1. Startseite
  2. Frankfurt

Yasmil Raymond ist seit zwei Jahren Rektorin der Städel-Hochschule

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Claus-Jürgen Göpfert

Kommentare

Yasmil Raymond gefallen Herausforderungen, und ihr gefällt es in Frankfurt. Michael Schick
Yasmil Raymond gefallen Herausforderungen, und ihr gefällt es in Frankfurt. Michael Schick © Michael Schick

Sie ist die erste Frau an der Spitze der Institution seit deren Anfängen vor 200 Jahren. Von Corona und dem Ukraine-Krieg lässt sie sich nicht in ihrem Kurs des Wandels beirren

Die Gänse markieren mit heiserem Schrei ihr Revier. Die kleine Wildnis auf der Maininsel der Alten Brücke in Frankfurt gehört ihnen. Die beiden Menschen, die da im sonnendurchfluteten Grün hinter der Kunsthalle Portikus hocken, stören. Yasmil Raymond registriert die Kulisse mit einem feinen Lächeln. Die erste Rektorin in der 200-jährigen Geschichte der Städel-Kunsthochschule hat eine bewegende Zeit hinter sich: Ihre ersten zwei Jahre im Amt. Erst kam die Corona-Pandemie, dann die Aufregung um den Vortrag einer israel-kritischen Wissenschaftlerin aus den USA, seit Februar ist es der Krieg in der Ukraine, der ihre Arbeit beeinflusst. „Ich wärme mich noch immer auf“, sagt die 44-Jährige mit der ihr eigenen Selbstironie. Und doch hat die Kuratorin, die aus der Karibik stammt, die Zeichen an der kleinen und altehrwürdigen Hochschule entschieden auf Wandel gestellt: Eine neue Gastprofessur, mehr ökologisches Profil, mehr Digitalisierung. Eine neue Konzeption für die Studiengänge Bildende Kunst und Curatorial Studies soll unter ihrer Führung entstehen.

Im Gespräch wirkt die Frau, die auf Puerto Rico geboren wurde, entschlossen und konzentriert, zeigt aber auch Selbstironie. Ihr erster Arbeitstag, der 1. April 2020, fiel mitten in die erste Corona-Welle. An diesem Tag versandte sie an die Studierenden aus 42 Nationen eine E-Mail mit den Worten „First things first on April 1st.“ Das Wichtigste sei damals gewesen, aufeinander zu achten. Die Studierenden waren plötzlich von ihren weit entfernten Heimatländern abgeschnitten, sie konnten nicht mehr nach Hause, die kleine Städelschule war mehr denn je ihre Heimat. „Unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Definitionen von Kunst“, darauf ist sie stolz.

2,75 Millionen Euro hat das Land Hessen als Betreiber der Hochschule im Rahmen einer „Zielvereinbarung“ bis 2025 zur Verfügung gestellt. So konnte die Rektorin fünf Gastprofessuren für jeweils ein Semester neben den sieben festen Lehrkräften einrichten. Ihr Ziel ist, die Zahl der Gäste noch zu erweitern. Im Kampf um die finanzielle Unterstützung des Landes muss sie sich gegenüber anderen Hochschulen bewähren. „Ich habe keine Angst vor Wettbewerb.“ Raymond kommt aus dem Museumssystem der USA, das weit mehr als in Deutschland von privaten Sponsor:innen abhängig ist. Dort ist der Kampf um das Geld wesentlich härter.

Ihr Vorgänger, Rektor Philippe Pirotte, hatte den Übergang der Städelschule aus den Händen der Stadt Frankfurt in die Verantwortung des Landes Hessen verhandelt. Seine Sorge war stets gewesen, dass die Hochschule als Institution des Landes ihre Unabhängigkeit nicht verliert. Dass die Politik sich nicht einmischt. Im November 2021 kam die erste Nagelprobe. Raymond hatte die israelkritische US-Wissenschaftlerin Yasbir Puar zu einem Internet-Vortrag eingeladen. Es ging um ein Kunstwerk, eine Installation, die Puar 2019 geschaffen hatte. Aber sie hatte sich in einer Kampagne auch für den Boykott israelischer Wissenschaftler:innen eingesetzt und behauptet, Israel verstümmele Menschen in den besetzten palästinensischen Gebieten. Es gab großen öffentlichen Druck, den Vortrag abzusagen, auch vom Antisemitismusbeauftragten des Landes, Uwe Becker (CDU). Aber die Rektorin hielt stand. „Sie haben uns nicht gestoppt.“ Sie fügt hinzu: „Die Beziehung zwischen Rektorin und Studierenden ist heilig.“

zur person

Yasmil Raymond wurde 1978 auf der Karibik-Insel Puerto Rico geboren.

Sie arbeitete als Kuratorin der Dia Art Foundation und des Museum of Modern Art in New York. 2007 war sie Co-Kuratorin der preisgekrönten Retrospektive von Kara Walker für das Walker Art Centre.

Seit 1. April 2020 ist sie Rektorin der Städel-Kunsthochschule und Direktorin der Ausstellungshalle Portikus in Frankfurt am Main. Sie hat zahlreiche Publikationen und Vorträge über moderne Kunst veröffentlicht und gehalten. jg

Auch in einem Telefongespräch mit dem hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und in einem Brief blieb die Kuratorin bei ihrer Haltung. Die aufgeregte öffentliche Debatte um Antisemitismus ist Raymond aus den USA vertraut. Aber auch Rassismus erfuhr sie schon früh. „Ich machte Erfahrungen mit dem Rassismus schon in der Schule.“ Die Rektorin lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück, nimmt einen Schluck vom Kaffee. Da waren die Mitschüler, die darüber spotteten, dass ihr Haar anders sei, noch das Geringste. „Ich lernte zu kämpfen in jungen Jahren.“ Aber sie lernte auch, um Hilfe zu bitten. Im Alter von achtzehn Jahren ließ sie die Karibikinsel Puerto Rico hinter sich, ging ins ferne Chicago zum Studium. Noch heute besucht sie ihre Mutter und ihre Schwester in der alten Heimat zweimal im Jahr.

In unserem auf Englisch geführten Gespräch nennt Raymond ihre persönliche Erfahrung mit der Antisemitismusdebatte in Deutschland „really scary“, also „wirklich angsteinflößend“. Plötzlich wirkt sie wütend. Wehrt sich dagegen, dass man gerade ihr die Förderung von Antisemitismus unterstelle. Dreimal habe sie allein in Tel Aviv gearbeitet. Damals, als die Debatte im November 2021 hochkochte, schlief sie schlecht. Noch heute ist ihr, der Migrantin aus der Karibik, bewusst: „Ich bin ein Gast.“

Wir haben intensiv geredet, vom Schrei der Gänse begleitet. Und doch haben wir noch gar nicht über den Krieg in der Ukraine gesprochen, der natürlich die Städelschule erreicht. Vier Gasthörerinnen und Gasthörer aus dem so brutal attackierten Land hat die Hochschule mittlerweile aufgenommen. Und die Studierenden lassen sich etwas einfallen, um Geflüchtete zu unterstützen. Zweimal in der Woche gibt es einen „open table“, ein Essen für Menschen, die oft alles verloren haben. Raymond ist stolz auf diese Initiative, liebt ihre Studierenden für ihre Ideen, ihre Kreativität. „Kunst ist Stärke, Kunst ist Energie“, sagt sie im Brustton der Überzeugung. Oft unterschätzten die jungen Menschen an der Schule sogar ihre Kräfte.

Seit Yasmil Raymond vor zwei Jahren ihr Amt antrat, sind überall Veränderungen spürbar. Natürlich bewirkt sie die nicht alleine, sondern Teams gehen da an die Arbeit. Ein „Green Office“ entstand, damit die Hochschule ökologischer wird. Es gibt die ersten Lasten-Pedelecs und E-Bikes für Studierende. Die Digitalisierung schreitet fort, etwa im Archiv. Als Gastprofessor für Architekturgeschichte entwickelt Niklas Maak „The Frankfurter Prototype“, ein Hausmodell zum Wohnen und Arbeiten auf zehn mal zehn Quadratmetern. Und natürlich hat die Städelschule Ende vergangenen Jahres „Leitlinien zur allgemeinen Gleichbehandlung“ beschlossen, um Rassismus und Diskriminierung im Haus entgegenzutreten.

Die Arbeit als Kuratorin ist für die Rektorin etwas auf der Strecke geblieben, auch wegen der Corona-Pandemie. Doch jetzt ist in der kleinen Kunsthalle Portikus auf der Alten Brücke die erste von ihr in Frankfurt kuratierte Ausstellung zu sehen, mit schwarz-weißen Arbeiten des deutschen Tier- und Naturfotografen Jochen Lempert. Wir steigen nach oben, in den lichtdurchfluteten Hauptraum, der zur Mittagszeit einen besonderen Zauber entfaltet. 39 Fotografien verschiedener Formate hat Raymond hier auf den weißen Wänden versammelt. Da schaut den Betrachter das Auge eines Frosches an, da bricht sich das Licht im filigranen Netz einer Spinne. Während von draußen durch das Panoramafenster das üppige Grün der Bäume leuchtet.

Die Direktorin des Portikus hält es gerade in den Zeiten fortschreitenden Klimawandels für sehr wichtig, die Fotografien des 64-Jährigen zu präsentieren. Sie schwärmt davon, wie ihr Lempert beim Besuch auf der Maininsel die Augen für die Marienkäfer geöffnet habe, die allenthalben herumkrabbelten. Yasmil Raymond wirkt aufgekratzt und kämpferisch. Ihr Vertrag reicht erst einmal bis zum Jahr 2025. Aber zielt sie nicht in Wahrheit darauf, länger zu bleiben? Die Rektorin lächelt. „Wenn sie mich wollen, muss ich nachdenken“, sagt sie dann.

Auch interessant

Kommentare