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Zehntausende bei Nacht der Museen

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Von: Danijel Majic

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Kubrick lockt: Schlangen vor dem Deutschen Filmmuseum in Sachsenhausen.
Kubrick lockt: Schlangen vor dem Deutschen Filmmuseum in Sachsenhausen. © Rolf Oeser

Die Nacht der Museen in Frankfurt zieht auch in diesem Jahr wieder Zehntausende Besucher an. Wir haben Eindrücke gesammelt.

Römerberg. 19.40 Uhr. „Wissen Sie, ob man die Karten auch direkt bei den Museen kaufen kann?“ Die Dame mit dem skandinavischen Akzent scheint fast etwas verzweifelt, als sie auf gut Glück einen Passanten vor dem Zugang zum Rathaus anspricht. Ja, kann man. An fast allen Stationen der „Nacht der Museen“ sind die Tickets erhältlich, die Zutritt zu allen teilnehmenden Institutionen gewähren. Doch das weiß der Passant nicht und zuckt nur mit den Schultern. Die Dame mit dem skandinavischen Akzent blickt noch verzweifelter hinter sich – auf die Reihe der Wartenden.

Fünf Mitarbeiter an drei Schaltern im Infozelt am Gerechtigkeitsbrunnen versuchen, den Andrang an diesem Samstagabend in geordnete Bahnen zu lenken. Drei Reihen sind ausgezeichnet: eine für die Privilegierten: Presse, City-Card-Inhaber und Gewinner einer Verlosung. Sie ist fast verwaist. Die anderen beiden führen zu den Abendkassen. Die Schlangen reichen bis zur Braubachstraße.

„Ach, das geht relativ schnell“, sagt Thomas aus Hanau. 15 Minuten hätten er und seine Begleiterin, die lieber anonym bleiben möchte, angestanden. „Heute ist Kultur angesagt“, sagt sie, „ein ganz witziges Flair“ liege über der Stadt, das wolle man nicht verpassen. Die Dame mit dem skandinavischen Akzent hat sich mittlerweile angestellt – ganz hinten auf Höhe der Bierschirn. Ein Straßenmusiker spielt einen fünf Jahre alten Hit von Daft Punk: „We’re up all night to get lucky“. Damit ist eigentlich etwas anderes gemeint – aber wen interessiert das an diesem sommerlichen Abend?

Bendergasse. 20.10 Uhr. Basquiat zieht. Der Kunststar der 80er Jahre schwebt über der Masse, die zu seinen (nicht vorhandenen) Füßen Einlass in die Schirn begehrt. Unterhalb der Rotunde, an der das übergroße Plakat für die aktuelle Basquiat-Ausstellung wirbt, haben die Mitarbeiter der Ausstellungshalle eine Art Zollposten aufgebaut. Die Schlange reißt erst am Restaurant „Schwarzer Stern“ ab. Was ihn denn an Basquiat so fasziniere? „Ganz ehrlich?“, fragt Sascha Bach zurück. „Ich habe mich hier angestellt, weil ich dachte, dass es hier schneller geht.“ Basquiat über ihm greift sich an den behelmten Kopf. Aber das tut er eh die ganze Zeit.

Museum Giersch. 21.19 Uhr. „Manche Tiere sind eben gleicher als andere“, in der Stimme der Dame, die geduldig vor dem Zugang zum Museum wartet, liegt eine abgeklärte Kühle, die jedoch die aufgestaute Wut kaum kaschieren kann. Gerade eben durften einige Menschen mit Pressekarten vor ihr ins Ausstellungsgebäude, das 2015 der Goethe-Universität übertragen wurde. Irgendwann aber schwingen die metallenen Tore auf und die gut 20 Wartenden dürfen auf einen Schlag hinein. Dort stimmt gerade eine Band ihre Instrumente. Es riecht nach warmen Essen, vor allem nach Würstchen. Kurz vorher wurde bei einer Modeschau Kleidung der 60er Jahre vorgeführt – passend zur aktuellen Ausstellung über die Kunst eben dieses Jahrzehnts. Ein wenig Spektakel muss erlaubt sein.

„Ich denke, das ergänzt sich gut“, sagt Susanne Wartenberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin, „heute sprechen wir ein Publikum an, das sonst eher selten zu uns ins Haus kommt.“ Kultur für alle – wie es dem ehemaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, dem Initiator des Museumsufers, einmal vorschwebte. Oder zumindest so ähnlich.

Liebieghaus. 22.08 Uhr. Rote und blaue Scheinwerfer, kühle Cocktails und Longdrinks von einer der improvisierten Bars. Im Garten des Liebieghauses, das eine der bedeutendsten Skulpturensammlungen Europas beherbergt, lässt sich es sich gut aushalten. Raum 107 im Innern des Gebäudes ist hingegen erfüllt vom Stampfen des „Elefanten“, eines hölzernen Kolosses, der aussieht wie eine Reihe von Antriebswellen, jedoch keinerlei praktischen Nutzen hat, außer das monotone Pochen von Industriemaschinen aus dem 19. Jahrhundert nachzuahmen. Der Lärm, das Pochen, die gleichförmigen Wellenschläge sind Teil von William Kentridges Installation „The Refusal of Time“. Die Schwüle im Raum hingegen ist das Ergebnis des Andrangs. Auch sie würde gut in eine Fabrik des 19. Jahrhunderts passen. Dann doch lieber in den Garten.

Städelmuseum. 23.02 Uhr. Die Gruppe junger Männer, die am Zaun lehnt, sieht aus, als wäre sie beim Vorglühen für einen Partyabend. Ebbelwei aus Dosen, Bitter Lemon aus der Flasche. An den richtigen Stellen eingerissene Jeans. Studierende, könnte man denken. Doch das Gespräch dreht sich um die Einstiegsgehälter bei großen Wirtschaftsberatungsfirmen. „Digger, ich sag’ dir, ich mach‘ die 50-Stunden-Woche“, sagt einer, der ein weinrotes Blouson trägt, „aber dann will ich auch mein 80, 90 oder 100.“ Versteht sich von selbst, dass es um Tausender geht. „Kipp ab!“, sagt sein Gegenüber, „wir wollen rein.“ Vielleicht ist das ja das „witzige Flair“, von dem die Frau am Römerberg vorhin sprach.

Niklas Simacek und David Lehr hingegen sind wirklich Studierende. Fasziniert bleiben sie in der Sammlung Alter Meister vor der Sonntagsansicht des Frankfurter Dominikaneraltars stehen – ein Werk von Hans Holbein dem Älteren. „Auch wenn ich nicht der große Kunstkritiker bin, das ist schon toll, das zu sehen“, sagt Niklas. Sonst, da sei er ganz ehrlich, überlege er sich als Studierender zweimal, ob er neun Euro Eintritt für ein kleineres Museum bezahle. Etwa das Filmmuseum, das er und David gleich als erstes angesteuert hätten. „Und klar, auch das Städel muss man mal gesehen haben. So ein Museum, über das die ganze Stadt spricht.“ David nickt zustimmend. „Zumal wenn es sich um eine Abendveranstaltung handelt.“ Welcher Studierende habe denn mittags schon Zeit?

Filmmuseum. 0.04 Uhr. „Schau mal, das ist die Rezension aus der Rundschau damals.“ Ein Zeitungsausschnitt hat die Aufmerksamkeit der Besucherin erregt. Er ist Teil der Sonderausstellung zu Stanley Kubricks Science-Fiction-Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“. Wolfram Schütte aus dem FR-Feuilleton hat für die Kinogänger von 1968 einen gutgemeinten Rat: „Man sollte in diesen Film gehen, wie man früher in den Zirkus ging.“ Vielleicht würde er bei der „Nacht der Museen“ zu etwas Ähnlichem raten.

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