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Mehr als 700 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mussten zwischen 1942 und 1945 in der Naxoshalle schuften. Christoph Boeckheler

Frankfurt

Zeitzeugin aus Stein und Stahl

  • Meike Kolodziejczyk
    VonMeike Kolodziejczyk
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Eine „Themenwoche gegen das Vergessen“ beleuchtet die Geschichte der Naxoshalle im Nationalsozialismus

Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen, und gerade das macht mit den Reiz der Frankfurter Naxoshalle als Ort für Kunst und Kultur aus. Seit 20 Jahren ist sie die Spielstätte des Theaters Willy Praml, seit sieben dient sie dem Studio Naxos als Bühne. Doch in der Historie der ehemaligen Fabrikhalle des Schleifmaschinenherstellers Naxos-Union gibt es auch düstere Kapitel, über die bislang nur wenig bekannt ist. Eine „Themenwoche gegen das Vergessen“ von Studio Naxos und Theater Willy Praml soll das nun ändern: Vom 25. September bis 1. Oktober wird in Theaterstücken, einer Ausstellung, in Konzerten, Vorträgen, Stadtrundgängen und weiteren Veranstaltungen die Geschichte der Naxoshalle im Nationalsozialismus beleuchtet.

„An ihr lässt sich exemplarisch zeigen, wie Arisierung, Verschleppung, Zwangsarbeit und Mord in der Mitte der Gesellschaft vonstatten gingen“, sagt Jan Philipp Stange, Theaterregisseur, Autor und Leiter der Themenwoche. Nach dem Mord an Walter Lübcke, nach den rassistischen Anschlägen in Hanau dürfe man nicht wegschauen, besonders nicht in Hessen, fordert Stange und erinnert daran, dass die „letzten Zeitzeugen nicht mehr lange leben werden“. Nichtsdestotrotz fange „die Aufarbeitung der Zwangsarbeit in der Naxoshalle erst jetzt an“.

Die Themenwoche in der Naxoshalle

Die Naxos-Union wurde 1871 von Julius und Rosette Pfungst gegründet. Sie hatte die Alleinvertriebsrechte für das Mineral Korund von der Insel Naxos, das in Frankfurt zu Schleifkörpern und später in Schleifmaschinen verarbeitet wurde. 1906/1907 entstand die Naxoshalle, in der bis Ende der 1980er Jahre produziert wurde. Die „Themenwoche gegen das Vergessen“ widmet sich vom 25. September bis zum 1. Oktober der NS-Geschichte der Naxoshalle, Waldschmidstraße 19. myk Programm und weitere Informationen: www.studionaxos.de

Luise Besier und ihr Team haben im Januar 2020 angefangen, die NS-Geschichte des heutigen Industriedenkmals zu recherchieren. Sie seien auf „viele spannende Dokumente und Quellen gestoßen“, sagt die Soziologin, „aber auch auf unzählige Lücken und Fragen“. Präsentiert werden die Ergebnisse in einer Ausstellung, die mit der Themenwoche am Freitag, 25. September, eröffnet wird und dann dauerhaft in einem stillgelegten Aufzug eingerichtet ist.

Zwischen 1940 und 1945 mussten mehr als 700 Menschen aus ganz Europa für die seinerzeit für die Rüstungsindustrie produzierende Naxos-Union Zwangsarbeit leisten. In 13 Lagern nahe der Halle und andernorts waren sie untergebracht. „Zwangsarbeit war allgegenwärtig und ein sehr sichtbares Phänomen in Frankfurt“, sagt Besier. Erst Ende der 1990er Jahre organisierte die Stadt die Entschädigung, viele der Frauen und Männer waren da schon tot. Nicht so der Tscheche Václav Danihel, auf dessen Entschädigungsakte ein Großteil der Ausstellung basiert.

Es sei „unerlässlich, Geschichte zu kennen“, mahnt Willy Praml. „Anfangen danach zu graben, kann man am besten da, wo man gerade steht.“ Dabei geht es dem Theaterleiter vor allem um die jüdische Eigentümerfamilie Pfungst, die in den 1930er Jahren von den Nationalsozialisten enteignet wurde. Dem Schicksal der Firmenchefin und Feministin Marie Eleonore Pfungst, die 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt starb, widmet sich eine temporäre Ausstellung im Foyer.

Holocaust und Zwangsarbeit sind auch Gegenstand der drei Theaterstücke der Themenwoche, die eigentlich schon im Frühjahr zum 75. Jahrestags des Kriegsendes sowie anlässlich der 40-jährigen Städtepartnerschaft von Frankfurt und Tel Aviv geplant war. Michael Weber vom Theater Willy Praml setzt den polnischen Frauen, die einen Großteil der Zwangsarbeiter stellten, mit seiner Produktion „P“ ein szenisches Denkmal, das Ensemble Profikollektion führt in seiner performativen Installation „Gespenster der Arbeit“ mit Klang und Licht durch die „Zeitzeugin Naxoshalle“. Zeitzeugnisse sind auch 450 Stunden Tonbandaufzeichnungen der Frankfurter Auschwitzprozesse, die für das Stück „Widerhall“ eine Rolle spielen.

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