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Landgericht

Zahllose Ermittlungspannen nach Schlägerei in Frankfurt

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Der Prozess gegen den Musiker Hassan Annouri wirft so manche Frage auf. Einer der Gründe ist die Arbeit der Polizei.

Der 44 Jahre alte Hassan Annouri muss sich seit Dienstag vor dem Landgericht wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung in allen Facetten verantworten. Ihm wird vorgeworfen, nach einem Streit im August 2015 einem Gast des Lokals „Legends“, das er damals betrieb, gemeinsam mit zwei Kumpanen nachgestiegen zu sein und diesen halbtot geschlagen und getreten zu haben. Anschließend waren im Kopf des Opfers so gut wie keine Knochen oder Zähne mehr heil, die Ärzte mussten zehn Tage warten, bis die Schwellungen abgeklungen waren. Das Opfer lag mehrere Wochen im Krankenhaus, war anderthalb Jahre krankgeschrieben und leidet bis heute unter den Folgen.

Annouri erinnert sich an den Streit – das spätere Opfer und seine zwei Begleiter hätten sich ungebührlich betragen, er hätte sie rausgeschmissen. An der anschließenden Schlägerei sei er aber weder beteiligt gewesen noch habe er etwas davon mitgekriegt. Von den Vorwürfen gegen ihn habe er erst erfahren, als etwa ein Jahr nach der Tat ein Sondereinsatzkommando der Polizei seine Wohnung überrannt habe.

Das Opfer, der heute 41 Jahre alte Steuerberater Gabriel Ö., sagt, er sei sich sicher, dass Annouri der gewesen sei, der ihn aus dem „Legends“ rausgeschmissen und anschließend fast umgebracht hätte. Auch wenn er das erst im Krankenhaus erfahren habe, als er nach dem Betreiber des „Legends“ – denn als solcher habe sich der Rausschmeißer vorgestellt – gegoogelt habe.

Man muss Hassan Annouri nicht kennen, auch wenn dieser da mit Sicherheit anderer Ansicht ist. Aber er hat es zweifellos zu einer gewissen lokalen Prominenz gebracht. Sein Wikipedia-Eintrag weist ihn als „Musiker und Produzenten“ aus, als größte Hits gelten „Nächste Station: Konstablerwache“ (unter dem Künstlernamen Fast H) und „Hurra, Hurra, die Frankfurter sind da“, er soll auch mal eine Nebenrolle in dem zu Recht vergessenen Film „Der Millionär und die Stripperin“ gespielt haben, er hat eine eigene Radio-Show bei Antenne Frankfurt. Und er reüssiert immer wieder als Gastronom, wie etwa im „Legends“ in der Stephanstraße, einer Mischung aus Club, Kneipe, Barber-Shop und Tattoo-Studio. Da ist er mittlerweile draußen, dafür eröffnete er 2016 in der Schäfergasse das „Ba’Ghetto“. Der Name sei „eine Mischung aus Baguette und Ghetto“, hat Annouri damals erläutert, und irgendwie beschreibt das auch den gebürtigen Langener mit marokkanischen Wurzeln ganz gut.

Ein Jahr später verhört

Am ersten Verhandlungstag erzählen Angeklagter und Opfer ihre Version der Geschichte, und beide präsentieren diese nicht unglaubwürdig. Völlig unglaublich ist aber die Geschichte der Ermittlungsarbeit, die sich zumindest am Ende des ersten Verhandlungstages mit viel gutem Willen mit Komplettversagen umschreiben lässt. Offensichtlich wurde Gabriel Ö. zwar von der Polizei vernommen, als er halbtot am Tatort lag. Anschließend ließ man ihn aber wochenlang in Ruhe. Und als er nach knapp zwei Monaten erstmals polizeilich vernommen wurde, geschah dies aus unbekanntem Grund in Gießen – wo niemand seine Geschichte hören wollte, weil die Gießener der durchaus zutreffenden Meinung waren, das sei eher ein Fall für die Frankfurter Polizei.

Die vernahm Ö. dann etwa ein Jahr danach – und stürmte anschließend mit Überfallkommando Annouris Haus, der Himmel weiß, warum. Niemand habe sich zuvor mit ihm diesbezüglich in Verbindung gesetzt, beteuert Annouri glaubwürdig. Und die Bilder der acht Überwachungskameras im „Legends“, die Annouri be- oder entlasten hätten können, waren, wie das Usus ist, nach acht Wochen gelöscht worden.

Es sind noch ein paar Verhandlungstage bis Ende des Monats vorgesehen, aber eine Beweisführung dürfte angesichts der zahllosen Ermittlungspannen in dieser Sache mehr als schwierig werden.

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