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Ästhetisch nicht jedermanns Geschmack - aber weit entfernt von einem Getto: die Platensiedlung in Ginnheim.

Ginnheim

Die Siedlung und das Getto-Image

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Drogen, Randale, Razzien. Die Frankfurter Platensiedlung sorgt für Schlagzeilen. Ein echter sozialer Brennpunkt ist sie dennoch nicht.

An einem Gespräch ist der junge Mann eigentlich nicht interessiert. „Nein. Sie brauchen gar nicht fragen. Ich verkaufe keine Drogen, kein gar nichts!“ Der 23-Jährige lehnt an der Rückwand eines viergeschossigen Wohnblocks in der Franz-Werfel-Straße in Ginnheim. Eine lange schwarze Daunenjacke schützt ihn vor der herbstlichen Witterung. In der linken Hand qualmt ein fast ausgerauchter Joint. Es ist 11 Uhr vormittags. „Ich bin Kiffer. Und?“, sagt er, bevor er das Tütchen zu Boden fallen lässt.

In einiger Entfernung sitzen drei junge Männer auf einer Bank. In ihrem Rücken ein Drahtzaun, der die Grünfläche am südlichen Rand vom benachbarten Sportplatz abgrenzt. Dahinter der graue Koloss der Bundesbank. Er solle doch nicht mit der Presse reden, rufen sie ihrem Freund an der Hauswand zu. Das Wort „Lügenpresse“ fällt mehrfach. Man ist dieser Tage misstrauisch in der Platensiedlung. 

Die ehemalige Housing-Area des US-Militärs ist in den letzten Monaten in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt: Offener Drogenhandel auf der Straße, Krawalle an Halloween, Hausdurchsuchungen und fristlose Kündigungen durch die ABG. Die Frankfurter Zeitungen waren vor Ort, das Hessenfernsehen. So viel Aufmerksamkeit behagt nicht jedem. „Reporter?“, will ein stämmiger Mann, im blauen Trainingsanzug wissen. „Dann scher Dich zum Teufel!“.

Mitte September hatte die Polizei zugeschlagen. Mit Durchsuchungsbefehlen für sieben Wohnungen war sie angerückt. Zuvor hatten Zivilbeamte des zuständigen zwölften Polizeireviers monatelang das Treiben rund um die Franz-Werfel-Straße beobachtet, festgestellt, wer wo dealt und aus welcher Wohnung kommt. Seit Mai ist dort die sogenannte AG „Siedlung“ angesiedelt. Sechs Beamte, die sich ausschließlich mit der Platensiedlung befassen.

Waffen, Kokain, Bargeld 

Das Ergebnis der Durchsuchungen konnte sich sehen lassen: Fünf Kilo Haschisch und Marihuana, rund 100 Gramm Kokain, Schusswaffen, Munition und 33 000 Euro Bargeld. Kurz darauf kündigte die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG - die in der Platensiedlung 680 Wohnungen verwaltet - sieben Mietverträge fristlos. Eine Abschreckungsmaßnahme, die ABG-Chef Frank Junker bereits im April in Aussicht gestellt hatte. „Die Platensiedlung ist kein sozialer Brennpunkt und darf es auch nicht werden“, erklärte er.

In den Augen der Medien scheint die ehemalige Housing-Area genau das zu sein. Bereits in den frühen 2000er-Jahren schreiben die Frankfurter Zeitungen vom „sozialem Brennpunkt“, in dem die Stimmung aufgrund des verstärkten Zuzugs „sozialschwacher Familien“ kippe. 2018 befinden sich rund 60 Prozent der Wohneinheiten noch in sozialer Bindung. Das Urteil der Medien ist nicht milder geworden. „Manche sprechen sogar von einem Getto“, heißt es in einem Zeitungsbericht von Ende September.

Tatsächlich ist die Architektur der 1995 von der US-Armee geräumten Siedlung mehr von pragmatischen als ästhetischen Erwägungen geprägt. Die viergeschossigen Wohnblocks unterscheiden sich hauptsächlich in der Farbgestaltung - wobei in der Mitte der Siedlung eine Grenze zu verlaufen scheint. Im Nordteil sind Balkone, Türen und Fenster meist neueren Datums. Im Südteil entspricht der Baubestand noch größtenteils dem, was die ABG vor 23 Jahren übernommen hat. Hier, rund um die Franz-Werfel Straße, ballen sich nach Aussage von Politik und Polizei die Probleme. 

Schlafstadt unweit des Stadtzentrums

Ein Getto ist die Siedlung aber auch hier nicht. Keine Müllberge, wie in einigen Berichten zu lesen war. Stattdessen bedeckt ein Teppich aus dichtem Herbstlaub die kaum befahrenen Straßen. Eine Schlafstadt unweit des Stadtzentrums, die vor allem eines ausstrahlt: Langeweile. „Man muss es nicht übertreiben“, sagt eine Bewohnerin. Klar machen die Jugendlichen Probleme. „Aber seit zwei Monaten ist es hier ruhig“, sagt sie. „Fast familienfreundlich“, fügt sie grinsend hinzu.

Im Sommer soll sich hier noch ein anderes Bild geboten haben. Anwohner berichten davon, dass junge Männer teilweise in Klappstühlen am Straßenrand ihre Kundschaft im Empfang nahmen. Wer versuchte, sie anzusprechen, musste mit Beschimpfungen und Bedrohungen rechnen. „Die hatten die Scheu verloren“, berichtet Rachid Rawas, Sozialpädagoge und stellvertretender Vorsitzender im für die Platensiedlung zuständigen Ortsbeirat 9. Das immerhin habe sich seit den Hausdurchsuchungen geändert - und seit der Herbst angebrochen sei. „Das Wetter löst viele Probleme“, so Rawas.

Ganz so offen sei es dann doch nicht zugegangen, betont Frank Sandvoß, seit Oktober Leiter des zwölften Reviers: „Sonst hätten wir ja nicht observieren müssen.“ Die Erkenntnisse der AG Siedlung deckten sich nur teilweise mit dem medial kolportieren Bild. Von „organisierter Kriminalität“ etwa könne man nicht sprechen. Tatsächlich stehe nur ein knappes Dutzend junger Männer im Zentrum der Ermittlungen.

Ob der 23-Jährige, der hinter dem Wohnblock in der Franz-Werfel-Straße seinen Joint raucht, dazugehört, bleibt offen. Auf jeden Fall hätten einige seiner Freunde schon mit der Polizei zu tun gehabt, sagt er. „Ja, klar wir sitzen hier, kiffen hier. Wir sind hier aufgewachsen. Wo sollen wir denn hin?“. Er fühlt sich drangsaliert: Von der Polizei, von der Presse, der ABG. „Die wollen uns loswerden“, sagt er. Seit ein oder zwei Jahren gehe das schon so.

Seit „ein oder zwei Jahren“ beherrscht eigentlich ein anderes Thema die Platensiedlung: Nachverdichtung. Im nördlichen Teil sollen zwischen den bestehenden Gebäuden 680 neue Wohnung entstehen. Die ABG investiert rund 200 Millionen Euro. Es werden kleinere Wohnungen als die vier- bis fünf Zimmerwohnungen, die bislang für die Siedlung typisch sind. Und ein Großteil davon soll frei vermietet werden. Die ABG und die Lokalpolitik erhoffen sich davon eine bessere soziale Durchmischung.

Für die Bewohner im Nordteil der Platensiedlung bedeutet das neben Baulärm noch so manch andere Unannehmlichkeit. In einigen Blocks müssen die Waschküchen vorübergehend ausgelagert werden - in Container. Und die, so befürchten die Bewohner, könnten an Silvester zu einem bevorzugten Ziel von Randalierern werden. 

Polizisten mit Steinen beworfen 

Einschlägige Erfahrungen hat man schon gemacht. Bereits an den letzten beiden Silvesterabenden war es zu Ausschreitungen gekommen. Zuletzt hatten am 31. Oktober - dem Halloween-Abend - Jugendliche Mülltonnen angezündet, Barrikaden errichtet und einen Linienbus und Polizisten mit Steinen beworfen.

Ja, man kenne die Jugendlichen und jungen Männer, denen die meisten Straftaten zugeschrieben werden, sagt eine Frau aus dem Nordteil der Siedlung. Die seien schließlich hier aufgewachsen. „Ich lebe seit 1995 hier. Das Problem ist doch nicht neu.“. Man habe es versäumt, rechtzeitig aufsuchende Jugendarbeit anzubieten. Jetzt spüre man die Konsequenzen. „Jetzt erhofft man sich die große Seligkeit durch die Nachverdichtung. Aber das löst die Probleme der Jugendlichen nicht“, sagt die Anwohnerin. „Es ist als ob man ein bisschen Make-Up auf einen blauen Fleck aufträgt. Der Fleck ist immer noch da.“

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