_170925munitionslagerkoeppe_1
+
„Leute! Esst mehr Mehlwürmer!“ Taunusbewohner gemeinsam für Klimaschutz. Foto: Michael Schick

Tag der Erdüberlastung

Zu viel verlangt von dieser einen Welt

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
    schließen

Senckenberg-Forscherinnen warnen zum Erdüberlastungstag (22. August): Wir leben über unsere Verhältnisse. Eine Ausstellung blickt in die Zukunft.

Wie viel Fleisch essen wir in Deutschland? 60,2 Kilo kamen 2018 pro Nase und Gaumen zusammen. Macht fünf Autos im Lauf des Menschenlebens, vom Gewicht her. Sagt wer? Sagt die Ausstellung „Biokompass“ im Senckenberg-Museum, veranstaltet gemeinsam mit dem Institut für sozial-ökologische Forschung und dem Fraunhofer-Institut.

Klar ist: Hauen wir weiter das Gewicht von fünf Autos als Steaks und Schinken rein, fressen wir das Klima und den Fortbestand der Menschheit auf; das hat die Forschung nachgewiesen. Gelegenheit, daran zu erinnern, bietet der jährliche Earth-Overshoot-Day – deutsch: Erdüberlastungstag. Es ist der Tag, an dem rechnerisch alles verbraucht ist, was die Erde in einem Jahr erneuern kann. 2020 erreichen wir diesen Punkt am 22. August, also Samstag. Ab Sonntag leben wir über unsere Verhältnisse. „Das ist drei Wochen später als im vorigen Jahr“, sagt Katrin Böhning-Gaese, Direktorin des Senckenberg-Biodiversitäts- und Klimaforschungszentrums (Bik-F). Aber kein Grund zur Freude; der Zeitgewinn ist allein Corona geschuldet. „Nicht freiwillig, nicht nachhaltig“, sagt die Forscherin.

1,6 Erden verbraucht die Bevölkerung. Wenn alle so lebten wie wir Deutschen, wären es drei. (USA: fünf). So geht’s nicht, denn wir haben nur eine, wie man sie auch dreht und wendet. Die Wissenschaft untersucht also, wie wir vernünftiger leben können. Eine Idee: Mehlwürmer. Nahrhaft wie Rindfleisch, aber viel umweltschonender, weil man sie in Schachteln stapeln und mit Haferflocken füttern könne, sagt Christina Höfling, die Kuratorin der Biokompass-Ausstellung. Und geschmacklich? „Ich würde mich dann eher für die vegetarische Pizza entscheiden“, gesteht Böhning-Gaese.

Am Kilimandscharo will Senckenberg erforschen, wie Natur und Mensch zusammenwirken, nicht nur beim Holz- und Wasserverbrauch, auch was das Spirituelle angeht: Ruhe, Erholung – Daten und Fakten gleichermaßen zum Nutzen der Natur und zum Wohlergehen der Menschen. Derweil untersucht Senckenberg-Forscherin Barbara Feldmeyer mit molekularer Ökologie, wie der Erde zu helfen ist. Manche Arten seien resistenter als andere, sagt sie: Manche nichtstechende Mückenart könne sich innerhalb eines Jahres an Klimaveränderungen anpassen. Und es gebe immerhin ansatzweise Ermutigendes über Bäume, etwa den Zürgelbaum oder die Flaumeiche, wie sie auch im „Garten der Zukunft“ des Bik-F seit Jahren zeigen, was sie (aushalten) können.

Für das Projekt Biokompass, das im Museum zu betrachten ist, setzten sich die Forscherinnen mit Freiwilligen aller Gesellschaftsgruppen zusammen und diskutierten „Zukünfte“: ob wir das Ruder eher mit Technik herumreißen können, um den Overshoot-Day in den Januar zurückzudrängen, oder eher mit einfachem Leben und gerecht geteilten Ressourcen oder eher mit politischer Lenkung.

Das Ergebnis zeige, dass junge Leute eher zu radikalen Schritten tendierten als ältere, sagt Christina Höfling, und es gebe nicht den einen Weg, den alle beschreiten wollten. „Jeder kann sich die für ihn wichtigen Werte herauspicken“, sagt sie. Und Katrin Böhning-Gaese erinnert daran, was Wissenschaft leisten kann – nicht immer fertige Lösungen liefern, sondern: „Denkräume eröffnen“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare