Im eCamp spielt Sebastian auf einem High End Gaming PC „World of Warcraft“.
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Im eCamp spielt Sebastian auf einem High End Gaming PC „World of Warcraft“.

E-Games

Zocken bis der Morgen graut

  • Steven Micksch
    vonSteven Micksch
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In Frankfurt können Computerspieler in einem eCamp für Turniere trainieren oder ein Wochenende mit Gleichgesinnten vorm Rechner verbringen.

Nachdem man durch die eher unscheinbare Eingangstür getreten ist, muss man 17 Treppenstufen nach oben. Dort im Flur hängen links ein paar Zeitungsausschnitte und Fotos. Hinter der nächsten Ecke geht es durch eine graue Tür, danach ist man da. In einer der hinteren Ecken des großen Gemeinschaftsraums surrt ein Kühlschrank. Vorne rechts stehen zwei Sofas, daneben Bänke und ein Tisch. In den angrenzenden Räumen jedoch befinden sich die wahren Attraktionen: Mehrere leistungsstarke Spielecomputer samt Monitoren warten darauf, dass man loslegt.

In den beschriebenen Räumen befindet sich das „eCamp Frankfurt“ – eine E-Sport-Trainingsstätte auf knapp 150 Quadratmetern. Sie richtet sich an Gamer, die mit ihren Teams für ein bevorstehendes Turnier trainieren möchten oder an Spieler, die einfach mal wieder eine LAN-Party mit Freunden veranstalten wollen. „Wir hatten auch schon Bachelorpartys, die übers Wochenende zu uns kamen“, sagt Marvin Seifert, Geschäftsführer der 1337 Frankfurt GmbH, zu der das Camp gehört.

Erinnerungen an die 1337-Bar hängen an der Wand.

Mit der Trainingsstätte hat Seifert einen neuen Versuch gewagt, sich ein Geschäft aufzubauen. Ende September musste der 30-Jährige seinen Traum von Frankfurts erster E-Sports-Bar begraben, die Corona-Pandemie hatte ihn zum Aufgeben gezwungen. „Der Vermieter wollte uns am Ende nicht mit der Miete entgegenkommen“, sagt Seifert, der die Bar in der Burgstraße schließen musste. Das Equipment ging von dort aus direkt in das Camp in der Schmidtstraße.

Das eCamp hatte Seifert bereits kurz nach dem Corona-Lockdown im Frühjahr aufgebaut. „Damals lief es aber nur so nebenbei. Die meiste Kraft und Zeit ging in die Bar“, erzählt er. Jetzt kann und will er alle Kraft in die Trainingsstätte stecken. Positiv sei, dass er zurzeit keine Miete zahlen muss. „Die Räume gehören einem unserer Gesellschafter.“ Der komme ihm entgegen, bis die Einrichtung läuft.

Benjamin (l.) und Oskar spielen im Gamingraum II Counter-Strike Global Offensive.

Zuvor wurden die Räume ab und an von einer Künstlergemeinschaft genutzt. Im großen Computerspielraum steht noch ein Zitat von Schiller an der weißen Wand: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit!“ Gleich daneben hängt ein Trikot des 1. ECF, des ersten E-Sport Club Frankfurt. Dessen Spieler kommen regelmäßig zum Trainieren vorbei. Auch zwei Clans, so nennen sich die Zusammenschlüsse von Gamern oft, wollen regelmäßig hier spielen. Ansonsten buchen Privatleute die Räume.

Das eCamp bietet allen Gästen 144-Hertz-Monitore und eine 1-Gigabit-Internetleitung. „Der Internetknotenpunkt ist nur 100 Meter weg“, sagt Seifert. Mit superschnellem Internet können Spiele entsprechend fix heruntergeladen werden. Alternativ installiert Seifert auch schon Spiele vor, je nachdem, was die Gruppe benötigt.

Eine Sofaecke dient den Spielern in Pausen als alternative Sitzgelegenheit.

Insgesamt gibt es den großen Aufenthaltsraum und zwei Räume mit den PCs. Im kleineren Raum haben zwischen fünf und sieben Leute Platz, im großen zehn. Außerdem stehen in einem Ruheraum zehn Betten zur Verfügung, damit sich die Spieler zwischendurch mal hinlegen können. „Übernachten ist nicht gestattet, aber in der Regel zocken die meisten bisher sowieso durch“, sagt der 30-Jährige.

Weitere Räume nebenan bieten noch Potenzial, sich zu vergrößern. „Ich würde gerne irgendwann 20 bis 25 Plätze anbieten, damit hier auch Turniere stattfinden können“, sagt Seifert. Zudem plant er, ein paar Fitnessgeräte anzuschaffen, damit auch die Bewegung nicht zu kurz kommt. Sein Traum ist es, vor Ort ein Leistungszentrum zu schaffen. Bald sollen Trainer für die Computerspiele „League of Legends“ und „Counterstrike“ mit einsteigen; für beide Spiele hat die Community rund um die „1337 Frankfurt“ bereits je ein Team gebildet. Mit entsprechendem Trainerschein soll das Ganze auf professionelle Füße gestellt werden.

Wer hier Platz nimmt, steht so schnell nicht mehr auf.

Das alles ist aber noch Zukunftsmusik, und Marvin Seifert wagt nur vorsichtige Prognosen. „Durch Corona ist vieles schwerer geworden“, erläutert er seine Zurückhaltung. Zwar gebe es stetige Buchungen, aber die Menschen seien verunsichert. Auch weil Frankfurt zurzeit ein Hotspot ist. Die neuen Maßnahmen schränken den Betrieb zusätzlich ein. Zwar hat der Jungunternehmer schon viele Pläne für künftige Veranstaltungen, aber in Zeiten der Pandemie lässt sich davon kaum etwas umsetzen. Unmittelbar in der Nähe liegen das Frankfurt Lab – ein Aufführungsort für zeitgenössische darstellende Kunst und Musik – sowie der Club „Das Bett“. In beiden Locations könnte er Events veranstalten. Public Viewing von E-Sports-Weltmeisterschaften, große öffentliche LAN-Partys, Community-Events oder eben Turniere – für alles hat Seifert Ideen und teilweise auch Anfragen, aber in der aktuellen Situation bleibt er zurückhaltend.

Momentan konzentriere er sich darauf, die vorhandenen Räume noch schöner herzurichten. „Wir brauchen noch vier Wochen, bis wir so weit sind“, schätzt er. Dann werden ein 98-Zoll-Fernseher, Whiteboards und weitere Bildschirme die Ausstattung ergänzen. Besonders viel Unterstützung erhält er aus der Community, die sich im Zuge der 1337-Bar zusammengefunden hat.

Nur vom Feinsten ist die technische Ausstattung.

„Im Kern sind wir 20 bis 30 Leute“, sagt er. „Alle haben Lust was zu machen und das Ganze voranzubringen.“ Die Leute hielten zusammen, es seien bereits Freundschaften und Liebespaare entstanden. „Das hier ist und bleibt ein Community-Projekt. Ohne deren Hilfe wäre das alles nicht möglich.“

Seifert will in kleinen Schritten vorangehen. Und dann, so sagt er, schließe er auch das Thema Gastronomie, wie einst in der 1337-Bar, für die Zukunft nicht komplett aus. „Als Unternehmer muss man flexibel sein“, sagt er und lacht.

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