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Gemeinschaftliches Wohnen in Frankfurt: Viele wollen anders leben

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Von: Christoph Manus

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Gemeinschaftliche Wohnprojekte öffneten, wie hier im Ostend, am Samstag in Frankfutt ihre Türen.
Gemeinschaftliche Wohnprojekte öffneten, wie hier im Ostend, am Samstag in Frankfurt ihre Türen. © Michael Schick

Gemeinschaftliches Wohnen ist in Frankfurt sehr gefragt. Doch das Angebot ist knapp. Die Stadt sieht nun auch ihre Wohnungsgesellschaft ABG in der Pflicht.

Frankfurt - Erfolge gibt es trotz der Baukrise durchaus: Das Wohnprojekt „Gemeinsam suffizient leben“ kann wahrscheinlich im Herbst im Frankfurter Nordend einen von der Wohnbaugenossenschaft Frankfurt errichten Holzbau im Aktivhausstandard mit neun Wohnungen beziehen. Die Gruppe Sonara wird nach Angaben des Netzwerks Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen bald mit dem Abriss eines Gebäudes in Höchst beginnen, das sie durch einen Neubau ersetzen will, in dem es außer Wohnraum für 20 Menschen auch einen Treffpunkt für die Nachbarschaft geben soll. Das Hausprojekt Kolle hat in Griesheim mit dem Bau eines Hauses begonnen, in dem 42 Menschen solidarisch zusammenleben wollen. Die Stadt musste allerdings gerade stützend eingreifen, bewilligte ein zinsloses Darlehen von 750 000 Euro, um das Projekt nicht zu gefährden.

Mehr als 30 solcher Wohnprojekte, die gemeinsam haben, dass sie dauerhaft niedrige Mieten anstreben und Rechtsformen gewählt haben, die verhindern, dass das Haus verkauft werden kann, sind in Frankfurt bezogen oder im Bau. Doch der Bedarf ist viel größer, die Nachfrage nach einer anderen Form des Zusammenlebens riesig.

Wohnungsangebot in Frankfurt ist auf Kleinfamilien zugeschnitten - das passt aber vielen nicht

Das zeigt sich etwa beim Tag des offenen Wohnprojekts, zu dessen Eröffnung sich am Samstagmorgen gut 100 Menschen auf dem begrünten gemeinsamen Innenhof von fünf kleinen Projekten auf dem Naxos-Gelände im Ostend drängten, um mehr über diese Wohnform zu erfahren und per ÖPNV oder Rad noch andere Projekte besichtigen zu können.

Das Wohnungsangebot ist zum allergrößten Teil auf die klassische Kleinfamilie zugeschnitten, drei Zimmer, Küche, Bad, vielleicht Balkon. Dabei wollen viele Menschen gerade im Alter nicht allein in einer Wohnung oder einem Haus wohnen, viele sehnen sich nach einer Wohnform mit privaten, aber auch gemeinsam genutzten Räumen. Birgit Kasper von Netzwerk für gemeinschaftliches Wohnen weist etwa auf eine Befragung in Bad Homburg unter Menschen über 55 hin. Mehr als die Hälfte wolle im Alter gemeinschaftlich wohnen, kam dabei heraus.

Stadt Frankfurt bietet gemeinschaftlichen Wohnprojekten Grundstücke an

Die Stadt Frankfurt unterstützt solche Vorhaben. Sie hat in den vergangenen Jahren sieben Grundstücke oder Bestandsgebäude zum Festpreis an gemeinschaftliche und genossenschaftliche Wohnprojekte vergeben. Im Herbst beginnt die Bewerbungsphase für ein weiteres Areal. Zu haben ist ein 390 Quadratmeter großes Grundstück am sogenannte Kleedreieck im Stadtteil Fechenheim, auf dem ein Haus für 40 Menschen entstehen könnte. Vor allem aber hat die Stadt im Baulandbeschluss festgeschrieben, dass in neuen Baugebieten 15 Prozent der Fläche für gemeinschaftliches und genossenschaftliches Wohnen bereitgestellt werden müssen: Potenzial für Dutzende Projekte mit Hunderten Wohnungen.

Die Beratungsstelle

Das Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen betreibt mit Förderung der Stadt seit März 2009 eine Koordinations- und Beratungsstelle für gemeinschaftliches Wohnen an der Adickesallee. Ein Team berät, begleitet und unterstützt Einzelpersonen, Initiativen und Wohnprojekte im Prozess des gemeinschaftlichen Wohnens.

Telefonsprechzeiten: montags und donnerstags von 11 bis 13 Uhr, 069 /915 010 60. Mehr unter gemeinschaftliches-wohnen.de

Doch die Lage ist schwierig. Die städtische Wohnungsgesellschaft ABG Frankfurt Holding hat den Bau des Hilgenfelds, in dem mehrere Wohnprojekte entstehen sollen, verschoben, mehrere Gruppen haben angesichts steigender Kosten für Bau und Finanzierung Probleme, ihre Vorhaben zu stemmen.

Designierter Planungsdezernent von Frankfurt hebt Bedeutung von Wohnprojekten hervor

Vertreter:innen des Netzwerks forderten die Stadt am Samstag auf, die Projekte noch stärker zu unterstützen. Nötig sei etwa, die Kriterien für geförderten Wohnungsbau, die bisher von Standardwohnungen ausgehen, so zu ändern, dass Wohnformen mit anderen Grundrissen leichter zum Zuge kommen könnten. Die Koalition müsse zudem endlich die Senkung des Erbbauzinssatzes auf 1,5 Prozent für solche Vorhaben beschließen.

Der designierte Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) hob am Samstag hervor, wie wichtig die Wohnprojekte nicht nur für dauerhaft günstige Mieten, sondern auch für lebendige Nachbarschaften seien. Die Stadt werde sich darum kümmern, dass solche Vorhaben trotz Krisen realisiert werden könnten und nicht „auf dem Papier bleiben“, versprach er.

Im Gespräch mit der FR kündigte er aber auch an, das Gespräch mit der ABG und anderen öffentlichen Wohnungsgesellschaften zu suchen, damit diese innovativere Wohnformen anbieten und stärker mit Wohnprojekten kooperieren.

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