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„Die Mietpreise driften auseinander“

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Die Osthafenbrücke nahe der EZB.
Die Osthafenbrücke nahe der EZB. © Alex Kraus

Stadtforscherin Andrea Mösgen spricht über Verdrängungsprozesse im Ostend, attraktives Wohnen in der Stadt und die Rolle der EZB für die Entwicklung im Viertel.

Von Martín Steinhagen

Frau Mösgen, Sie beobachten das Ostend als Stadtforscherin schon seit einiger Zeit. Was hat sich in den letzten Jahren dort besonders verändert?
Veränderungen in Stadtteilen kann man auf verschiedenen Ebenen beobachten: Statistisch lässt sich leicht erkennen, dass bei Neuvermietungen im Ostend die Mieten immer höher ausfallen. Da gehört das Viertel in Frankfurt inzwischen zur Spitze. Viele Veränderungen sind vor Ort auch direkt sichtbar, zum Beispiel Geschäfte, die sich an veränderte Zielgruppen richten.

Welchen Einfluss hat der Neubau der Europäischen Zentralbank auf diese Entwicklung? Kann ein einzelnes Hochhaus ein ganzes Viertel verändern?
Das EZB-Hochhaus kann man als Höhepunkt einer längeren Entwicklung sehen. Das südliche Ostend wurde schon in den 1980er Jahren von der Stadt als Sanierungsgebiet ausgewiesen. Daran kann man den – damals noch allmählichen – Beginn der Veränderungen festmachen. Natürlich beschert die EZB dem Viertel aber eine zusätzliche Dynamik.

Welche Auswirkung werden diese Veränderungen für die Bewohner haben?
Wenn die Mieten weiter so stark steigen, kann das Verdrängungsprozesse zur Folge haben.

Das Wort Gentrifizierung war eigentlich ein Fachbegriff der Stadtforschung und ist inzwischen schon längst zum Schlagwort geworden. Was verstehen Sie darunter und wie kann man das im Ostend beobachten?
Das entscheidende Merkmal für Gentrifizierung ist die Verdrängung, die damit einhergeht – im Unterschied zu anderen Aufwertungsprozessen von Stadtteilen. Gentrifizierung ist ein Prozess in dessen Verlauf Haushalte mit höheren Einkommen andere mit einem niedrigeren Einkommen verdrängen. Dadurch ändert sich auch der Charakter der Nachbarschaft eines Viertels. Das können wir im Ostend schon jetzt gut beobachten, allein an den neuen Restaurants und Bars, die dort entstehen.

Welche Auslöser für die Aufwertung des Ostends gibt es denn außer des EZB-Neubaus?
Ganz verschiedene. In der Stadtforschung wird sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite beobachtet. Für die Nachfrage sind die Wohnwünsche, die sich im Laufe der Zeit ändern, wichtig. Hierzu gehört, dass das Wohnen in den Innenstädten für viele wieder attraktiv geworden ist. Auf der Angebotsseite haben wir die Investoren, die sich von Gebieten in einer guten Lage, wo die Preise derzeit aber noch niedrig sind, höhere Gewinne versprechen. Beides lässt sich im Ostend beobachten. Der dritte Ansatzpunkt ist die Stadt, die mit der Ausweisung als Sanierungsgebiet ganz gezielt diese Dynamik in Gang gesetzt hat.

Lange war die Vorstellung verbreitet, dass zunächst Studierende und Künstler in bis dahin eher verpönte Viertel ziehen und diese Quartiere dadurch interessant werden lassen. Wenn die Mieten für Ateliers und WGs zu teuer werden, ziehen dann die „Yuppies“ ein. Ist dieses Modell in der Forschung immer noch aktuell?
Außer dieser klassischen Aufwertungsdynamik werden zunehmend Prozesse diskutiert, die vor allem durch die Stadtpolitik und die Immobilienwirtschaft initiiert werden. Ein weiteres Phänomen ist außerdem die Neubaugentrifizierung. Als Beispiel: Die Häuser an der Weseler Werft im Ostend haben niemanden direkt verdrängt, aber sie haben die Nachfrage nach Infrastruktur und Dienstleistungen im Viertel verändert und das kann sich auch auf die Nachbarschaft und die Mieten dort auswirken.

Profitieren nicht alle Anwohner von einer besseren Infrastruktur?
Es kommt auf die Dosis an. Städte entwickeln sich immer und Veränderungen an sich sind erst einmal nicht schlecht. Neue Angebote im Stadtteil und eine Mischung der Bevölkerung sind durchaus auch positiv zu sehen. Die Frage ist, wann bestimmte Gruppen es sich nicht mehr leisten können, dort zu leben.

Der Investor Ardi Goldman hat einmal gesagt, „die Hässlichkeit von manchen Arealen“ im Ostend stünde einer Gentrifizierung des Viertels entgegen, es werde also kein „luxussaniertes, gesichtsloses Viertel“ entstehen.
Es wäre natürlich wünschenswert, wenn es ein solches Zwischenstadium tatsächlich gäbe. Ich würde aber davon ausgehen, dass sich die Entwicklung im Ostend fortsetzt und den Großteil des Stadtteils und der Bevölkerung betreffen wird.

Sie erforschen derzeit gemeinsam mit Studierenden die Veränderungsprozesse dort. Wie gehen Sie dabei vor?
Im ersten Schritt haben wir statistische Daten so aufbereitet, dass wir Frankfurter Stadtteile vergleichen können. Wir haben sehr deutlich festgestellt, dass die Unterschiede in der Stadt größer werden: Die Mietpreise in den innerstädtischen Vierteln und denen weiter außerhalb driften auseinander. Wenn man die Zahl der Sozialleistungsbezieher hinzuzieht und sieht, dass sie in bestimmten Vierteln immer mehr abnimmt, kann man davon ausgehen, dass sich dort gerade etwas verändert. Da war das Ostend besonders auffällig. Direkt messen lässt sich Verdrängung aber nicht.

Wie wollen Sie das Phänomen dann erfassen?
Dazu muss man vor Ort sein. Im April planen wir eine Befragung im südlichen Ostend. Wir wollen wissen, warum Menschen dort wohnen, wie sie das Ostend wahrnehmen, wie sich ihre Situation verändert. Es geht darum, zu erfahren, wo Betroffene Schwierigkeiten sehen und worin für sie die Attraktivität des Viertels liegt.

Interview: Martín Steinhagen

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