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Afrika-Halle mit ostafrikanischer Savanne.

Zoo Frankfurt

Zeit für ein neues Nashornhaus

Bisher hat das Geld nicht gereicht für ein neues Zuhause für Nashorn Kalusho und Flusspferd Petra. Das könnte sich nun endlich ändern.

Die grellweiße Kugellampe vorne links am Gehege flackert. Die hinten rechts auch. Vor dem Metallgitter und dem Betongraben, der den Nashorn- vom Menschenbereich trennt, stehen drei Palmenkübel, die wohl einst für etwas Savannenflair sorgen sollten. Mittlerweile sind die Blätter ziemlich eingestaubt. Das Ganze erinnert an eine selten besuchte U-Bahn-Station mit Büropflanzen. Nicht, dass der Bewohner des Hauses wüsste, wie eine solche Station aussieht. Für Spitzmaulnashorn Kalusho ist dieser türkisgekachelte Raum seit 30 Jahren sein Zuhause.

Der Bulle lebt dort als Einzelgänger, wie für seine Artgenossen üblich. Seine ehemalige Nachbarin, die Nashornkuh Tsororo, starb vor drei Jahren und ihre gemeinsamen Kinder und Enkelkinder wurden bereits nach Südafrika umgesiedelt. Von seiner aktuellen Mitbewohnerin, dem Flusspferd Petra, bekommt er nicht allzu viel mit. Alle fünf Minuten blubbert es kurz, bevor sie wieder unter die braune Oberfläche ihres Beckens taucht. Es fällt leicht, sie dort zu ignorieren.

In der Mitte des Raums liegt das Oval, von dem Besucher ihn mit sicherem Abstand beobachten können. Denn wenn Kalusho sich erleichtert, könnte er das auch mit einem kräftigen Spritzer ins Publikum tun. Ein vergilbtes Schild warnt vor derartigen Überraschungen.

Wenn Kalusho genug hat von den tristen Kacheln seiner Behausung, wandert er durch den Vorhang aus schweren Plastikstreifen in den für ihn bestimmten Außenbereich. Wirklich nach Savanne sieht es dort auch nicht aus. Aber es gibt ein paar große Baumstämme, an denen er sich kräftig das Hinterteil schrubbt, und einen kleinen für die Horn-Maniküre. Nachdem Kalusho seine tägliche Pflegeroutine beendet hat, widmet er sich der Tätigkeit, der er wohl am häufigsten nachgeht: dem Dösen. Dabei sind seine Augen zur Hälfte geschlossen und das rechte hintere Bein entlastet. Er steht so still, dass man meinen könnte, der Zoo hätte eine Statue ins Gehege gestellt.

Zwei Viertklässler nähern sich seinem Areal und wollen ein Foto des Nashorns in Action. Kalusho reagiert nicht. Auch laute Rufe bringen höchstens seine wuscheligen Ohren zum Zucken. „Das hört uns gar nicht. Voll langweilig.“ Frustriert wechseln die Jungs ihre Taktik. „Hörni“ rufen sie, „Komm schon, du altes, fettes Nashorn!“ Auch Beleidigungen scheinen wenig effektiv, Kalusho verharrt regungslos. Als nächstes bellen die Jungs. Das führt zumindest zu einer leichten Kopfdrehung, die prompt als Erfolg gewertet wird, und die Jungs verziehen sich in Richtung Flamingos.

Das Dösen im Stehen ist unterdessen ganz schön anstrengend geworden, Kalusho legt sich auf den Boden und verfällt in die nächste Phase der Regungslosigkeit. Viel anderes gibt es hier schließlich nicht zu tun. Zwei Zoomitarbeiter im Teenageralter bringen schließlich einen Eimer Sellerie vorbei. Ein gesunder Snack als Nervennahrung vermutlich.

Obwohl sein Revier im Frankfurter Osten wenig mit der südafrikanischen Savanne oder dem Buschland gemein hat, ist es fraglich, ob er dort tatsächlich besser aufgehoben wäre. Denn Kalusho und seine Artgenossen stehen auf der Roten Liste und gelten als von Ausrottung bedroht. Vor allem auf das Horn und dessen angeblich heilende Wirkung haben es Wilderer abgesehen.

Währenddessen drohen im Frankfurter Zoo lediglich aufmüpfige Kinder auf der Jagd nach einem guten Foto. Die sind zumindest leicht zu ignorieren.

Wenn Kalusho wieder Hunger hat, stampft er gemächlich zurück in sein Haus, bleibt vor dem flackernd weißen Licht stehen und beginnt Heu zu mampfen. Das spitze Maul schiebt sich langsam und gleichmäßig über die Gräser, die wohl absichtlich so positioniert wurden, dass Besucher ihm beim Essen zuschauen können.

Aber trotz des spannenden Anblicks ist nicht viel los im Nashornhaus. Zu düster und heruntergekommen ist es dort. Diejenigen, die sich dennoch kurz herein traue,n gehen meist wieder, bevor sie Petra blubbern hören.

Der Bau zählt zu den ältesten Gebäuden des Zoos und war einst das Zuhause der dort ansässigen Elefanten. 1984 wurde es dann zum Nashornhaus umgebaut. Schon lange steht das Haus daher auf der Liste der notwendigen Erneuerungen des Zoos. Bisher reichte das Geld nicht, aber die neuen Pläne machen Hoffnung. Sollte die Schwergewichts-WG im Zuge der neuen baulichen Veränderungen nun doch noch in ein schöneres Zuhause umziehen, bleibt zumindest zu hoffen, dass dadurch mehr Besucher bei Kalusho und Petra vorbeischauen. Und zwar solche, die sie nicht beleidigen.

Von Valerie Eiseler

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