Die Ausgrabungsstätte aus Wyoming im Frankfurter Westend. Warten Sie ab, bis Sie erst mal das Dach sehen.
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Die Ausgrabungsstätte aus Wyoming im Frankfurter Westend. Warten Sie ab, bis Sie erst mal das Dach sehen.

Urzeitforschung

Die Wunder von Wyoming mitten in Frankfurt

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Senckenberg-Forscher graben vor Publikum nach Dinosauriern – in 30 Tonnen Stein, die sie aus den USA nach Frankfurt brachten. Ein unmögliches Unterfangen. Eigentlich.

Er wanderte mit seinen Artgenossen durch die Prärie. „Wie Büffel“, sagt Philipe Havlik, „nur drei Mal so groß. Riesige Herden.“ Edmontosaurus, der sogenannte Entenschnabelsaurier. Dreieinhalb Tonnen schwer. „Und der Tyrannosaurus Rex immer hinterher. Wir finden überall in der Nähe immer auch T-Rex-Knochen. Es ist echt gruselig.“

Jetzt graben die Senckenberg-Forscherinnen und -Forscher wieder nach ihnen. Die Museumsbesucher können live dabei sein, wenn vielleicht sensationelle Funde auftauchen: in Gesteinsschichten der Lance-Formation von Wyoming, USA – in Frankfurt. Diese Ausstellung: Sie werden Ihren Augen nicht trauen.

Es ist ungefähr die Mitte der Vereinigten Staaten, und es sieht aus wie die Mitte von nirgendwo: Wyoming, unendliche Weiten, Rinderherden, Landschaft, so weit das Auge blickt. Dort wurde einst der Edmontosaurus ausgegraben, der seit hundert Jahren im Senckenberg-Naturmuseum liegt. Und dort haben Forscher einen Plan entwickelt, der völlig verrückt schien. „Unsere Idee war es nie, besonders spektakuläre Einzelobjekte zu finden und nach Frankfurt zu bringen“, sagt Projektleiter Philipe Havlik. Die Idee war vielmehr: eine ganze Fundstätte am Stück ins Museum zu bringen. Zum allerersten Mal.

Paläontologin Zsofia Hajdu, Präparator Olaf Vogel – und viel Fossil.

Da liegt sie nun: 20 Quadratmeter Wyoming – in einer eigens errichteten Ausstellungshalle, einem spektakulären Kunstwerk. Ein Team aus Forschern, Paläontologiebegeisterten und Kunstschaffenden hat den irren Plan in die Tat umgesetzt: 16 quadratische Blöcke Sediment aus dem weltberühmten US-Ausgrabungsgebiet nach Frankfurt zu holen, in gigantischen Containern mit dem Schiff übers Meer. Es war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Riss in Wyoming ein Sägeblatt der Diamant-Motorsäge, die die Steine teilte, musste jemand 300 Meilen fahren, um ein neues zu besorgen. Die Säge braucht Wasserkühlung. Es gibt dort weit und breit kein Wasser.

Und es gelang doch. Gerade beugen sich Ausgrabungsleiterin Zsofia Hajdu und Präparator Olaf Vogel in Frankfurt über einen der Quader. Der Besucher steht mit offenem Mund daneben: Im Sediment sind auf den ersten Blick Knochen zu erkennen, Zähne, Wirbel, sogar ein Langknochen. Und wenn hier von Langknochen die Rede ist, dann heißt das auch: lang. Das hier sind Dinosaurierknochen – 70 Millionen Jahre alt.

„Hier ist eine Schildkröte“, sagt Olaf Vogel, „da Reste von einem Krokodil.“ Er zeigt auf den benachbarten Sedimentblock. „Für uns sind alle Informationen wichtig“, sagt Zsofia Hajdu: „Wie liegen die Knochen, in welcher Verfassung sind sie. Und wir haben hier Zeit dafür, das ist gut.“

Philipe Havlik, die Ur-Grabungsstätte und jenes Wyoming, durch das einst riesige Edmontosaurier-Herden zogen

Vorher weiß man nie genau, was drinnen ist. Das ist ja das Spannende, auch bei der Suche nach Überresten der Dinosaurier. Bis Ende Oktober wird das Team graben, mindestens zu zweit, auch mal zu viert, immer mit dem nötigen Corona-Abstand. Das Virus hat es den Planern nicht leichter gemacht, die Vorbereitungen waren mühsam, Genehmigungen für alles und jedes mussten her. Eigentlich war geplant, dass die Besucher auch selbst graben und klopfen dürfen. Das geht nun nicht mehr – Sicherheitsgründe.

Der Grabungsort ist möglichst authentisch eingerichtet: die Grube mit den Steinblöcken, davor ein Holztischchen, eigens aus Wyoming mitgebracht, Pinsel, Messer, Forscherhumor an der Wand („Das ist ein T-Rex-freier Arbeitsplatz seit 74 Tagen“) – und drum herum erst klinisches Weiß und dann eine Explosion aus Farbe. Oder wie Philipe Havlik es beschreibt: „Wir haben hier das dreckigste Exponat ever im White Cube unter Living Coral.“ Also in einem weißen Würfel unter lebendiger Koralle. So hat das Offenbacher Künstlerkollektiv YRD-Works seine Rauminstallation genannt. Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, die mit Senckenberg gern kooperiert, vermittelte den Kontakt. Ach so – Living Coral ist schreiend orange. Oder brüllend rosa. Oder beides.

Das wird vielleicht dazu beitragen, dass sich Besucher nicht über die Maßen lang an der Ausgrabungsstätte aufhalten. Sie dürfen von oben hineinschauen, maximal 18 Personen mit Mund-Nasen-Schutz, und Fragen stellen. Es gibt kaum Erklärungstafeln, Gespräche sind ausdrücklich erwünscht. „Das ist die höchste Qualität der Vermittlung“, sagt Havlik, „wenn die Leute direkt fragen können: Woher willst du eigentlich wissen, wie alt das ist?

Alte Knochen, sehr alte Knochen aus der Prärie.

1000 Fossilien, glaubt er, stecken in diesen 20 Quadratmetern, die 30 Tonnen wiegen und deswegen nur draußen vorm Museum deponiert werden konnten. „Philipe, nee“, sagt Olaf Vogel, „das dürften mehr sein.“ Mehr als 1000 Fossilien. Und drinnen geht die Ausstellung weiter.

Im Museum liegt seit fast hundert Jahren die Mumie des Frankfurter Edmontosaurus, liebevoll Edmond genannt. 1910 in Wyoming entdeckt, für 2500 Dollar an Senckenberg verkauft. Edmond lieferte bahnbrechende Hinweise auf das Leben der Schnabelsaurier, weil Hautschuppen am Fuß erhalten waren. „Er hatte Fingernägel“, sagt Havlik, „das hätte man nie aus puren versteinerten Knochen herausgefunden.“

Die Schau zeigt, wie das Leben auf der Erde in der späten Kreidezeit ausgesehen haben muss, sie thematisiert die „Bonewars“, Knochenkriege, die sich Forscher um die wichtigen Funde lieferten. Die Ausstellungsmacher fanden in einer kleinen Uni in Kansas sogar private Fotos, mit denen Charles Hazelius Sternberg 1910 Edmonds Fund dokumentierte. Aktuelle großformatige Bilder aus Wyoming tragen Fotografen des Magazins „National Geographic“ bei. Sie begleiteten die Expedition ebenso wie die Lipoid-Stiftung als großzügige Förderin.

Die Idee zum Projekt hatte übrigens Burkhard Pohl, ein erfahrener Sammler, der das Wyoming Dinosaur Center in dem Ort Thermopolis gründete. Er sprach Havlik 2018 an: „Lass uns mal eine Grabung machen.“ Havlik darauf: „Aber nur in Frankfurt.“

Manches klingt zu verrückt, als dass es sich umsetzen ließe. Weil es trotzdem klappte, hat Senckenberg dem Thema den gesamten Band 150 seines Wissenschaftsmagazins „Natur Forschung Museum“ gewidmet. Mit dem Foto des rekonstruierten Edmond-Modells und der Senckenberg-App lässt sich der Saurier übrigens zum Leben erwecken. Was da passiert, ist eigentlich unglaublich. Aber wie gesagt: Sie werden Ihren Augen nicht trauen.

„Edmonds Urzeitreich – eine Dino-Grabung in Frankfurt“, Senckenberg-Museum, täglich ab 9 Uhr, bis 25. Oktober.

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