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Bruno Streit, die Vegetation und die Lichtreflexionen.

Bio-Frankfurt

„Es wollte ja keiner hören“

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Der BioFrankfurt-Gründer Bruno Streit warnte schon in den 70er Jahren vor dem Klimawandel – jetzt geht er in den Ruhestand.

Klein sei sie, sagt Bruno Streit. Ein bisschen fies sei sie, fügt er hinzu. Und plötzlich auftauchend sei sie auch. Die Rede ist, Sie haben sie sicherlich schon erkannt, von Emesopsis streiti, jener malayischen Raubwanze, die auf Bambuspflanzen lebt. Das etwa sechs Millimeter große Wesen trägt seit 1995 den Namen des Wissenschaftlers Streit, und wenn er darauf angesprochen wird, dann lacht er herzlich.

„Schon wahr“, sagt er, „man fragt sich, ob das wirklich eine Ehre ist.“ Und lacht wieder. Die Wanze habe ihm ein früherer Schützling an der Goethe-Uni gewidmet, der seinen Weg zu den Senckenberg-Forschern machte, als Insektenkundler. „Er hat aus Dankbarkeit das nächste Viech, das er fand, nach mir benannt. Es war nicht böse gemeint.“

Aus Stanford wechselte der Forscher nach Frankfurt

So geht’s zu im Wissenschaftsbetrieb. Bruno Streit hat ihm lange angehört, mit Haut und Haaren. Von 1985 bis 2013 hatte er an der Goethe-Uni den Lehrstuhl für Ökologie und Evolution inne. Seit 2004 war er zusätzlich Sprecher und Koordinator des Umweltnetzwerks BioFrankfurt. Damit soll nun Schluss sein – Streit hat mit 71 Jahren beschlossen, dass es Zeit sei für den Ruhestand. Auch wenn es seine Kolleginnen bei BioFrankfurt noch nicht recht glauben wollen.

Bösartige Menschen behaupten ja, Schweizer seien langsam. Der Baseler Streit jedoch war einer der Schnellsten, einer der Ersten, die die wachsende CO2-Konzentration in der Atmosphäre und die Folgen fürs globale Klima erkannten. „Im Prinzip habe ich mich damit seit den 70er Jahren befasst“, sagt er. Von 1972 bis 1975 schrieb er an seiner Promotion über den Energiehaushalt der Flussmützenschnecke. Noch so ein ulkig klingendes Tier – aber da ging es bereits um Kohlenstofftransformation. „Das hat mich bewegt.“ 1977 erschien das Buch „Ecoscience“ des Biologieprofessors Paul Ehrlich an der Stanford-Universität, Kalifornien. Es handelte von Umweltzerstörung, Ressourcen, Bevölkerungswachstum, Migration, von all den Zusammenhängen, die heute jedem klar sind. Sofern er nicht immer noch die Augen verschließt wie Bevölkerung und Politik vor 40 Jahren. „Die sagten: Ach, bis dahin, das dauert doch noch.“

Klar, wohin es Bruno Streit zog: nach Stanford. In der ersten Hälfte der 80er Jahre forschte er dort auf Einladung Ehrlichs, bis sein Stipendium auslief. Mit 37 Jahren kam er nach Frankfurt. „Die Entscheidung war richtig“, sagt er heute. Mit dem Zoo, mit Senckenberg arbeitete er eng zusammen. Irgendwann war klar: Ein Netzwerk der maßgeblichen Umweltorganisationen musste her. „Wer uns dabei sehr geholfen hat, war Bruno H. Schubert“, erinnert sich Streit. Der Unternehmer, Konsul und Mäzen lud die Gleichgesinnten häufig zum Essen zu sich ein, bis die Gründung von BioFrankfurt 2004 vollzogen war. „Dann hieß es, einer muss die Sprecherfunktion übernehmen, wir können ja nicht wie eine Horde Affen auftreten“, sagt der Forscher und lacht wieder sein so gar nicht professorales, etwas verschmitztes Lachen. „Also hat man sich auf mich geeinigt. Und es ist ja ganz gut gelaufen die letzten 15 Jahre.“

Apropos Affen: Bruno Streit ist ein Mann, dem es merklich schwerfällt, Menschenaffen als Tiere zu bezeichnen. Weil sie uns einfach zu ähnlich sind. Zu seiner Verabschiedung im Kollegenkreis bat er daher in den Borgori-Wald des Zoos, zwischen Orang-Utans, Bonobos und Gorillas. „Vor sechs Millionen Jahren haben sich die Linien von Schimpansen und Menschen getrennt“, sagt er. „Eine Linie blieb sehr friedlich, entwickelte Werkzeuge und auch eine Kultur. Die andere hat sich so stark vermehrt, dass sie die ganze Welt kaputtmacht.“

Nein, wenn Bruno Streit über die Zukunft der Erde spricht, klingt das nicht optimistisch. „Die CO2-Belastung kriegen wir nicht mehr zurückgefahren“, sagt er. Bevölkerungswachstum und Klimawandel verursachten unendlichen Druck durch Migration, prophezeit er. Das Steuer herumreißen, damit hätte die Welt viel früher anfangen müssen. Die Wissenschaftler haben gewarnt. „Es wollte ja keiner hören.“

Persönlich sieht der Mann allerdings gutgelaunt nach vorn. „Ich habe jetzt mal Freiraum für andere Sachen“, frohlockt er. „Kultur und Sprachen interessieren mich.“ Das Mittelhochdeutsche etwa, die Ritterzeit. Bruno Streit leitet unter anderem Führungen auf der Burg Kronberg. Den Anfang des Nibelungenlieds kann er seit dem Abitur zitieren: „Uns ist in alten mæren / wunders vil geseit / von helden lobebæren / von grôzer arebeit.“ Da geht es um tapfere Helden und ihre Kampfeslust. Dieser hier hat sich für seine Umwelt starkgemacht. Jetzt müssen die Jüngeren den Kampf weiterführen, auf dass die Raubwanze Emesopsis streiti eine Zukunft hat. Und wir missratenen Verwandten der Schimpansen womöglich auch.

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