HP_0LOK02FRMZ-B_144450_1
+
In der Notübernachtungsstätte Eschenheimer Tor können Obdachlose in kalten Winternächten in einer U-Bahn-Station übernachten. Am Morgen werden sie um 6 Uhr geweckt und bekommen Tee, Kaffe, Milchbrötchen und Brezeln.

Interview

„Viele wurden auf die Straße zurück geworfen“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
    schließen

Carsten Tag, Vorsitzender der Diakonie in Hessen, sieht einen Riss durch die Gesellschaft gehen. Corona könnte diesen vergrößern, denn die ohnehin Benachteiligten sind besonders betroffen, sagt er.

Seit einem halben Jahr ist Carsten Tag Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, einer kirchlichen Institution, die sich vor allem um benachteiligte Menschen kümmert. Fast genauso lange hat Corona nicht nur Hessen fest im Griff. Wir haben Carsten Tag gefragt, ob die Pandemie die Gesellschaft weiter auseinander treibt – und wie es benachteiligten Menschen und den Beschäftigten der Diakonie geht, die mit diesen Menschen arbeiten.

Herr Tag, leiden die Menschen, um die Sie sich vorwiegend kümmern, besonders unter den Folgen der Corona-Krise?

Ja, Menschen, die am Rande stehen, die es ohnehin schwer haben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, sind in der Tat besonders betroffen. Auch wenn wir natürlich alle unter den Einschränkungen zu leiden haben, und sei es wegen des Masketragens beim Einkaufen oder beim Zusammentreffen mit Familie und Freunden.

Wie zeigt sich diese besondere Betroffenheit?

Schauen Sie sich die bildungsfernen, einkommensschwachen Familien an. Kinder aus diesen Familien haben unter der Schließung der Schulen und Kitas besonders gelitten, weil ihnen häufig zu Hause die Unterstützung oder auch die technische Ausstattung fehlt, um dem Unterricht auf Distanz noch folgen zu können. Sie lernen dann einfach weniger, manche fast gar nicht mehr. Ich freue mich jedenfalls zu hören, dass es keine flächendeckenden Schließungen mehr geben soll. Das ist sicher auch ein Lerneffekt im Prozess der politischen Entscheidungsfindung, der nötig war. Oder nehmen Sie alte und kranke Menschen, die in Krankenhäusern oder Wohnheimen nicht mehr besucht werden durften. Auch Menschen ohne Obdach sind besonders Leidtragende.

Warum stehen auch gerade Wohnsitzlose im Fokus?

Wohnungslose Menschen sind darauf angewiesen, dass sie öffentliche Toiletten-Anlagen nutzen können, auch, um sich zu waschen. Diese Anlagen aber waren oder sind wegen der Infektionsgefahr häufig geschlossen. Unsere Tagesaufenthalte können nur noch zahlenmäßig begrenzt Einlass zum Duschen und Wäsche waschen ermöglichen. Viele Tafeln hatten oder haben ihren Betrieb eingeschränkt. Es gibt auch deutlich weniger Schlafplätze in den Notunterkünften, weil dort Mehrbettzimmer nur noch reduziert belegt werden können. Die Situation dieser Menschen hat sich durch Corona deutlich verschlechtert, weil viele auf die Straßen zurückgeworfen wurden. Dies betrifft besonders Armutsmigranten aus Osteuropa. Mancherorts sind die Kommunen ihrer Verantwortung nachgekommen und haben wohnungslose Menschen etwa in Hotels oder Pensionen befristet untergebracht, was wir begrüßen.

Carsten Tag (56) ist seit März 2020 Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen. Er ist evangelischer Pfarrer und war von 2008 bis zu seinem Wechsel an die Spitze des Wohlfahrtsverbands Dekan im Dekanat Rodgau.

Was können Sie als Diakonie tun?

Zusammen mit den beiden evangelischen Landeskirchen haben wir die Spendenaktion Corona „Nothilfe gegen Armut“ gestartet mit dem Ziel, Mittel einzusammeln. Wir haben inzwischen zwei Millionen Euro an Spenden erhalten, von sehr vielen Einzelspendern und auch Kooperationspartnern wie der Frankfurter Eintracht und ihren Fans. Wir konnten Lebensmittel kaufen, die wir an Menschen verteilt haben, die normalerweise unsere Tafeln und Mittagstische aufsuchen. Wir haben auch an Wohnungslosentreffs die Außenanlagen mit zusätzlichen Gartenstühlen und Tischen ausgestattet, damit dort trotz Abstandsregeln ausreichend Plätze zur Verfügung stehen. Oder wir haben Zelte und Pavillons angeschafft, um auch dort Betreuung und Beratung anbieten zu können.

Lässt sich das auf den sozialen Bereich insgesamt übertragen? Dass durch Corona mehr Mittel benötigt werden, allein schon, um die bisherigen Aufgaben weiter erledigen zu können? Ist es also schlicht teurer geworden, sich um die Menschen zu kümmern, die am Rande stehen?

Es ist sicher eine Herausforderung zu verhindern, dass der Riss, der schon jetzt durch die Gesellschaft geht, noch größer wird. Wir haben allein in den vergangenen zehn Jahren einen Anstieg der von Armut Bedrohten von 12 auf 16 Prozent gehabt. Menschen, die bereits jetzt unter Einschränkungen leiden, dürfen nicht noch weiter benachteiligt werden, denn das würde unsere demokratische Gesellschaft als Ganzes gefährden.

Ist Corona ein Spaltpilz?

Es gibt die Herausforderung, sich umeinander zu kümmern und füreinander zu sorgen. Dafür stehen wir als Diakonie Hessen.

Sie fordern Fürsorge und Achtsamkeit. Sind wir tatsächlich auf dem Weg zu mehr Solidarität oder doch hin zu einer Verschärfung des Konkurrenzkampfs um knapper werdende Ressourcen?

Eine meiner dankbaren Aufgaben ist es, die Dankesbriefe an Spender und Spenderinnen zu unterzeichnen, die beispielsweise Geld für die schon genannte Spendenaktion zur Corona-Nothilfe gegeben haben. Die Bereitschaft zu geben ist groß. In Kirchengemeinden und in den diakonischen Einrichtungen sehen wir, dass Freiwillige und Ehrenamtliche sich über die Maße hinaus engagieren. Corona fördert gesellschaftliches Engagement. Aber ja, die Gefahr besteht, wir sehen die Spaltung ja schon, wenn wir nur allein auf die Demonstrationen in Berlin sehen, die gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen.

Wohnungslose

Am 11. September wird bundesweit der Tag der Wohnungslosen begangen. Die Diakonie Hessen beteiligt sich daran mit mehreren Akionen, allerdings sind es aufgrund der Corona-Krise weniger als in anderen Jahren. Eine landesweite umfassende Berichterstattung zu Wohnungslosen und deren Lebenssituation gibt es in Hessen bislang nicht. Auch fehlen gesicherte Angaben über die Zahl der Menschen, die ohne Obdach sind. Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege erfasst daher alle zwei Jahre diejenigen Menschen, die an einem bestimmten Stichtag die Dienste und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Anspruch nehmen. Zuletzt waren das 3900 Menschen. Das Sozialministerium hat angekündigt, zum 31. Januar 2022 erstmals eine Wohnungslosenstatistik einführen zu wollen.

Der Wohnungsmarkt ist angespannt, auf dem Arbeitsmarkt drohen Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss, auch Migranten oder die Jungen, abgehängt zu werden. Wo muss das Land besonders einwirken, damit das Gegeneinander nicht die Überhand gewinnt?

Es muss in Schulen und Kitas investiert werden, damit dort alle die Bildungschancen erhalten, die sie brauchen. Ich erwarte zum Beispiel vom Land Hessen, dass es gerade in der Ausstattung mit technischen Geräten für digitale Unterrichtsformen einen deutlichen Sprung nach vorne gibt. Gerade jetzt sind durch Corona und dem damit verbundenen Arbeitsverlust oder Kurzarbeit viele Menschen in akute finanzielle Notlagen geraten. Es muss gewährleistet sein, dass für sie Mietkündigungen oder Stromsperren bis auf weiteres ausgeschlossen sind. Die Existenz der Menschen muss gesichert bleiben.

Das hilft akut. Was kann langfristig getan werden?

In anderen Bundesländern gibt es Armuts-Präventions-Ketten, die verhindern, dass Menschen immer wieder Gefahr laufen, in die Armutsfalle zu tappen. In Hessen sind viele verschiedene Institutionen zuständig, da geht mitunter viel zwischen den Zuständigkeiten verloren. Hessen braucht eine Koordinationsstelle auf Landesebene, die für ein sinnvolles Ineinandergreifen verschiedener Hilfen sorgt. Unsere Sorge ist auch, dass die kommunalen Haushälter angesichts wegbrechender Einnahmen überlegen, wie sie die sogenannten freiwilligen, oft aber unverzichtbaren sozialen Leistungen verringern können, um Geld zu sparen.

Welche Aufgaben sind das?

Da geht es um Felder wie die Schwangeren-Beratung und die Schuldner-Beratung. Durch die Corona-bedingten Einschränkungen kommen durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit immer mehr Menschen in finanziell prekäre Lagen und benötigen Beratung. Wir wollen unsere Leistungen in diesen Bereichen weiterhin anbieten, aber wir appellieren auch an andere, dort nicht zu kürzen.

Wie wirkt sich die Krise auf Ihre Arbeit und die der vielen Haupt- und Ehrenamtlichen in der Diakonie aus? Ist die anstrengender geworden?

Ja, natürlich. Bei unseren rund 450 Mitgliedern arbeiten mehr als 40 000 hauptamtliche und mehr als 50 000 ehrenamtliche Menschen, die sich tagtäglich mit großem Engagement in Altenpflegeheimen, Krankenhäusern, Tafeln oder Werkstätten für Menschen mit Behinderungen dafür einsetzen, die unmittelbare Not zu lindern. Sie haben mit großem Einsatz nach kreativen Lösungen gesucht, um trotzdem für ihre Patienten und Patientinnen sowie Klienten und Klientinnen da zu sein. Ihnen allen gilt mein größter Dank und mein tiefempfundener Respekt.

Die Forderung, beispielsweise Altenpflegerinnen oder Krankenschwestern besser zu bezahlen, besteht weiterhin. Sehen Sie dafür auch in der Diakonie eine Chance? Oder wird es künftig nicht sogar verstärkt darum gehen müssen, zu sparen, weil die wirtschaftliche Situation insgesamt schwieriger wird?

Eine der Lernerfahrungen der letzten Monate ist sicherlich, dass wir gesehen haben, welche Berufe systemrelevant dazu beitragen, zum Beispiel unser Gesundheitssystem weiter am Laufen zu halten, und das trotz allergrößter Herausforderungen. Jenseits von punktuellen finanziellen Unterstützungen in Form von Einmalzahlungen gilt es, die strukturellen Rahmenbedingungen etwa von Altenpflegern, Krankenschwestern oder Mitarbeitenden im Bereich der Eingliederungshilfe dauerhaft zu verbessern. Dafür treten wir als Diakonie Hessen ein.

Carsten Tag (56) ist seit März 2020 Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen. Er ist evangelischer Pfarrer und war von 2008 bis zu seinem Wechsel an die Spitze des Wohlfahrtsverbands Dekan im Dekanat Rodgau.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare