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F. W. Bernstein auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2006.

F. W. Bernstein

Zeichner und Lyriker F. W. Bernstein gestorben

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F.W. Bernstein war Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule und des Satiremagazins Titanic. Er ist im Alter von 80 Jahren verstorben.

Das ist noch nicht das Ende. Das Finale steht noch aus. Im jüngsten Frühjahr erst war der neue Gedichtband „Frische Gedichte“ von F. W. Bernstein erschienen, und aus heutiger Sicht hat das Gedicht „Weltende“ etwas beängstigend Prophetisches, aber auch Versöhnliches: „Die Zeit ist um / Es ist so weit / Wir sind schon in der Nachspielzeit / Schlusspfiff! Jetzt wird auferstanden! / Skelette raus, soweit vorhanden; / auf die Bühne zum Finale! / Weltgericht!“

Am Donnerstag ist F. W. Bernstein, der Letzte der ganz Großen der Neuen Frankfurter Schule, nach langer Krankheit gestorben.

Über F. W. Bernstein kann man vieles sagen. Und viele tun das auch. Etwa Oliver Maria Schmitt, als ehemaliger „Titanic“-Chefredakteur einer von Bernsteins Diadochen und ein bisschen der Sprecher der aktuellen Neuen Frankfurter Schule: Bernstein sei aus diesem Kosmos „der Einzige, aus dem was Ordentliches geworden ist“. Das kann man so sagen, denn Bernstein ging neben seiner satirischen auch einer anständigen Arbeit nach – als Referendar an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Sachsenhausen, als Assessor in Bad Homburg, als Lehrer am Bad Vilbeler Georg-Büchner-Gymnasium, als Akademischer Rat an der Pädagogischen Hochschule Göttingen, als Dozent an der Hochschule für Bildende Kunst Kassel, als Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der Hochschule der Künste Berlin. Diese Professur ist bis heute einmalig, so was gab’s nie wieder. Passt also zu Bernstein.

„Unsere Stadt hat F. W. Bernstein sehr viel zu verdanken. Frankfurt wurde durch seinen kritischen Zeitgeist nicht nur zur ‚Hauptstadt der Satire‘, sondern zu einem Zentrum des geistigen und politischen Aufbruchs“, erinnert sich Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) an bessere Zeiten. Bernstein „war eine Epoche lang Ideengeber und Kritiker unserer Gesellschaft. Sein scharfer Witz wird uns fehlen.“ Was der Stadt bleibt: mehr als 3000 Zeichnungen im Besitz des Caricatura-Museums, für dessen Gründung er weit mehr als nur mitverantwortlich war. Dass Bernstein Berlin und nicht Frankfurt zu seiner Wahlheimat machte, nimmt man ihm am Main nicht übel. Er geht locker als Gesinnungs-Frankfurter durch.

F. W. Bernstein selbst hatte die seltene Gabe, komplexe Sachverhalte in knappen Zweizeilern treffend zu beschreiben. Etwa so: „Der Untergang des Abendlandes? / Grad war’s noch da – und dann verschwand es.“

Damit wäre alles Wesentliche zum Tod von F. W. Bernstein gesagt. Sein Leben im Schnelldurchlauf: Bernstein wird am 4. März 1938 als Fritz Weigle in Göppingen geboren. Bereits während der Schulzeit weiß er seine schwäbische Herkunft geschickt zu kaschieren: Er legt sich seinen Spitznamen „Bernstein“ als Nach- und Künstlernamen zu, seine Initialien stellt er davor. Er studiert an der Stuttgarter Kunstakademie, wo er Robert Gernhardt kennenlernt. 1964 wird Bernstein Redakteur der Satirezeitschrift und des „Titanic“-Mutterschiffs „Pardon“. Zusammen mit Gernhardt und F. K. Waechter betreut er die „Pardon“-Beilage „Welt im Spiegel“, die das Humorverständnis der Deutschen nachhaltig erweitert. Später ist er Mitbegründer der „Titanic“ und einer der Gottväter der Neuen Frankfurter Schule. Bernstein, Gernhardt und Traxler gelten noch heute bei Anhängern die Schule als Primi inter pares, so ähnlich wie Zeus, Poseidon und Hades bei den alten Griechengöttern. Wenn man so will, hatte Bernstein wohl die Hades-Rolle: Er misstraute schon immer den olympischen Gefilden der freien Dichter und stand stets lieber mit einem Bein in der Schulhölle. Das brachte ihm mitunter ein wenig Spott seiner Mit-Satiriker ein, aber dafür sind die ja auch da.

Viele verbinden mit Bernstein vor allem den Wappenspruch der Neuen Frankfurter Schule: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Dabei ist er gar kein reiner Bernstein, der Spruch entstand als Gemeinschaftsarbeit, als Bernstein und Gernhardt sich gemeinsam mit Hans Traxler eine winterliche Autofahrt durch Frankreich mit einem edlen Dichterwettstreit versüßten.

Das hat und hätte Bernstein auch nie bestritten, er wusste immer sehr wohl, was er an seiner Bande hat. Der „Zeit“ hatte er noch voriges Jahr in einem Interview verraten: „Wir haben vieles gemeinsam gemacht. Als in den Schulen – ich war ja auch mal Lehrer – die Gruppenarbeit aufkam als Entwurf gegen die bürgerliche Einzelarbeit, da merkte ich, dass die Kollegen zwar eine Theorie dafür hatten, aber nie wirklich eine Gruppenarbeit gemacht haben. Und ich war bei der besten Gruppe überhaupt mit dabei, davon lebe ich eigentlich noch heute.“ Für alle, die sich zu Bernsteins ehrendem Gedenken in der Kunst der Nonsens-Dichtung üben wollen, hat der Lehrer seinen Schülern eine einfache Nachhilfe hinterlassen: „Wein auf Reim / das lass bleim. / Reim auf Bier / rat ich dir.“

Nach F. K. Waechter (2005) und Robert Gernhardt (2006) hat jetzt auch F. W. Bernstein diese Welt verlassen. Er hinterlässt dort eine Frau und zwei Kinder. Er hinterlässt ein Lebenswerk, an dem wir noch lange unsere Freude haben werden. Und bei aller Trauer: So pessimistisch klingt das ja nicht, was Bernstein in „Weltende“ gedichtet hat. „Nachspielzeit“, „Jetzt wird auferstanden“, „auf die Bühne zum Finale“! Der Optimismus hat möglicherweise seine Gründe. Noch zu Lebzeiten hatte Robert Gernhardt unter dem Titel „Bitte ausschneiden und bei Bedarf vorlegen“ ein Gedicht veröffentlicht, das man auch als Eintrittskarte interpretieren kann: „Leis öffnet sich das Tor zur Nacht, / es wird von einem Hund bewacht, / der stumm auf einen Stern starrt. / Der Hund lässt jeden durch das Tor, / legt er ihm diese Zeilen vor / gez. Robert Gernhardt.“

Es ist davon auszugehen, dass Bernstein und Waechter diesem weisen Rat Folge geleistet haben. Und wenn dem so ist, dann wird jetzt jenseits des Tors zur Nacht gelacht, gescherzt, getrunken und Elchkritik geübt, dass es eine Art ist!

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