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Stillbauer gafft.

Filmmuseum

Ein Tag im Filmmuseum

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Viel zu tun gibt es im Filmmuseum, aber nicht für Projektor-Greenhorns wie den FR-Redakteur Thomas Stillbauer, der im Rahmen der Serie "Stillbauer schafft" mit anpacken wollte.

„Schönen guten Morgen.“ – „Wie meint Ihr das? Wünscht Ihr mir einen guten Morgen, oder meint Ihr, dass es ein schöner Morgen ist, egal was ich wünsche? Oder Ihr wolltet sagen, dass Ihr an diesem Morgen alles schön und gut findet? Oder wolltet Ihr sagen, man müsse an diesem Morgen gut oder schön sein?“ – „Alles zugleich, nehme ich an.“ (Bilbo und Gandalf in „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“, 2012)

Es rauscht. So laut, man kann gar nicht glauben, dass dieser Lärm aus dem Vorführraum angeblich nicht nach vorn ins Kino des Filmmuseums dringt. „Das ist die Lüftung und die Serverkühlung“, sagt Günther Volkmann. „Auf die Dauer ziemlich heftig.“ Und wenn erst das Rattern eines Filmprojektors hinzukommt! Es wird allerdings immer seltener, dieses Rattern. Das ist eine der Erkenntnisse, wenn man mal einen Tag als Filmvorführer arbeitet.

Wobei: arbeiten? Es gibt Jobs, da kann man sofort mit anpacken, auch ohne Vorkenntnisse (Straßenfeger, Katzenstreichler). Es gibt Jobs, die setzen eine gewisse Einarbeitung voraus (Postbote, Synchronsprecher). Und dann sind da die Berufe, da stehst du nur daneben, guckst zu und tust hinterher so, als hättest du was geschafft. Raten Sie mal, in welche dieser Kategorien die Profession des Filmvorführers gehört. Egal. Da müssen wir jetzt gemeinsam durch.

„Fahren Sie schon. Egal ob vorwärts oder rückwärts.“ („James Bond 007 – In tödlicher Mission“, 1981)

Der Vorführraum bietet einen starken Kontrast zur plüschigen Welt des Kinosaals. Sitzt man vorn vor der Leinwand bequem im meist roten Ambiente mit angenehm indirekter Beleuchtung, gleicht die Kammer mit den Projektoren doch mehr einem Maschinenraum. Hinter den kleinen Fensterchen stehen vier riesige Filmkanonen, bereit, auf die Leinwand zu werfen, was immer wir in sie hineinladen. Heute laden wir zur Nachmittagsvorstellung „Felix“ hinein, einen Film über einen Jungen, der das Saxofon entdeckt und dadurch seinem verstorbenen Vater, einem Musiker, doch noch näherkommt. „Die Kids finden den toll“, sagt Günther Volkmann, „der läuft schon zum zweiten oder dritten Mal bei uns.“ Der 54-Jährige hat ihn auch schon selbst vorgeführt.

Und gesehen? Hat er ihn auch gesehen, den Film? Nein. Von den etwa 1000 Filmen, die er dem Publikum schon zeigte, hat er selbst vielleicht ein Zehntel gesehen, schätzt er. Falls jetzt der Eindruck aufkommen sollte, ein Filmvorführer hätte nicht viel Zeit, während der Arbeit Kino zu gucken – ja, da ist was dran.

„Sie werden’s nicht glauben, Mister, aber ich bin sehr beschäftigt!“ – „Soso...“. („Das ausgekochte Schlitzohr ist wieder auf Achse“, 1980)

„Felix“ hat uns der Verleiher auf einer kleinen Festplatte geschickt. Wir speisen die Daten in den monströsen 70 000-Euro-Beamer ein, der den Raum mit seinem Lüftungsgeräusch erfüllt. Vorher muss der Kollege aber noch in den Saal, um die Einsprecherin mit ihrem Headset zu verkabeln. Eine Spezialität des Filmmuseums: Zum Film in der englischen Originalsprache spricht ein echter Mensch live den deutschen Text über Lautsprecher. Die Kinder und Jugendlichen hören beide Sprachen auf einmal und lesen zusätzlich noch Untertitel. Und werden nicht verrückt dabei. Das ist den Erwachsenen vorbehalten.

Während Kollege Volkmann die Dame verkabelt, sehe ich mir den Arbeitsplatz an. Außer den Projektoren gibt es eine Art Schrank mit ungefähr zwölf Millionen technischen Geräten, aus denen bei Bedarf Film und Film-Artiges dringt, vom DVD-Player bis zum Toaster (kleiner Scherz). An den Wänden: Filmrollen, Hinweiszettel („Achtung! Projektoren-Abluft einschalten!“), Karikaturen (nichts Islamkritisches). Da liegt auch grobes Werkzeug. Wofür? „Das ist zum Verpacken der großen Zelluloidfilme“, sagt Günther Volkmann, als er wieder hereinkommt. Die reisen oft von weither an, die alten Filme, die noch Filme sind, und keine Datenpakete. Aus Spanien, Belgien, manchmal Übersee. Die müssen gut und sicher verpackt werden.

„Felix“ auf seiner Festplatte ist dagegen pflegeleicht. Knopf drücken und los. Ganz einfach, oder?

„Ich muss ihnen eine harte Geschichte erzählen, Miss Bloom. Es wird nicht einfach werden.“ („Das Leben des David Gale“, 2003)

Natürlich nicht nur Knopf drücken und los. Mein Kollege hat eine lange sogenannte Playlist vor sich, in die er alles Mögliche einprogrammiert hat: Startlautstärke, Vorhang auf, Lampe an, Projektor-Klappe auf – „kann ich alles hier speichern“. Zauberei.

„Bis vor drei Jahren hatte ich keine Ahnung von dem Ganzen“, sagt Volkmann. Er hat sein Herz als 15-Jähriger ans Kino verloren, in der Schule einen Filmclub betrieben mit 35-Millimeter-Streifen, zwischendurch mal chemisch-technischer Assistent gelernt, aber seine eigentliche Liebe ließ ihn nie los. „Irgendwie bin ich immer wieder im Kino gelandet.“ Und jetzt führt er im Filmmuseum als Springer immer dann vor, wenn die Hauptamtlichen nicht da sind. Die Elektronik hat er sich nebenher beigebracht.

Das Kino ist nicht gerade brechend voll in der Nachmittagsvorstellung. Aber die Stimmung ist gut. Die Playlist hat den Punkt „Felix“ erreicht. Jetzt geht’s wirklich mit einem Knopfdruck los.

„Wooooooohoooooo! Ich liebe diesen Knopf!“ (Roman Pearce in „2 Fast 2 Furious“, 2003).

Günther Volkmann ist nicht allein. Fünf Filmvorführer arbeiten im Filmmuseum (mit mir jetzt sechs, hüstel). Und da kommt auch schon Pramila Chenchanna, die Hauptvorführerin, die natürlich noch viel mehr Aufgaben hat als das bloße Abspielen eines Programms. Ankommende Filme verwalten; prüfen, ob alles da ist für diesen Tag und für morgen.

Aber das Wichtigste ist immer noch die Kinovorstellung. „Es kommt darauf an, das Medium so gut wie möglich zu projizieren“, sagt Pramila Chenchanna. Und das hat sie gelernt, von der Pike auf, in Amsterdam, wo es sogar eine Gewerkschaft für Filmvorführer gibt, während der Beruf in Deutschland schon seit den 60er Jahren keiner mehr ist. Warum ist sie Filmvorführerin geworden? „Ich mag Filme“, sagt sie. Und sie mag ihren Beruf, so sehr, dass sie sogar ihr zweites Standbein, die Musik, danach benannt hat: Projektionista heißt ihr Projekt. Interessante Beispiele gibt es im Internet auf Youtube zu sehen.

„Wo waren wir stehengeblieben?“ – „Du wolltest mir eine reinhauen.“ („Das Leben des Brian“, 1979)

„Man wird als Filmvorführerin nicht fürs Knopfdrücken und Rumsitzen bezahlt, sondern dafür, dass man weiß, was zu tun ist, wenn’s schiefgeht“, sagt Pramila Chenchanna. Geht viel schief? Nein. Aber jedem sei es schon einmal passiert, dass der Film reißt. Und wenn einer reißt, dann am ehesten im Filmmuseum, denn da laufen sie ja noch, die guten alten Filme, die die Zeiten überdauert haben, und deren Material mitunter schon ein wenig altersschwach ist. Trotzdem, oder gerade deswegen: „Es ist immer aufregend, den Film zu starten. Wie ein Gig: Wenn du den ersten Ton eines Songs singst, gibt es auch kein Zurück mehr.“ Dann geht es darum, den Leuten für zwei Stunden ein tolles Kino-Ereignis zu bescheren, so dass sie am besten alles um sich herum vergessen – sogar, dass es überhaupt einen Filmvorführer gibt.

Es ist ein unsichtbarer Beruf, und das soll er auch sein, sagt Pramila Chenchanna. Niemand kriegt im Kino die Vorführer zu Gesicht. Nur im Filmmuseum – da reißen sie nämlich auch die Karten ab und lassen die Leute in den Saal. Nervt? Im Gegenteil. „Es ist das Paradies, wenn man es schafft, im Filmmuseum zu arbeiten, weil da noch echte Filmvorführer gefragt sind.“

Chenchannas Lieblingsfilme sind „Happiness“ von Todd Solondz, „Rocky“, die alten „Star Wars“ und „Cigarette Burns“ – ein Filmvorführer-Film. Udo Kier jagt darin einen Film.

Der Filmvorführer für einen Tag jagt derweil einen Projektor. Kann ich jetzt auch mal was machen? Am liebsten oben in der Filmtheater-Ausstellung, wo gerade historische Wochenschauen auf einem uralten Bauer B5A aus den 50er Jahren laufen. Der rattert sehr ordentlich. Aber Astrid Jakob kann ihn bändigen, obwohl sie offiziell gar keine Vorführerin mehr ist, sondern Abteilungsleiterin Kasse und Aufsicht.

Und weil das hier das Ende der Geschichte ist, schalte ich jetzt mal nach meinem echt harten Tag als Filmvorführer den Projektor aus. Wie geht das? „Hier“, sagt Astrid Jakob, „zum Abspann schon ein wenig Licht im Saal machen“, per Dimmer dreht sie die Beleuchtung hoch, dann machen wir die Lichtklappe zu am Gerät, das unverdrossen weiterrattert, denn auf der Rolle ist noch das sogenannte Endband. Wenn auch das abgewickelt ist: Motor ausschalten, Film herausnehmen, auf der kleinen Station nebenan zurückspulen und wieder einlegen – die Rolle läuft ja den ganzen Tag nonstop. „Ist der Film gerissen?“, scherzt ein Ausstellungsbesucher. „Ich hätte Tesafilm dabei.“

„Welcher Idiot hat denn da die Torte geworfen? Wir sind hier doch nicht beim Stummfilm!“ (Majestix in „Asterix erobert Rom“, 1976)

Abends, nach Vorstellungsende, räumen die richtigen Vorführer auch ein wenig den Saal auf und nehmen den gröbsten Müll mit. Gut zu wissen. Aber sehr speziell, der Job. Ich denke, meine bezaubernde Frau und ich hauen uns beim nächsten Mal lieber wieder in die Plüschsessel.

The End

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