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Wolfgang Spielvogel an einem Ort, an dem er sich wohlfühlt.

Porträt

„Die Wunde, von der ich nicht lassen kann“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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An öffentlichen Theatern, den „schweren Tankern“, hat es den Regisseur und Dramatiker Wolfgang Spielvogel nie lange gehalten. Seit sechs Jahrzehnten macht er sein eigenes, manchmal schmerzhaftes Theater. Diesen Sonntag wird er 75.

Es geht eine steile Stiege hinauf. Ein Schlüssel öffnet die Tür ins Stockfinstere. Nach und nach stößt Wolfgang Spielvogel die Fensterläden auf und lässt fein konturierte Rechtecke von Sonnenlicht ins Innere. Die Hitze lastet unter dem Dach. Wir sind angekommen auf dem Gelände der Hausener Brotfabrik, wo der Regisseur, Dramaturg und Autor ein Stück Theatergeschichte geschrieben hat mit dem Frankfurter Autoren-Theater, das er 2015 dann in jüngere Hände legte. Denn am 30. August feiert der frühere Journalist seinen 75. Geburtstag.

Seit sechs Jahrzehnten hält ihn das Theater in Atem. Aber immer wieder hat auch der Mann, dessen Sprachduktus noch heute die Jugend im Schwäbischen verrät, die Öffentlichkeit mit seinen Inszenierungen, mit seinen Stücken bewegt, geschockt, aufgewühlt. Etwa, als er 2004 in „Die zweite Haut“ die Entführung und Ermordung des Jungen Jakob von Metzler durch Magnus Gäfgen auf die Bühne brachte. Oder 1994 die tragische Geschichte der Grünen Petra Kelly und des Ex-Generalmajors Gert Bastian, die für beide tödlich endete („Primadonna/Schwerer Held“). Oder 2009 die Suche von Michael Buback nach den RAF-Mördern seines Vaters, des Generalbundesanwalts Siegfried Buback 1977, im Stück „Buback“. Immer wieder bohrt der Autor mit seinen Texten dort nach, wo es ohnehin schon in besonderer Weise schmerzt. „Es ist die Wunde, von der ich nicht lassen kann“, sagt er nachdenklich. Die Wunde, die sich immer wieder öffnet in der deutschen (Nachkriegs-)Geschichte.

Spielvogel war es stets wichtig, selbstständig zu sein, sein eigener Herr. Und sein eigenes Theater machen zu können. Die Arbeit an Städtischen Bühnen, an öffentlichen Aufführungsstätten hat er nie lange durchgehalten. Mit dem verschmitzten Lächeln, das ihn charakterisiert, spricht er von „den großen Tankern, die unbeweglich sind“. Am Anfang ist er da einige Male an Bord gegangen. Etwa als Assistent und dann als Regisseur am Landestheater Tübingen, später am legendären Theater am Turm (TAT) in Frankfurt am Main. Seine schlimmste Zeit („Ich bin fast wahnsinnig geworden“) erlebte er Anfang der 80er Jahre bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. „Man hat uns versprochen, dass wir Dario Fo holen konnten und das Living Theatre, aber das waren alles leere Versprechungen.“ Nach einem Jahr hatte er genug.

 „Ich mache Volkstheater“

In der Hitze saugt Spielvogel genüsslich an seiner Cola. Und spricht einen großen Satz gelassen aus. „Ich mache Volkstheater.“ Er will nichts anderes beweisen als: „Die Themen, die das Volk täglich bewegen, sind bühnenwürdig.“ Die Städtischen Bühnen dagegen, das ist für ihn bürgerliches Theater: „Das Bürgertum will abgelenkt werden, in Illusionen schwelgen und baden in schönen Träumen.“ Spielvogels Theater kommt mit ganz kargen Mitteln aus, mit wenigen Requisiten, ist nur möglich in „permanenter Selbstausbeutung“. Wenn der Graubärtige die vehemente Diskussion verfolgt um den Neubau der Städtischen Bühnen für 900 Millionen Euro, dann gehen ihm vier Gedanken durch den Kopf. „Erstens: Es interessiert mich nicht. Zweitens: Es ärgert mich. Drittens: Eine Stadt braucht Städtische Bühnen. Viertens: Aber wozu?“

Nur ein einziges Mal, so erinnert sich das Theater-Tier Spielvogel, haben ihn die Städtischen Bühnen wirklich begeistert. Das war, als Hans Neuenfels 1980 die Oper „Aida“ kritisch interpretierte und dem bürgerlichen Publikum dabei einen Spiegel vorhielt, mit Aida als Putzfrau und dem Triumphmarsch als kolonialer Siegesgeste: „Die Zuschauer haben getobt, das fand ich großartig, das erreicht das Theater heute ganz selten“, sagt der Doktor der Theaterwissenschaft und zeigt wieder seine schelmische Miene.

Spielvogel selbst löste die größten Proteste in seiner langen Karriere 2004 aus, als er es wagte, die Ermordung Jakob von Metzlers in ein Stück zu kleiden. „Ich habe ein Requiem für den Toten geschrieben“, sagt er heute. Boulevardblätter sahen dagegen „Leichenfledderei“ und „Störung der Totenruhe“. Es gab erbitterte Diskussionen, auch ein großes Pro und Contra in der FR. Die Stadt strich dem Regisseur die Förderung. Tatsächlich fragte der Autor, was den Mörder zum Mörder gemacht hatte, griff die Frage des Dichters Georg Büchner wieder auf: „Was ist das, was in uns lügt, mordet und stiehlt?“

Tabus thematisiert 

Immer wieder thematisiert der Regisseur, was in der Gesellschaft als Tabu gilt. 2013 blendete er in „Prozess Auschwitz Peter Weiss“ auf die Stadt Frankfurt im Jahre 1963 zurück, als die juristische Aufarbeitung des Massenmords im Todeslager begann. Was ging damals in der Stadtgesellschaft vor? Schon im Alter von fünfzehn Jahren führte der Gymnasiast erfundene alt-griechische Dramen auf, „mit einem Betttuch als Toga“. Noch heute sagt er: „Es braucht nur einen geringen Aufwand, um sich zu verwandeln.“

Zu seinem 75. Geburtstag hat sich Spielvogel einen bewegenden Dokumentarfilm geschenkt, ist mit seinem Sohn in den kleinen Ort Barzdorf im heutigen Tschechien gefahren, in dem er am 30. August 1945 geboren wurde, hat sich dort auf die Spuren deutsch-tschechischer Geschichte begeben. „Manchmal ist es schön, mit diesen Menschen zu sprechen“, heißt die Arbeit, die er mit Co-Regisseur Rainer Brumme und Kameramann Bruno Schneider drehte. Sie zeigt, wie heute deutsch-tschechische Versöhnung gelebt wird, ungeachtet der bösen Vergangenheit. Am 29. August hat das Werk seine Premiere beim österreichischen Festival „Der neue Heimatfilm“. Als einjähriges Baby überlebte Spielvogel 1946 nur knapp die brutale Vertreibung aller Deutschen aus seinem Heimatdorf, in das er jetzt zurückkehrte. Natürlich hat er darüber auch ein Theaterstück geschrieben. Es heißt „Sudetenbitter“.

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