Bewohnerin Anne Lamberjohann (l.) und Architektin Sia Maheras auf der künftigen Dachterrasse. 
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Bewohnerin Anne Lamberjohann (l.) und Architektin Sia Maheras auf der künftigen Dachterrasse. 

Niederrad

Wohnprojekt: Hundert Mitbewohner

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Der Rohbau des gemeinschaftlichen Wohnprojekts „Betrifft“ in Niederrad steht, die künftigen Bewohner konnten sich ihre Bleibe anschauen. Neben 50 Wohnungen gibt es gemeinschaftlich genutzte Flächen.

Noch braucht man ein wenig Fantasie, um sich den grünen Innenhof vorzustellen oder gemütliche Wohnungen. Aber der Rohbau für das genossenschaftlich genutzte Haus in der Triftstraße 34 ist fertig. Anfang nächsten Jahres könnten die ersten Bewohner in das gemeinschaftliche Wohnprojekt Betrifft Niederrad einziehen. Mit seinem Umfang ist es das derzeit größte Projekt dieser Art in Frankfurt. „Das wird der künftige Gemeinschaftsraum“, sagt Cara Röhner vom Vorstand der Genossenschaft Wohngeno bei dem Richtfest am Donnerstag. Noch begegnet den Besuchern und baldigen Bewohnern viel Beton, unverputzte Wände und Kabel. Doch nächstes Jahr sollen sich hier mehr als 100 Menschen austauschen und Zeit verbringen. Die rund 50 Wohnungen von 25 bis 140 Quadratmeter verteilen sich an der Straßenseite auf fünf Stockwerke, weiter hinten auf drei.

Zu sehen sind schon die Laubengänge, die alle Wohnungen miteinander verbinden. Diese und die Balkone sollen noch begrünt werden, genauso wie der Hof, sagt Röhner. Auch die künftigen Bewohner können einen Blick in ihre Wohnung werfen. Andreas Wellano wird mit seiner Partnerin bald 65 Quadratmeter im Erdgeschoss beziehen. Damit es nicht so dunkel ist, sind die Decken 3,8 Meter hoch und die Fenster groß, ein kleiner Gartenstreifen gehört ebenfalls dazu. Wellano freut sich schon. „Wir wollten nicht alleine alt werden“, beschreibt der 72-Jährige seine Motivation. Als Theatermacher habe er viel mit jungen Menschen zu tun gehabt. Bei dem Projekt gehe es nicht nur darum zusammen zu wohnen, sondern zusammen zu leben, sich zu helfen, aber auch gemeinsam zu feiern.

Die Genossenschaft

Für die junge Genossenschaft Wohngeno ist es in Niederrad das zweite Haus. 2016 wurde das erste Projekt „Wohnen mit Kindern“ am Riedberg bezogen.

Die Projekte arbeiten selbstverwaltet und setzen sich – sowohl vom Konzept wie auch von der Architektur her – vom Stil der großen Bauinvestoren ab.

Die Gruppen sind bereits in der Planungsphase aktiv eingebunden und verständigen sich schon früh über wichtige Fragen. Informationen unter wohngeno.de.

Ein Teil des Innenhofs ist überdacht, hier überlegen sich die Bewohner, wie sie ihn am besten gestalten, alles wird gemeinsam beschlossen. Ein öffentlicher Weg wird über das Grundstück führen. Unter dem Hof befindet sich die Tiefgarage, es soll Car-Sharing-Angebote geben, genauso wie die gemeinsame Nutzung von Lastenrädern. Eine gemeinsame Waschküche wird auch zur Verfügung stehen.

Vom künftigen Dachgarten reicht der Blick bis zur Skyline, zur Bürostadt Niederrad und zum Taunus. Vergeben sind die Wohnungen schon länger, die Struktur ist gemischt: Familien mit kleinen und großen Kindern, ältere Menschen, Singles und Paare mittleren Alters und jungen Menschen mit Handicap. Die Wohnformen reichen von klassischen Familien- oder Paarwohnungen über WGs bis hin zu generationenübergreifend bewohnten Räumen. Die Gruppe kennt sich nun schon seit mehren Jahren.

Franziska Wallmeier wird mit ihrem Mann und zwei Kindern in eine der größeren Wohnungen einziehen. Der 32-Jährigen gefällt die Mischung, „dass man gemeinschaftlich wohnt, jeder aber noch seine eigene Wohnung hat“. Auch die Gruppe habe ihr gleich zugesagt, alle seien sehr engagiert. Das Gebäude überzeugt sie ebenfalls mit seinen Raffinessen. Und die Kinder könnten mit anderen Kindern aufwachsen. „Es ist ein anderes Modell zum klassischen Wohnen in der Stadt.“ Und noch bezahlbar als Familie. Rund 500 Euro kostet der Quadratmeter, 25 Prozent sind gefördert.

Im Erdgeschoss entstehen zudem über 300 Quadratmeter gesellschaftliche und kulturelle Flächen, von denen auch der Stadtteil profitieren soll. Hier will sich auch Anne Lamberjohann einbringen. Die 69-Jährige wird mit Partner auf 40 Quadratmetern leben. Aber durch die vielen gemeinschaftlichen Flächen habe man ja viel mehr Platz. „Ich habe schon immer in Gruppen gewohnt“, erzählt sie. Das wolle sie auch im Alter beibehalten.

„Es freut mich sehr, dass das Projekt, das mal auf der Kippe stand, verwirklicht wurde“, sagt Planungsdezernent Mike Josef (SPD), der sich die Baustelle anschaute. Durch den Dachgarten hätten alle einen Skylineblick, der sonst ein paar Millionen Euro kosten würde. Das Projekt biete Nischen und Lebensperspektiven, die andere Wohnungen nicht haben. Und könnte als Blaupause für künftige Projekte genutzt werden.

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