 30 Menschen halten sich an diesem Tag dort auf. Viele essen gerade, trotz der miefigen Luft. Einige wollen ihre Sachen waschen. Andere wollen kostenlos duschen und müssen dafür anstehen.

An einem Tisch sitzen zwei Frauen beim Kaffee zusammen, daneben würfeln zwei Männer. Immer wieder nimmt sich einer ein Stück Käse oder Wurst von einem Teller auf dem Tisch. Eine Frau erläutert: Das hier sei der „deutsche Tisch“, wegwerfen wollten sie hier nichts. Schließlich gebe es auch Menschen, die sich den Frühstücksteller nicht leisten könnten. Wer nicht aufesse, könne seine Reste auf den Teller in der Mitte legen. Der sei für alle da.

Wer nicht isst, der schläft zumeist. Einige pennen auf ihren Stühlen ein, andere auf dem Boden, die Schlafpritschen sind alle belegt. Eine Gruppe junger Männer kann nicht schlafen, einer von ihnen hat ein kleines Tütchen mit weißem Inhalt in der Hand. „Drogen und Alkohol sind in der Einrichtung nicht erlaubt“, betont Jürgen Mühlfeld im Interview. Er leitet das Diakoniezentrum seit knapp einem Jahr. Es sei auch nicht so, dass sich die Drogenszene des Bahnhofsviertels im Tagestreff aufhalte, sagt er.

Allerdings hätten sie es im Diakoniezentrum in den vergangenen Monaten schon gespürt, dass Druck auf die Drogenszene des Viertels ausgeübt werde, da seien die Leute vorübergehend zu ihnen gekommen, im Toilettenspülkasten hätten sie etwa ein Drogenversteck gefunden.

Generell sei der Tagestreff „sehr stark ausgelastet“, sagt Mühlfeld, „im Winter auch überlastet“. Bis zu 200 Menschen hätten sie hier an einigen Tagen gezählt. Zumindest bei den Duschen soll sich etwas ändern. Bis zum Ende des Jahres werde die Zahl der Duschen von vier auf sechs erhöht, berichtet Mühlfeld, auch mehr Toiletten solle es geben. Die Erweiterung sei „dringend notwendig“, sagt er.

„Nicht zufrieden“ ist Mühlfeld außerdem mit den Bauzäunen vor dem Tagestreff. Bis zum vergangenen Herbst hatte dort eine Gruppe von etwa 25 Menschen campiert, zum Unmut einiger Nachbarn. Michael Frase, der Leiter der Diakonie Frankfurt, räumt ein, die Bauzäune stünden dort nicht nur wegen der geplanten Fassadenarbeiten. „Auf Dauer kann das nicht so bleiben“, sagt Mühlfeld. Mit der Stadt gebe es bereits Gespräche.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare