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Für ihr soziales Engagement erhielt Marlis Otto 2006 das Bundesverdienstkreuz.
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Für ihr soziales Engagement erhielt Marlis Otto 2006 das Bundesverdienstkreuz.

Interview

Zeitung aus Frankfurt: „Ich habe lieber Papier in der Hand“

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Wie Marlis Otto vor vielen Jahren an den „Frankfurter General-Anzeiger“ von 1911 kam – und was sie 110 Jahre nach dem Erscheinen damit machte.

Marlis Otto ist die fitteste 95-Jährige weit und breit. Die Bundesverdienstkreuzträgerin aus Neu-Isenburg staucht schon mal die Leute an einem AfD-Wahlkampfstand zusammen, wenn sie auf dem Fahrrad vorbeisaust. 2012 reagierte sie auf eine Rauscher-Kolumne, schickte ein Päckchen an die FR – und ein gewisser Redakteur erkannte seine frühere Grundschullehrerin in ihr wieder. Seither sind sie Freunde. Guten Freunden schenkt man auch mal was: zum Beispiel den Juni-Band des „Frankfurter General-Anzeigers“ aus dem Jahr 1911.

Liebe Marlis, hast du heute schon Zeitung gelesen?

Nein, ich bin doch gerade in Kur und habe mir diesmal die Rundschau nicht hinterherschicken lassen. Samstags kommt hier gar keine Post an, dann wieder mehrere Zeitungen auf einmal – das war im vorigen Jahr eine Katastrophe.

Wie lang bist du schon Zeitungsleserin?

Schon immer. Und immer die Rundschau.

Wie bist du denn an diesen alten Generalanzeiger gekommen?

Meine Söhne und ich haben vor vielen, vielen Jahren gemeinsam ein Geschenk für meinen Mann Albert gesucht, der im Juni Geburtstag hatte. Ich fand dann irgendwo eine Annonce. Eigentlich wollte ich etwas von 1909, das ist das Jahr, in dem er geboren wurde. Es gab den General-Anzeiger aber nur noch ab 1911 zu kaufen.

Was ja zumindest jetzt, 2021, ganz prächtig passt.

Er hat sich damals aber auch unheimlich gefreut. Wir haben oft gemeinsam darin geblättert und gelesen. Albert war ja Grafiker. Ihn hat außer den politischen und feuilletonistischen Artikeln auch die Werbung in den Zeitungen sehr interessiert. Es war ein rundum gelungenes Geschenk, und der Band lag bei uns jahrelang offen zum Blättern. Später habe ich ihn einem Antiquar gezeigt, aber der war uninteressiert. Er lag und lag, bis ich auf die Idee kam, es müsste sich doch jemand interessieren – und zwar du.

Allerdings. Und dann kam ein Riesenpaket. Woher hattest du denn das professionelle Dämmmaterial – zehn Eierkartons?

Haha! Das war Zufall, dass die sich gerade bei mir aufgetürmt hatten. Nicht sehr stilgerecht! Aber was anderes habe ich nicht gefunden an dem Tag.

Die Eierkartons waren perfekt. Ich habe sie anschließend in der Bäckerei abgegeben, die freuen sich immer.

So mache ich das auch. Wenn vier oder fünf beisammen sind, nehme ich sie mit zum Markt, unser Eierhändler freut sich auch.

Zur Person

Marlis Otto, geboren 1926 in Wuppertal, war Lehrerin an der Heinrich-Seliger-Grundschule in Frankfurt. Nach ihrer Pensionierung engagierte sie sich sozial und gründete die Tagesmütterzentrale in Neu-Isenburg, wofür sie 2006 das Bundesverdienstkreuz erhielt.

Was ist dir an einer Tageszeitung wichtig?

Verschiedene Dinge. Ich blättere durch und bleibe an Überschriften hängen, die mich interessieren – in letzter Zeit etwa bei Berichten über den Wahlkampf oder über Corona. Das Feuilleton interessiert mich sehr! Was ich gern mache, ist das Rätsel, auch das Fernsehprogramm. Es ist das Gesamtangebot, das ich schätze. Die Mischung macht es.

Und jetzt hast du gar keine Zeitung?

Doch, wir haben hier im Sanatorium ein großes Foyer, da liegen Zeitungen aus. Ich habe aber gar nicht so viel Zeit, den ganzen Tag über ist man ja hier ziemlich beschäftigt. Vorgestern war ich eine Stunde rudern.

Rudern? Eine Stunde?!

Das ist hier meine hauptsächliche Beschäftigung, wenn ich mal Zeit habe. Und wenn das Wasser schön glatt ist.

Nur unter Windstärke 10.

Haha, richtig. Sonst machen wir Radtouren.

Noch eine Frage zur Zeitung: Wie wichtig ist dir, dass sie aus Papier ist?

Sehr wichtig. Digital – so weit bin ich noch nicht. Ich habe lieber Papier in der Hand. Ich höre mir auch keine Hörbücher an. Dafür muss ich vielleicht erst ein bisschen älter und ruhiger werden.

Das Beste an der Zeitung ist sowieso, dass sie Lehrerin und Schüler nach fast 40 Jahren wieder zusammengebracht hat.

Das finde ich auch.

Interview: Thomas Stillbauer

Die Titelseite des General-Anzeigers vom 1. Juni 1911, ein wenig mitgenommen nach all den Jahren.

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