1. Startseite
  2. Frankfurt

Zu schön, um wegzugehen: Frankfurt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

„Er hat ,Apfelweinkrug‘ gesagt!“ Geselligkeit, Frankfurter Art.
„Er hat ,Apfelweinkrug‘ gesagt!“ Geselligkeit, Frankfurter Art. © Monika Müller

Aus Frankfurt stammen, in Frankfurt bleiben: Es gibt so viele gute Gründe. Diese Woche unserer Serie gehört den Alteingesessenen.

Vor 7000 Jahren fanden die ersten Siedler, das wäre doch ein guter Ort, um zu bleiben. Sie sind heute noch hier. Und wozu? Zu Recht. Findet auch Karl der Große.

Vor 500 Jahren hatte Frankfurt dann schon 10 000 Einwohner. Die Fluktuation war mäßig, die Lebensqualität allerdings auch. Öffentlicher Personennahverkehr galt als enorm unzuverlässig, das Fernsehprogramm konntest du vergessen, und bis so eine Internetseite endlich geladen war, zogen schon mal 470 Jahre ins Land. Auswandern war jedoch schwierig. Den Fraport gab es noch nicht. Immerhin auch keinen Fluglärm. Dafür viel, viel gesunden Wald. Das Paket stimmte letztlich. „Wenn mich jemand früge, wo ich mir den Platz meiner Wiege bequemer, meiner bürgerlichen Gesinnung gemäßer oder meiner poetischen Ansicht entsprechender denke“, schrieb später ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe, „ich könnte keine liebere Stadt als Frankfurt nennen.“

Gut 110.000 Menschen leben schon länger als 40 Jahre hier

Die Voraussetzungen waren also gar nicht schlecht, dass Frankfurt sich zu einer richtigen Metropole entwickeln würde. Dafür brauchte man Leute, die bleiben. Und um die geht es in dieser Woche in unserer Serie „Frankfurt – meine Stadt“. Mehr als 110 000 Menschen wohnen schon länger als 40 Jahre in Frankfurt. Wenn das keine permanente Sympathiedemo ist.

Wenn ich mal kurz persönlich werden darf: Ich bin in Frankfurt geboren (Katharinen-Krankenhaus), in Bernem gesprossen, in Eschersheim weiter herangereift. Dann kam eine zweijährige Exilphase, weil die Eltern eine Immobilie anschafften; Häuser waren schon damals weitaus günstiger, wenn sie nicht in Frankfurt standen. Aber sobald die Schule geschafft und erste eigene Einnahmen absehbar waren, kehrte der junge Mann zurück zu den Wurzeln und verließ die Stadt nur noch einmal kurz für die Journalistenschule. Danach: Frankfurt forever.

Die Frankfurter Urbevölkerung sagt zur Begrüßung Gude und zum Gehsteig Trottoir, ein kleiner Schemel ist ein Schawellsche und ein Blödian wahlweise ein Hannebambel oder ein Labbeduddel. In dieser Woche unserer Serie werden wir weitere Leute kennenlernen, die von hier stammen und hier blieben. Warum? Es gibt so viele gute Gründe.

Stoltze musste es ja wissen

„Es is kaa Stadt uff der weite Welt, die merr so wie mei Frankfort gefällt“, schrieb Friedrich Stoltze, der Dichter und Demokrat, vor gut 140 Jahren. Dass er Frankfurt mit sämtlichen anderen Städten „uff der weite Welt“ aus eigener Anschauung vergleichen konnte, dürfte ähnlich umstritten sein wie die persönliche Amerika-Expertise von Karl May; auch gibt es Leute, die eher „uff de weide Welt“ geschrieben hätten. Aber rein inhaltlich kann daran, dass Stoltze recht hatte, kein Zweifel bestehen. Jedenfalls unter den Alteingesessenen. Dabei kannte Dichter Stoltze noch nicht einmal den Grüngürtel, einen von vielen guten Gründen, gern Frankfurterin oder Frankfurter zu sein. Man wird dort schon mal von rasenden Radlern über den Haufen gefahren oder von einem komischen Kunstwerk (einem Baum!) angepinkelt, aber diese 68 Kilometer Grünweg rund um die Stadt, über Hügel und durch Auen, durch den Wald mit seinem Frankfurter Feiertag, dem Wäldchestag, sind ein großer Trumpf.

Goethe zog es irgendwann aus beruflichen Gründen weg aus Frankfurt. Sein Haus ist aber noch da. Und sein Turm. Na gut, von dem wusste er nichts, aber der Goetheturm ist auch so ein Symbol, das zeigt, wie sehr Menschen hier ihrer Heimat verbunden sind. Gaben keine Ruhe, bis der abgefackelte hölzerne Ausguck wieder stand. Spendeten, was das Zeug hielt. Und feierten die Wiedereröffnung überschwänglich.

DIE SERIE

Wie lebt es sich in Frankfurt?

Dieser Frage geht die FR in der Serie „Frankfurt – meine Stadt“ bis zum 3. Dezember nach. Zu Wort kommen junge und alte Menschen, Familien und Geringverdienende.In Interviews, Porträts und Reportagen zeichnen wir ein Bild ihrer Stadt.

DIESE WOCHE:

Geboren, um zu bleiben –

Ureinwohner, ihr Dialekt und

Karl der Große

BISHER ERSCHIENEN:

Ankommen und heimisch werden: Berichte vom Ankommen in der Stadt

Alles beim Alten: Vom aktiven

Ruhestand bis zum Seniorenheim

An allem knapsen – sparsam

leben in Frankfurt

Gemeinsam durchs (Familien-) Leben: Wohnen und günstige

Gelegenheiten

Zu Leben und Lehre: Studieren

in Frankfurt und Wohnungsnöte

von Azubis

Durch Kinderaugen gesehen:

Vom Baby bis zum Jugendlichen

DANACH LESEN SIE:

Allein sein heißt nicht einsam sein – Freundschaften, Glück und Singles

Grabowski hingegen zog es nicht weg von der Eintracht. Einer der besten Fußballer aller Zeiten, hier geblieben, so wie Charly Körbel und Bernd Hölzenbein. Die Eintracht, sowieso ein Kriterium, das viele emotional an Frankfurt bindet. An den Ort „Im Herzen von Europa“, die offizielle Adresse des Herzensvereins. Dort sieht sich die ganze Stadt, in der Mitte der Gesellschaft – der multikulturellen Gesellschaft, um genau zu sein. Diese kulturelle Vielfalt lebt Frankfurt länger und konsequenter als die meisten anderen Städte. Noch so ein Grund zu bleiben, egal, wo die Vorfahren einst herkamen.

Tipeni beispielsweise ist ein Frankfurter Urgestein, auch wenn seine Vorfahren Neuseeländer waren. Am 24. März 1987 im Zoo geschlüpft und hier geblieben. Treuer Nördlicher Streifenkiwi. 35 Jahre und sieben Monate alt: „Das ist selbst für ein Leben in menschlicher Obhut bereits ein sehr stolzes Alter“, sagt Zoosprecherin Christine Kurrle.

Schnell weg - und schnell wieder hier

Was die Menschen hier hält? Oftmals ist es der Job, denn es gibt viele Jobs in Frankfurt. Aber wer deswegen kommt, ist oft auch schnell wieder fort, wenn es anderswo einen besseren Job gibt. Frankfurt ist auch die am verkehrsgünstigsten gelegene Stadt, die man sich vorstellen kann – wenn man nicht gerade freitagnachmittags am Frankfurter Kreuz im Stau steht. Der Flughafen, der Hauptbahnhof: Ja, man ist schnell weg, unterwegs in die weite Welt. Aber auch schnell wieder da. „Genauso ist es aber ein Vorteil, dass ich von ganz vielen Auftritten auch nachts noch zurück nach Hause komme“, sagte die Kabarettistin Lara Ermer unlängst so charmant im FR-Interview – „und ich komme sehr gerne zurück nach Frankfurt“.

Aber Vorsicht: Es gibt Fallstricke, die „Eigeplackte“, also Zugezogene, sehr schnell entlarven. Die Skyline allzu überschwänglich zu loben – umstritten. Noch auf der Zeil einkaufen zu gehen, obwohl es dort keinen Wronker, keinen Tietz, keinen Ammerschläger und keinen M. Schneider mehr gibt: naja. Das sind freilich kleine Sünden im Vergleich dazu, was man in einer Ebbelwei-Wirtschaft falsch machen kann.

Niemand wird beispielsweise je vergessen, wie abrupt die Raumtemperatur sinkt, wenn ein Gast den Ober bittet, zum Handkäs doch bitte noch die Gabel nachzuliefern, oder wie solle man „das“ sonst essen? Der Handkäs wird ausschließlich unter Zuhilfenahme des Messers und einer Scheibe Brot verzehrt. Gesetz. Ebenso unverzeihlich ist es, einen „Süßgespritzten“ (schon die Erwähnung könnte zur Ächtung dieser Zeitungsausgabe führen) zu bestellen oder (au, au!) eine „Apfelweinschorle“. Wer es dennoch tut, muss augenblicklich die sieben Kräuter der Grünen Soße auswendig deklamieren, um seine oder ihre Ehre als Frankfurter oder Frankfurterin zu retten.

Knotterig, aber schnell versöhnt

Na gut, so ernst ist die Sache dann doch nicht. Unsere Woche über die Alteingesessenen in dieser Frankfurt-Serie wird zeigen: Die Urbevölkerung ist knotterig, aber auch schnell versöhnt (wenn man eine Runde Mispelchen ausgibt). So, ich muss jetzt Schluss machen – der Brezelbub kommt.

Und wenn jemandem aus der Urbevölkerung doch mal was schiefgeht: Eh isch misch uffreesch, isses mer liewer egal. Lebbe geht weider.

Auch ein echter Frankfurter: Tipeni. Nördlicher Streifenkiwi.
Auch ein echter Frankfurter: Tipeni. Nördlicher Streifenkiwi. © moebius-fotografie.de

Auch interessant

Kommentare