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Der Leiter der Japanischen Schule, Hiroto Oka. 

Frankfurt

Zufallstreffer in Frankfurt: Nachhilfe in Japanisch

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In Hausen findet sich ein Schmelztigel mit türkischem Supermarkt, interkulturellem Jugendtreff und Japanischer Schule.

Fatma Cetin steht hinter der Kasse im „Oli-Supermarkt“, scannt die Lebensmittel seiner Kunden, kassiert das Geld und sagt: „Ich habe keine Zeit, aber egal, frag mich, was willst du wissen?“

Cetin ist im Stress. Der „Oli-Supermarkt“ in Hausen am Hohen Weg gegenüber der U-Bahn-Haltestelle Große Nelkenstraße, ist seit acht Jahren der Familienbetrieb der Cetins. Es sieht ein wenig chaotisch aus, in den Gängen stehen leere Kartons, aber das stört hier niemanden. Schon gar nicht die Stammkundschaft, die hier vor allem türkische Lebensmittel einkauft.

Eine Theke mit türkischem und arabischem Fladenbrot darf genauso wenig fehlen wie die Süßspeise Baklava. „Ganz wichtig für unsere Kunden ist frisches Fleisch, aber nur halal“, sagt Cetin. Genau in diesem Moment kommt ein Lieferant mit einem Berg Lammfleisch in einem Einkaufswagen in den Laden. Cetin sagt: „Ein deutscher Lieferant bringt uns Halalfleisch.“ Er lacht. Diese Szene könnte wohl nicht besser zu Frankfurt, zu Hausen passen.

Nur wenige Minuten später, direkt um die Ecke vom „Oli-Supermarkt“, läuft Sengül Öz mit einem geschlossenen Kastenwagen, den sie vor sich herschiebt, die Große Nelkenstraße entlang. „Ich bringe das Mittagessen zum Kindergarten von der Caritas“, sagt sie. Sie arbeitet in der Küche eines Caritas-Kindergartens und beliefert an diesem Tag zwei Kitas. Seit 20 Jahren wohnt Öz in Hausen. Sie hat es eilig, öffnet das Tor des Kindergartens und verabschiedet sich mit einem Lächeln.

Immer noch in der Großen Nelkenstraße geht es ein paar Meter den Weg zurück, wieder Richtung „Oli-Supermarkt“. Kurz davor, im letzten Haus in der Gießfeldstraße, ist das „Saz-Rock“. Wer jetzt denkt, hier befindet sich der Proberaum einer türkischen Musikband, täuscht sich. „Saz-Rock“ ist ein Treff für Jugendliche, 1981 von 13 jungen Leuten aus der Türkei und Deutschland gegründet. Seit 1984 betreibt „Saz-Rock“ die offene Jugendfreizeiteinrichtung in der Gießfeldstraße.

Daniel Morawski öffnet ein wenig zögerlich die Tür. Der 32-Jährige arbeitet erst seit Dezember letzten Jahres als pädagogischer Betreuer in der Jugendeinrichtung. In den Räumlichkeiten steht alles, was das Herz von Jugendlichen höher schlagen lässt. Ein Tischkicker, Brettspiele, Sofas zum Chillen und jede Menge Bücher, vor allem Fantasy. Allerdings fehlt Marowski etwas ganz besonders: „Momentan kommen ausschließlich Jungs zu uns. Wir hatten mal eine Mädchengruppe, aber die Mädchen kommen nicht mehr, seitdem der frühere Betreuer den Jugendtreff verlassen hat“, sagt er. Das soll sich bald ändern. Derzeit ist eine Halbtagsstelle für Mädchenarbeit ausgeschrieben. Marowski erklärt, dass die Jugendeinrichtung für die Jungs wie ein zweites Wohnzimmer sei. „Sie können hier laut Musik hören, Bewerbungen für Praktika schreiben.“

Dinge, die sie zu Hause in den meist kleinen Wohnungen ihrer Eltern nicht tun können. Sie bekommen hier auch eine Hausaufgabenbetreuung, lernen für Klausuren. „Die Eltern kommen oft vorbei, um zu schauen, ob ihre Kinder wirklich bei uns sind. Die Eltern sind uns sehr dankbar, denn die meisten sprechen kein gutes Deutsch und können daher ihren Kindern nicht helfen“, sagt Marowski.

Über dem Jugendtreff gibt es eine weitere Hausaufgabenbetreuung, allerdings nur auf Japanisch. Auf Japanisch? Genau, denn „die Japaner sind die größte Gruppe ohne deutschen Pass in Hausen“, sagt Marowskis Kollege, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Nur 250 Meter vom „Saz-Rock“ entfernt, befindet sich zwischen Wohnhäusern in der Langweidenstraße die Japanische Internationale Schule. Der Fernsehturm ragt über den Dächern hinaus, die Schule sieht aus wie eine Hochsicherheitsanlage. Sie ist umgeben von einer modernen Zaunanlage inklusive Stacheldraht und Überwachungskameras. Auf einem Schild am Eingangstor steht: „Schulfremden ist der Zutritt verboten“. Trotzdem klingeln wir und dürfen das Gelände passieren. Im Foyer der Schule hängen japanische Schriftzeichen an der Wand, in einer Vitrine liegen neben einem Samuraischwert Fußbälle mit Unterschriften von aktiven und ehemaligen Spielern von Eintracht Frankfurt – Makoto Hasebe, Takashi Inui und Junichi Inamoto. Auch ein Foto mit Schülerinnen und der Frauen-Nationalmannschaft liegt in der Vitrine. Eine Erinnerung an ihren Besuch während der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen.

Hiroto Oka, Geschäftsführer der Schule, nimmt sich trotz des unerwarteten Besuchs Zeit. Die Schule befindet sich seit 1989 in Hausen. Gegründet haben sie japanische Firmenvertreter. 295 Kinder besuchen die Grund- und Mittelschule, 84 Kinder die Vorschule. „Die meisten Familien bleiben nur für zwei oder drei Jahre in Frankfurt, dann gehen sie wieder zurück nach Japan“, sagt Oka. Daher sei es wichtig, die Kinder nach dem japanischen Lehrplan zu unterrichten.

Plötzlich wird es laut. Die Schülerinnen und Schüler laufen quer durch das Foyer, folgen ihren Lehrern und nicken höflich Hiroto Oka zu. Er nickt zurück. Ein paar Kinder laufen zwischen den Treppen durch eine Tür. Sie tragen weiße und rote Schirmmützen. „Sie haben jetzt Sportunterricht. Sie werden in zwei Gruppen eingeteilt, deswegen tragen sie zur Orientierung die Mützen.“

Die hohen Sicherheitsvorkehrungen der Schule seien normal, sagt Oka. Wegen der Terroranschläge in Europa in den letzten Jahren seien sie noch einmal erhöht worden. Die japanische Regierung wolle die Kinder schützen. „Für Japan geht es im Ausland immer um Sicherheit.“ Die Fenster der Schule sind aus Panzerglas. Wenn Sicherheitsübungen stattfinden, komme ein Sondereinsatzkommando der Frankfurter Polizei und übe mit den Kindern. „Sie müssen das tun, weil es in Japan oft Erdbeben gibt“, sagt Oka.

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