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Mehr als 150 000 Schülern hat die Familie Wernecke das Tanzen beigebracht, Vater und Söhne unterrichten immer noch.

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„Die Zeit der großen Bälle ist vorbei“

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Generationen von Frankfurtern sind bei Wernecke, der ältesten Tanzschule der Stadt, über die Böden geschwebt, gewirbelt und gestolpert. Dieses Jahr feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen.

Anfangs begleitete ein Pianist die Tanzenden, dann spielte das Grammophon die Musik, später wurden Schallplatten aufgelegt, die wurden leichter und kleiner, liefen dann irgendwann elektrisch bis sie von Tonbändern, Kassetten und CDs abgelöst wurden. Frankfurts älteste Tanzschule Wernecke hat 100 Jahre Musikgeschichte miterlebt. Dieses Jahr feiert sie ihr großes Jubiläum. „Mit der Technik heutzutage können wir ja fast alle Titel spielen, die sich unsere Kunden wünschen“, sagt Helmut Wernecke. Der 92-Jährige ist fast so lange mit dabei und gibt immer noch Unterricht. Seine Söhne Marc (53) und Oliver (52), ebenfalls ausgebildete Tanzlehrer, sind Geschäftsführer des Familienbetriebs.

Weit mehr als 150 000 Schüler sind über wechselnde Böden der Frankfurter Institution geschwebt, gewirbelt und gestolpert. Mittlerweile betreibt Wernecke drei Tanzschulen, jeweils eine in Sachsenhausen und Neu-Isenburg - im ehemaligen Volksbildungsheim über dem Kino Metropolis an der Eschenheimer Anlage ist der Hauptsitz. Dort feilt gerade ein Paar mittleren Alters an seinen Schritten. Der Blick im vierten Stock reicht hinüber zur Skyline. Nachmittags wird es hier voller, dann lernen schon die Kleinsten und Schüler Jazzdance, Ballett oder Hip Hop. Abends tanzen Erwachsene Tango, Foxtrott und Salsa.

Oliver Wernecke gibt Anweisungen.

Doch auch die Jugendlichen wollen noch Gesellschaftstanz lernen. „Zum Glück“, sagt Oliver Wernecke. Die Nachfrage sei groß. Schon länger gehe es allerdings um einiges lockerer zu als zu seiner Jugend, sagt Helmut Wernecke und zeigt alte Schwarz-Weiß-Fotos. Die jungen Männer tragen Anzug und Krawatte, die Damen Kleider oder Röcke. Die Jugendlichen heute kommen in Turnschuhen und werden nicht mehr im Benehmen unterrichtet. Bewegen sich zu Musik aus den Charts. Zum Abschluss tanzten gerade beim beliebten Frühlingsball im Gesellschaftshaus des Palmengartens Eltern und Kinder gemeinsam. „Doch die Zeit der großen Bälle ist längst vorbei“, sagt Helmut Wernecke etwas wehmütig.

Gegründet wurde die Schule von seiner Mutter Hildegard 1919, „sie liebte Musik und Tanz“, sagt der Sohn. Vater Paul Wernecke war um die Jahrhundertwende königlicher Landesbaurat. Seine Frau engagierte sich auf Großveranstaltungen des Architekten- und Ingenieurvereins. Darüber kam Hildegard Wernecke gemeinsam mit ihrer Schwester zum Tanz.

Helmut Wernecke war schon von klein auf bei den Kursen mit dabei. „Mein Zimmer war früher genau über der Tanzschule“, erinnert er sich. Dort in der Bockenheimer Landstraße 120, unweit des Palmengartens, konnte er den Pianisten den Takt schlagen hören. „Das war ein wunderschönes Gebäude mit einem riesigen Garten, da wurde sogar im Freien Unterricht gegeben.“

Im zweiten Weltkrieg wurde das Haus völlig zerstört. Die Suche nach einer neuen Bleibe sei nicht einfach gewesen, sagt Helmut Wernecke, vieles lag in Trümmern. „Doch die Leute wollten tanzen.“ Hildegard Wernecke eröffnete die Tanzschule 1946 wieder, zuerst gab sie Unterricht in ihrer Wohnung im dritten Stock, Veranstaltungen wurden in einem Saal der Gastwirtschaft nebenan gefeiert. Doch irgendwann beschwerten sich die Nachbarn, und auch der Wirt schmiss sie raus. Eine Weile kam die Tanzschule in dem Haus in der Glauburgstraße unter, wo heute das Stalburgtheater residiert. 1957 zogen sie in das Gebäude an der Bockenheimer Landstraße 72, wo sie bis 2003 blieben.

Goldene Zeit in den 50er und 60er Jahren

Dort gab dann auch Helmut Wernecke Kurse. Eigentlich wollte er gar nicht Tanzlehrer werden, „das war mir zu feminin“. Als er aus dem Krieg zurückkehrte, machte er eine Ausbildung zum Elektroingenieur. Doch seine zukünftige Ehefrau Rosemarie, die heute nicht mehr unterrichtet, überzeugte ihn, bei der Tanzschule einzusteigen. Gemeinsam machten sie eine Tanzlehrerausbildung und unterrichteten dann beide. „Mutti überließ uns den Gesellschaftstanz, damit konnte man mehr verdienen.“ Sie selbst unterrichtete Ballett. Ein Poster am Empfang erinnert an die Zeit. Helmut Wernecke im schwarzen Anzug und seine Ehefrau in glitzerndem Kleid werben in Pose geworfen für die neuen Kurse 1968.

In den 1950er und 60er Jahren war eine goldene Zeit für die Tanzschule. An den Wochenenden kamen manchmal mehr als 1000 junge Menschen, die tanzen wollten, erzählt Helmut Wernecke. Aber die Konkurrenz war groß. „Darum mussten wir uns etwas einfallen lassen.“ Auf sogenannten Gammelparties konnten die Jugendlichen anziehen, was sie wollten. Das kam gut an Ende der 60er.

Schwofen mit Blick auf die Skyline in den Räumen am Eschenheimer Turm.

Aber es gab auch schwierige Zeiten. In den 80er Jahren wurde die neue U-Bahn-Linie gebaut, direkt vor der Tür. Durch die Baustelle war die Tanzschule schlecht zu erreichen. „Da hieß es 13 Jahre Überlebenskampf“, sagt Helmut Wernecke. Denn trotz der Flaute mussten sie ja die Miete weiter bezahlen. Manchmal hätten sie nichtmal genug Geld fürs Frühstück gehabt.

Davon ist heute nichts zu spüren, trotzdem sei das Geschäft nicht immer einfach, sagen Vater und Sohn. Denn anders als im Fitnessstudio zahlten die Kunden ja keinen Jahresbeitrag, sondern müssen so idealerweise gleich den nächsten Kurs buchen. Darum hat die Tanzschule auch alle Trends mitgemacht, in den 1960er Jahren den Modetanz Letkiss, Aerobic-Kurse in den 80ern, die Lambada-Welle Anfang der 90er und in jüngster Zeit Zumba. Momentan beobachtet Oliver Wernecke eine Rückbesinnung auf die klassischen Paartänze.

Was sich nicht geändert hat: Immer noch sind es vor allem die Frauen die tanzen wollen. Dabei komme es doch toll an, wer sich als junger Mann gut bewegen könne, wundert sich Helmut Wernecke. Meist schleppen die Frauen ihre Männer her. „Unsere Aufgabe ist es, sie dann hier zu halten.“ Auf der anderen Seite sei der Tanzkurs eine gute Gelegenheit neue Leute kennenzulernen. Das geht am besten in den Single-Kursen. „Wir sind eine der wenigen, die solche reinen Kurse anbieten“, sagt Oliver Wernecke. Die seien sehr gefragt. Und schließlich sei Frankfurt die Stadt mit der höchsten Single-Dichte.

Die Werneckes lieben ihren Job, weil sie gerne mit Menschen arbeiten. Enkel gibt es keine. Doch wenn die Söhne so lange weitermachen, wie ihr Vater, wird die Tanzschule noch einige Jahrzehnte als Familienbetrieb bestehen. Denn dass Tanzen jung hält, sieht man allen dreien an.

Info

Die Tanzschule Wernecke bietet eine Vielzahl von Kursen für Schüler und Erwachsene an, für Paare und Singles. Neben den klassischen Tänzen wie Foxtrott, Blues und Walzer werden auch lateinamerikanische Tänze, etwa Cha Cha, und Salsa unterrichtet, aber auch Videoclip Dancing und Zumba. Zudem gibt es Tanzkreise, zum gemeinsamen Bewegen.

Das Büro der Tanzschule mit Hauptsitz an der Eschenheimer Anlage 40 ist unter der Nummer 72 72 17 Montag bis Freitag von 14 bis 20 Uhr erreichbar

Die Dependance in Sachsenhausen befindet sich in der Mörfelder Landstraße 50. In Neu-Isenburg wird in der Frankfurter Straße 74-76 getanzt.

tanzschule-wernecke.de

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