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„Zeig mir Dein Frankfurt“

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Von: Anja Laud

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Angela Jannelli
Angela Jannelli © Privat

Angela Jannelli und Gottfried Kößler sprechen über das Ziel des Stadtlabors. Beide haben die Auisstellung des Historischen Museums kuratiert.

Im Stadtlabor des Historischen Museums haben sich Menschen mit Migrationsgeschichte auf die Spuren der NS-Zeit in Frankfurt gemacht. Kuratorin Angela Jannelli und ihr Kollege Gottfried Kößler erläutern, warum sie bei der Auswahl der Gruppe Wert auf Diversität gelegt haben.

Wer durch die Ausstellung des Stadtlabors zur NS-Zeit in Frankfurt geht, gewinnt den Eindruck, dass sich viele Menschen mit Migrationsgeschichte mit dem Dritten Reich beschäftigen. Woher kommt deren Interesse?

Jannelli: Zum Teil haben wir das Interesse geweckt. Gerade Menschen mit einer Migrationsgeschichte, die sich am Stadtlabor beteiligt haben, haben die deutsche Geschichte zunächst nicht als die ihre angesehen. Aber wir leben heute alle in Strukturen, die immer noch von dem damaligen Unrecht geprägt sind.

Kößler: Die Stadtlaborant:innen, egal ob sie viel oder wenig über die Geschichte des Nationalsozialismus wissen, treffen in der Stadt auf dessen Spuren. Spuren, die sie vielleicht zunächst nicht verstehen. Wenn sie dann aber anfangen, sich damit zu beschäftigen, stellen sie Verbindungen zu ihren eigenen Geschichten her. Diese sind oft andere Geschichten als die der Mehrheit. Diese Verbindungen interessieren uns, und sie interessieren auch die Stadtlaborant:innen.

Das Stadtlabor wurde 2010 im Historischen Museum gegründet. Was waren die Beweggründe?

Jannelli: Wir haben uns mit dem Stadtlabor partizipativ und gegenwartsorientiert ausgerichtet. Das heißt, wir arbeiten mit dem Grundsatz, dass alle, die in Frankfurt leben, Expert:innen für die Stadt sind. Dem Stadtlabor liegt eine Expertise zugrunde, aber sie ist keine fachwissenschaftliche, sondern eine erfahrungsbasierte. Und dieses informelle und unbewusste Wissen nehmen wir ernst. Wir wollen mit dem Stadtlabor dazu beitragen, dass dieses Wissen bewusst allen zur Verfügung gestellt und damit auch diskutierbar wird.

Kößler: Und diese informelle Form von Wissen wird im Historischen Museum ebenso ernstgenommen wie das etablierte Wissen der Institution. Die Leute, die hier als Stadtlaborant:innen ausstellen, haben den gleichen Anspruch auf eine gute, professionelle Ausstellung wie die Wissenschaftler:innen, die hier arbeiten.

Was ist das Ziel des Stadtlabors?

Zur Person

Angela Jannelli ist seit 2010 Kuratorin am Historischen Museum. Sie gehört zum Stadtlabor-Team und leitet die Bibliothek der Generationen, ein künstlerisches Erinnerungsprojekt von Sigrid Sigurdsson.

Gottfried Kößler ist Kurator der Stadtlabor-Ausstellung. Er arbeitete seit dessen Gründung für das Fritz Bauer Institut. Er gehörte bis zu seiner Pensionierung zum Team des Pädagogischen Zentrums des Instituts und des Judischen Museums.

Jannelli: Das Motto des Stadtlabors lautet „Zeig mir Dein Frankfurt“. Und darum geht es auch. Wir teilen nicht alle die gleiche Geschichte, die gleiche Sprache, die gleiche Religion, aber wir teilen uns den Stadtraum. Und auch, wenn es immer der gleiche Stadtraum ist, wird er von allen Menschen unterschiedlich erlebt. Diese unterschiedlichen Frankfurts einander zu zeigen und darüber ins Gespräch zu kommen, ist eines der Ziele des Stadtlabors.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Stadtlaborant:innen für die Entwicklung einer Ausstellung aus? Kann grundsätzlich jede oder jeder mitmachen?

Jannelli: Normalerweise ist das ein sehr offener Prozess. In diesem Fall war es uns aber wichtig, dass nicht nur Menschen kommen, die sich sowieso schon mit der NS-Geschichte beschäftigen. Wir wollten die Diversität der Stadtgesellschaft in diesem Erinnerungskollektiv abbilden. Deshalb haben wir gezielt Leute angesprochen, das heißt, wir haben eine diverse Gruppe kuratiert.

Wie schätzen Sie, losgelöst vom Stadtlabor, den Wert der Arbeiten von Menschen und Initiativen ein, die sich mit der NS-Geschichte befassen.

Kößler: Es ist wichtig, den Unterschied zwischen Barfuß-Historiker:innen, so hieß das in den 1980er Jahren, und den Stadtlaborant:innen herauszuarbeiten. Die Barfuß-Historiker:innen hatten eine politische Motivation. Sie war oft mit einer starken Identifikation speziell mit jüdischen Verfolgten verbunden. Das Verschweigen der Schuld der Generation, die den Nationalsozialismus zu verantworten hatte, sollte beendet werden. Davon unterscheiden sich die Stadtlaborant:innen. Sie haben zunächst einmal die Motivation, den anderen ihre Stadt zu zeigen, Das ist oft kein politisches Interesse. Das kommt womöglich später dazu, aber es ist nicht der erste Impuls. Der erste Impuls ist die Freude daran, eine Ausstellung zu entwickeln und etwas Kreatives zu machen.

Jannelli: Genau. Es geht uns gerade nicht darum, Lücken in der Geschichtsschreibung zu schließen, auch das haben manche unserer Stadtlaborant:innen gemacht, aber das ist nicht das Ziel, mit dem wir antreten. Es ging uns in diesem Fall darum, dass sie uns zeigen, wo sie in ihrem Frankfurt Spuren des Nationalsozialismus finden – und was ihnen dann einfällt.

Diese Stadtlabor-Ausstellung läuft bis September. Welche weiteren Projekte, in denen Frankfurter:innen sich einbringen können, sind in Planung?

Jannelli: Das nächste Stadtlabor heißt „Stadtblicke“ und lädt zu einer zeichnerischen Annäherung an die Veränderungen der Stadt ein. Danach folgt als Beitrag zum Paulskirchenjubiläum das Demokratielabor „Vom Versprechen der Gleichheit“. Der Kick-off ist im Juni.

Interview: Anja Laud

Gottfried Kößler
Gottfried Kößler © Privat

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