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Bonobo-Weibchen Nayembi hält ihr verstorbenes Junges am Bein fest – mehr als eine Woche nach dessen Tod.  

Zoo

Frankfurt: Langer Abschied vom toten Bonobo-Baby

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Affenmutter Nayembi trauert seit mehr als einer Woche im Zoo. Löwin Zarina ist derweil ihren Schwanz los – auf ungewöhnliche Weise.

Fast menschenleer ist der Zoo, Mittwochfrüh kurz nach Kassenöffnung. Es nieselt, es ist kalt. Nur im Borgori-Wald, dem Haus der Menschenaffen, wie üblich: Affenhitze. Nicht üblich ist die bedrückte Stimmung unter den Bonobos, oder scheint das nur so? „Das täuscht“, sagt Zoo-Sprecherin Christine Kurrle. „Die Gruppe trauert zwar durchaus mit“, sagt sie, „aber das lässt nach.“

Schon in der Neujahrsnacht starb Zikomo, das Söhnchen von Bonobo-Dame Nayembi, es wurde nur ein halbes Jahr alt. Seither trägt das Muttertier den toten Körper mit sich herum. Am Mittwoch sind beide erst nicht zu sehen. Dann, eine Stunde später, steht Nayembi plötzlich mitten in der Anlage und hält das Baby an einem Bein. Der Anblick ist erschütternd.

Zoo in Frankfurt: Bonobos haben sich vom toten Affenbaby verabschiedet

„Die anderen Bonobos haben sich von dem toten Affenkind durch Berührung verabschiedet, besonders Nila, die ältere Tochter Nayembis“, sagt Kurrle. Die Todesursache wird sich erst feststellen lassen, wenn sich das Muttertier endgültig von Zikomo trennt. Dann untersucht das Hessische Landeslabor in Gießen den Körper. Die Tierpfleger werden die Gruppe kurz von dem Anlagenteil absondern, in dem das tote Tier liegt. Das wird regelmäßig trainiert.

„Jetzt einzugreifen, wäre unverhältnismäßig“, sagt Christine Kurrle; eine Narkose für Nayembi etwa würde weitere Risiken bergen, die der Zoo vermeiden will. In früheren Fällen hätten Menschenaffen anderswo ihr totes Baby bis zu vier Wochen bei sich getragen, habe Zoodirektor Miguel Casares der Belegschaft berichtet. „Nayembi soll die Zeit haben, die sie braucht.“

Zoo in Frankfurt: Zarina, die Löwenmutter, hat sich in den Schwanz gebissen

Ein Schild im Borgori-Wald informiert die Besucher über die Lage. Ein weiteres Schild gibt Neuigkeiten im Katzendschungel bekannt. Dort hört man den Löwen Kumar brüllen – aber wo ist er denn, der König der Zootiere? Drüben im Ukumari-Land bei den Brillenbären wohnt er vorübergehend. Die Pfleger haben ihn von der Familie getrennt, denn da gibt es zurzeit auch Probleme.

Leidtragende und zugleich Verursacherin ist Zarina, die Löwenmutter. Sage noch einer, der Spruch „Da beißt sich die Katze in den Schwanz“ sei an den Haaren herbeigezogen – genau das ist passiert. Zarina war im Dezember zur Untersuchung in Hofheim, und auf der Rückfahrt biss sie sich offenbar selbst. Es sei eine große Wunde entstanden, es habe Infektionsgefahr bestanden, berichtet Sprecherin Kurrle, deshalb hätten die Veterinärinnen zur Amputation des größten Teils des Schwanzes geraten. „Aber es geht ihr wieder gut, sie kommt mit der veränderten Statik gut klar, auch die Jungtiere fremdeln nicht.“

Zwei der drei 2018 geborenen Löwenkinder sind noch da, eines wurde im August 2019 eingeschläfert. Das Weibchen litt unter einer sogenannten Kleinhirnhernie, einer Veränderung an Gehirn und Schädelknochen; auch bei den beiden Brüdern wurden Veränderungen festgestellt, aber viel weniger gravierend. Um dem Ursprung der Erkrankung näherzukommen, war Mutter Zarina nun im Dezember bei den Tierärzten.

Nur noch ein Stummel: der Schwanz von Löwin Zarina.

Die Tierrechtsorganisation Peta führt das Leiden auf Inzucht unter Zootieren zurück und stützt sich auf Ergebnisse der Senckenberg-Forschung: Kleinhirnhernien entstünden nur im Zoo, nicht in freier Wildbahn, so Peta, Zucht im Zoo müsse aufhören.

Christine Kurrle weist das zurück. „Die wissenschaftlichen Untersuchungen über dieses Phänomen laufen noch“, sagt sie, „es gibt mehrere mögliche Ursachen – und es ist nicht einmal erwiesen, dass die Erkrankung genetisch bedingt ist.“ Finale Klarheit könne nur die Entschlüsselung des kompletten Genoms schaffen, was Jahre dauere und teuer sei.

Und Inzucht, wie Peta kritisiert – müsste sie nicht ohnehin durch das Europäische Zuchtbuchprogramm ausgeschlossen sein, das Tierpaare in Zoos gezielt auswählt? Im Prinzip ja, sagt die Frankfurter Zoosprecherin. Allerdings lasse sich der Stammbaum der Tiere nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt zurückverfolgen. Vor 150 Jahren achtete man darauf noch nicht so sehr.

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