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Volker Bannert guckt vorsichtig nach, ob er ausräumen darf.. Monika Müller (2)
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Volker Bannert guckt vorsichtig nach, ob er ausräumen darf.. Monika Müller (2)

Naturschutz

Wohnungssanierung für frühe Frankfurter Vögel

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Mit dem Nabu unterwegs auf dem Hauptfriedhof, Nistkästen kontrollieren. Und dann der Schreck in Hausnummer 278.

Volker Bannert reißt bei anderen Leuten die Haustür auf und schmeißt die gesamte Wohnungseinrichtung raus. Er darf das. Noch wohnt da niemand. Und es handelt sich bei den Möbeln auch nur um altes Gerümpel. Sperrmüll sozusagen.

Hauptfriedhof Frankfurt. Der Vorsitzende des Frankfurter Nabu kommt ohne Werkzeug. Braucht man keins? Bannert: „Höchstens einen Schraubenzieher.“ Wozu, erfahren wir später.

300, vielleicht 350 Nistkästen für Vögel hängen auf dem Hauptfriedhof. Die müssen regelmäßig überprüft und ausgemistet werden, sonst siedeln sich dort Parasiten an. Jetzt müssen wir die Häuschen nur noch finden.

Ah – da ist schon eins. Hausnummer 275. Tür öffnen und – Volker Bannert horcht auf. Aus dem Baum gegenüber: „Gik, gik.“ Bannert: „Ein Habicht.“ Der dürfte vor uns hier gewesen sein. Direkt neben Hausnummer 275 liegen Federn. Eindeutig gerupft, sagt der Fachmann. Ein Säugetier hätte andere Bissspuren an seinem Opfer hinterlassen.

Was ist nun in der 275 zu finden? „Ein schönes Nest.“ Offenbar das frühere Zuhause von Kohlmeisen, die dort zwei Brutversuche wagten, ehe obendrauf eine Blaumeise einzog. Woher weiß Bannert das? „Die Kohlmeise verwendet gröberes Material.“ Er stochert im Gewölle, das aufgeschichtet im Häuschen liegt. Dagegen ist Familie Blaumeise feiner eingerichtet. Sie hat sogar rote Designerware aus dem Friedhofsabfall hergeschafft. Aber jetzt: Alles muss raus.

Wer hat die Häuschen aufgehängt? Ein Forschungsprojekt vor vielen Jahren, sagt Bannert. Daher so niedrig, gerade mal 1,50 Meter überm Boden. Das ist nicht gut für die Vögel. Die wohnen lieber höher. Zu ihrer Sicherheit. Bodennähe half nur den Forschern. Die brauchten dann keine Leiter.

Irgendwann übernahm der Nabu die Pflege der Kästen in Absprache mit dem Friedhofsamt. Wann, weiß niemand mehr. Aber eins steht fest: „Unsere Mitglieder lieben das.“ Nistplatzpflege auf dem Hauptfriedhof, enorm gefragt, immer ein schöner Einstieg ins neue Jahr. Und: „Die Vogelvielfalt hier ist toll. Da muss man sich auf einem Niddaspaziergang schon anstrengen, um auf so viele Vogelarten zu kommen.“ Die Meisen haben bevölkerungsmäßig aber ganz klar den Schnabel vorn.

Weiter geht’s. Friedhofsnatur: „Zick, zick!“ Nabu-Mann: „Hören sie? Kernbeißer!“

Obacht, der Boden ist glitschig, ständig rutscht unser kleiner Suchtrupp weg. Da drüben ist wieder ein Nistkasten. Nummer 278. Mal sehen, ob – huch! Da fliegt jemand raus. Und zwar sehr empört. Was war das für ein Vogel? Auf den Schreck nicht zu erkennen. Der Nistplatz war auch bereits kontrolliert worden, wie sich herausstellt. Finden die Vögel das gut? Ziehen sie dann lieber ein, wenn die Möblierung vom Vorjahr schon entfernt ist? „Das finden die super. Diesen Service haben sie in der Natur nicht.“ Was der Nabu hier bietet, ist: Erstbezug nach Sanierung.

Weitersuchen. „Die Kästen hängen unstrukturiert, und sie hängen nicht gut“, sagt Bannert. Deshalb will der Nabu die Behausungen im Sommer kartieren und ihre Position ändern: höher. Es gibt sogar Eulen auf dem Hauptfriedhof. „Alter Baumbestand und Eulen – das verträgt sich gut.“

Auch private Nistkästen von Angehörigen sind an den Gewannmauern zu finden. Vielleicht waren die Leute, die dort ruhen, große Vogelfreunde. Eine schöne Vorstellung, dass ihnen jemand zwitschernde Gesellschaft organisiert hat, für die Zeit danach.

Volker Bannert klopft jetzt immer höflich an nach dem Schreck mit der 278. Ist aber nirgends mehr jemand zu Hause.

Hausnummer 83: leer. Hausnummer 273: leer. Ehe man in eine Wohnung in 1,50 Meter Höhe zieht, baut man sich womöglich lieber was Eigenes im Wipfel. Als Vogel. Aha: Hausnummer 351 ist gut eingerichtet. „Oh, das sieht interessant aus“, sagt Bannert. Da ist Eichenlaub verbaut – aus diesen Blättern macht der Trauerschnäpper sein Nest. Wie sich erweist, ist es aber ein Kohlmeisenhaus. Ausräumen reicht? „Ausräumen reicht.“ Muss nicht desinfiziert werden, auch kein Meister Proper nötig? Nein. Wie der Nabu im Aufruf zur Frühjahrsaktion schreibt: „Auch schwäbische Vögel brauchen keinen besenreinen Nistkasten.“ Mit Smiley.

Ganz früher hat man Nistplätze schon im Herbst auf Vorderhahn gebracht. Jetzt bleiben sie über den Winter unberührt – als Unterkunft für Insekten. Nicht nur Vögel, auch Insekten haben es schwer mit uns Menschen und unserem Siedlungsdruck und unserer intensiven Landwirtschaft in dieser modernen Welt.

Es gab auch Zeiten, da haben die Nabu-Leute die Nistkästen im März saubergemacht. Aber mit dem Klimawandel erwies sich: „Das ist viel zu spät – da sind uns die Vögel schon um die Ohren geflogen, während wir kontrolliert haben.“ Spätestens Mitte/Ende Februar muss also der Sperrmüll raus. Was manchmal gar nicht so leicht ist. Der Kleiber klebt, seinem Namen alle Ehre machend, gern die Ränder zu. Dann geht die Tür nicht mehr auf. „Ein Mördergemisch“, sagt Volker Bannert, „das ist kaum abzukriegen.“ Deshalb also haben die Wohnungssanierer vom Nabu einen Schraubenzieher dabei.

Friedhofsnatur: „Krah, krah!“ Nabu-Mann: „Oh, ein Kolkrabe!“ Der passt in keinen Nistkasten. Aber schön, dass er da ist.

Die Reinigung geht sorgfältig und meist schnell vonstatten.

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