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Gitarrenbauer Mathias Schindehütte mit einer Zeitgeist Blackbird in seiner Werkstatt.

Porträt der Woche

Zeitgeist aus dem Hinterhof

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Morgen geht die Musikmesse los. Aber der Frankfurter Gitarrenbauer Mathias Schindehütte hat das ganze Jahr Konjunktur.

Musik ist überall, aber in diesem Bornheimer Hinterhof kann man sie sehen, bevor man sie hört. Da konzentriert sich gerade Mathias Schindehütte auf seine Arbeit, kein Radio im Hintergrund, kein Ton, kein Garnichts, aber in seiner Hand: die ganze Welt der musikalischen Möglichkeiten. Was hält er in der Hand? „Eine Zeitgeist Blackbird aus amerikanischer Sumpfesche. Deutsche Esche ist viel zu schwer.“ Uraltes Ding, diese Gitarre, oder? 60er Jahre? 70er? „Die Gitarre ist drei Wochen alt.“ Kerräng!

„Der Gitarrensound der 50er, 60er Jahre, das ist es, wo jeder Gitarrenbauer rankommen will“, sagt Mathias Schindehütte. „Ich will einen tollen Vintage-Sound.“ Vintage, ein Begriff, den man in diesem Genre ganz besonders häufig hört, viel häufiger als anderswo. Vintage bedeutet zugleich alt und exzellent. Damit eine gerade erst aus feinsten Zutaten gefertigte Sechssaitige so aussieht, als stammte sie aus einer Londoner Manufaktur zu Gründungszeiten der Kinks und der Beatles, muss sie eine Weile in die Tiefkühltruhe, auch Salz hilft beim Express-Altern. Und schon merkt nur noch der Profi, dass dieses Stück Musik ein neues Stück Musik ist, das aussieht wie ein altes.

Vor allem aber soll es klingen wie ein altes. Der Frankfurter Mathias Schindehütte, geboren 1961, hat es darin zur Meisterschaft gebracht. Und das kam so: „Mit sieben oder acht sollte ich Geige spielen lernen“, erzählt er, während er einer tatsächlich in Würde gealterten Gibson ES-335, also einer echten Vintage-Gitarre, die Bundstäbchen feilt. Das macht er als Kind ein paar Jahre mit, das Geigespielen. Als er 13 oder 14 ist, zertrümmert er das Instrument und besorgt sich eine Gitarre. „Es war halt Rock, was ich gehört habe. Keine Klassik.“

Da haben sich zwei gefunden, die Gitarre und der Gitarrenversteher. Nach dem Abi, nach dem Zivildienst, überlegt er, wie es weitergehen soll. Und macht das Hobby zum Beruf. Ausbildung? No. Autodidakt. Im Heddernheimer Bunker richtet er mit einem Kumpel die erste kleine Werkstatt ein, Mitte der 80er. Es ist die Zeit, in der die Stadt endlich erkennt, dass sie die alten Luftschutzgemäuer kaufen und den Musikern zur Verfügung stellen muss. Bands wie Flatsch und die Eintracht-Hymnen-Metalheads Tankard proben dort, Sänger Terence Trent D’Arby startet im Bunker seine Weltkarriere, der Bühnenausstatter PA Sound fängt klein in Heddernheim an und expandiert.

Auch Schindehütte zieht weiter, arbeitet beim Musikgeschäft Mr. Bassman in Bornheim, macht sich wieder selbstständig, heuert später, als die Familie Nachwuchs bekommt, bei Musik Schmidt an, damals noch an der Berliner Straße, zieht mit dem Betrieb nach Fechenheim um. Vor zwölf Jahren dann findet er, was heute kaum noch vorstellbar ist: bezahlbaren Wohnraum an der Berger Straße – mit Atelier im Hinterhof. Sechs Richtige für sechs Saiten.

Rrrratsch. Kurze Bewegungen mit der Spezialfeile, die Gibson-Gitarre hat neue Bundstäbchen bekommen, die brauchen noch den letzten Schliff. „Da reden wir über 35 000 Euro“, sagt er nebenbei. Nicht ungewöhnlich, dass ein Instrument so viel wert ist. In der kleinen staubigen Werkstatt hielten sich schon Gitarren für eine Viertelmillion Euro auf, Schindehütte repariert auch für die Stars. Gitarristen von Udo Lindenberg und den Scorpions lassen bei ihm restaurieren.

„Reparieren ist das tägliche Brot“, sagt er. „Die Passion sind meine Zeitgeist-Gitarren.“ Voriges Jahr hat er 20 Stück davon auf Bestellung gebaut, im eigenwilligen Design, bisschen eckig, bisschen schräg. „Es soll etwas Erkennbares sein.“ Und nicht zu viel wiegen. „Man muss eine Gitarre in die Hand nehmen und sich wohlfühlen.“ Roterle, Sumpfeiche, Mahagoni verarbeitet er für den Korpus, Ahorn für den Hals, Palisander und Ebenholz fürs Griffbrett, natürlich alles gründlich katalogisiert, sofern es sich um artengeschützte Hölzer handelt. Am Anfang stehen immer zwei Bohlen, zusammengeleimt, dann mit der Schablone ausgesägt. „Toll, wenn du vom Holzhändler kommst, das Material in der Hand hältst und dann siehst, was daraus wird.“ Nämlich: Musik. „Du machst aus einem Stück Holz drei Gitarren, und jede klingt anders.“ Kerräng!

Oben auf den Regalen stehen zehn Akustikgitarren. Ehemalige Akustikgitarren. Es ist ein Akustikgitarrenfriedhof. „Leute kommen zu mir, fragen: Kann man da noch was machen?“ Gelegentlich heißt es dann eben: Nein, leider. Manche lassen das Stück dann gleich da, zum Entsorgen.

Die Faszination an der Gitarre? „Es ist die Musik, die man damit verbindet.“ Mathias Schindehütte verbindet damit: Rock. Es darf laut sein. „Für mich muss immer eine Gitarre dabei sein.“ Die britische Band Muse hat es ihm beispielsweise angetan. Und selbst? „Ich habe nur mal eine Zeitlang in einer Band gespielt – aber Bass.“ Summer’s Ocean hieß die Gruppe.

Lassen sich Linkshänder oft Gitarren bauen? Weil’s weniger von der Stange gibt? „Erstaunlicherweise kaum“, sagt er. Aber viele Kunden haben Sonderwünsche, etwa Elektronik-Schnickschnack, ein Touchpad auf dem Korpus, oder hier: eine Sonderanfertigung, die aussieht wie für einen Bollywoodfilm, mit rotem Tuch, das unter die Lackierung drapiert ist. Ab 2500 Euro aufwärts kostet eine Zeitgeist-Gitarre. Wenn sich die Aufträge häufen, schließt Mathias Schindehütte für eine Woche die Werkstatt und sägt, leimt, produziert im Akkord. Erst Monate später wird das Werk vollendet sein – wenn es eine Weile gespielt wurde. „Den Unterschied hört man.“

Und das Ergebnis? Kommt es vor, dass er einen Gitarristen auf der Bühne sieht, mit dem Resultat seiner Arbeit, und der Kunde wird dem Produkt musikalisch nicht gerecht? Spielt nur Grütze? „Noch nie erlebt“, sagt der Gitarrenbauer. „Wer zu mir kommt, kann in der Regel auch spielen.“ Ali Neander beispielsweise, Gitarrist der Rodgau Monotones, spielt eine Zeitgeist. Noch Fragen?

Ja, eine: Musikmesse? Nicht mehr, sagt Mathias Schindehütte. Früher schon, früher war das Pflicht. „Früher war das ein Highlight, da sind wir mit Freunden drübergepilgert.“ Heute hätten sich die Schwerpunkte dort verschoben, hin zur Eventtechnik. Die spannenden Dinge zum Musikmachen seien heute anderswo zu finden. Kerräng! Die Highlights gibt es heute im Hinterhof.

Mathias Schindehütte baut, repariert und restauriert Gitarren. Seine Werkstatt hat er in der Berger Straße 329. Kontakt: mathias@schindehuette-gitarren. de.

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