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Aktivisten des Bündnisses "Mietenwahnsinn Hessen" malen Schilder für die Demo am Samstag.

Wohnen in Frankfurt

Mieter leben in Frankfurt in Angst

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Mieterhöhungen, Hausverkäufe, Verlust von Grünflächen: Mieter in Frankfurt erzählen von ihren Sorgen und Ängsten.

„Ich habe eine Modernisierungsankündigung über 140 Euro!“ – Robert Stojanoski wohnt in der Knorrstraße im Gallus. Seit einem Jahr stockt das börsennotierte Wohnunternehmen Vonovia dort Bestandshäuser auf, zudem entstehen drei Neubauten.

Jetzt hat Stojanoski Angst, sich das Leben in Frankfurt nicht mehr leisten zu können. Schon seit zehn Jahren hat er seine Wohnung in der Knorrstraße. Der 39-Jährige lebt von Hartz IV, aus gesundheitlichen Gründen kann er seine bisherige Arbeit als Kundenbetreuer nicht mehr ausüben. Bislang übernimmt das Jobcenter seine Wohnkosten.

Nach der Modernisierung kann Stojanoski auf einem eigenen Balkon die Sonne genießen – allerdings vergrößert sich dadurch auch seine Wohnfläche. Für ihn als allein lebenden Arbeitslosengeld-II-Empfänger könnte die Wohnung dann zu groß sein, befürchtet er. „Im schlimmsten Fall müsste ich aus meiner Geburtsstadt wegziehen“, sagt Stojanoski. Ob Eltern, Schwester, Schwager, Neffen oder Freunde: Sein gewachsenes soziales Umfeld wäre dann viel weiter weg.

Nicht zu vergessen seine direkten Nachbarn in der Knorrstraße: Seit zwei Jahren protestieren sie gemeinsam gegen die drohenden Mieterhöhungen, Stojanoski ist Teil des offiziell gewählten Mieterrats.

Emotional gehe es ihm „ziemlich beschissen“, sagt Stojanoski. Auch deshalb, weil vielen seiner Nachbarn deutlich höhere Mietsteigerungen drohen. In drei der insgesamt 13 Häuser baut Vonovia Aufzüge ein, um die aufgestockte Etage barrierefrei zu erschließen. Ganz oben würden laut Stojanoski große Wohnungen mit riesigen Terrassen entstehen – obwohl in der Siedlung eigentlich Milieuschutz gelte. „Mich ärgert es, dass die Stadt weitere Gebiete unter Milieuschutz stellen will, obwohl bestehende Satzungen nicht durchgesetzt werden.“

Auch Nikola Arnautovic lebt in der Knorrstraße. Er hätte sich gefreut, wenn Vonovia „ohne Kostenerhöhung“ für die Bestandsmieter aufgestockt und nachverdichtet hätte. Auf 68 Quadratmetern wohnt er gemeinsam mit seiner acht Jahre alten Schwester und seinen Eltern. Noch zahlen sie dafür 638 Euro warm – inklusive Heizung, aber ohne Strom.

Kein neuer Balkon, kein Aufzugseinbau: Die Familie hat Glück, an ihrem Haus wird vergleichsweise wenig modernisiert. Entsprechend gering fällt ihre Mieterhöhung aus.

Und trotzdem: Der 17-jährigen Arnautovic, im Sommer mit der Schule fertig geworden und jetzt ausbildungssuchend, arbeitet aktuell bei seinem Vater mit – auch, damit die Familie etwas mehr Geld in der Tasche hat.

Wenn er gerade daheim ist, stört ihn der Lärm, den die Baustelle verursacht. Sechs Tage in der Woche, von 8 Uhr morgens bis 19 Uhr abends, manchmal auch länger. „Viele Kabel liegen kreuz und quer“, beschreibt Arnautovic die Situation im Treppenhaus. Jahrelang konnte seine Familie die Wäsche auf dem Dachboden aufhängen, der nun der Aufstockung weichen musste. Seitdem trocknen sie ihre Klamotten auf dem Balkon, dort staubt jedoch alles sofort zu.

Für seine 8-jährige Schwester ist vor allem der Verlust von Freiflächen schmerzhaft. „Früher haben wir sie einfach rausgelassen zum Spielen“, erinnert sich Arnautovic. Jetzt ist alles Baustelle. Dort, wo Vonovia die drei neuen Häuser hochzieht, wird das Grün für immer verschwinden.

Ortswechsel nach Bockenheim. „Ich habe Angst vor dem, was passiert“, sagt eine 26-jährige Studentin der Goethe-Universität. Sie möchte nicht, dass ihre Vermieterin ihren Namen in der Zeitung lesen kann.

Alles fing vor einem halben Jahr an: Mehrfach stand die Vermieterin unangekündigt an der Wohnungstür und bat um Einlass – in Begleitung von „Leuten, die wir nicht kannten“. Die Studentin und ihre zwei Mitbewohner haben sie nicht hineingelassen und um Vereinbarung eines Termins gebeten. So will es die gegenwärtige Rechtslage.

Aus Sorge schlecht geschlafen

Beim vereinbarten Termin entpuppten sich die unbekannten Personen als Architekten: Gleich zweimal haben sie den Dachboden vermessen, während eines dritten Termins dann die Zimmer der Wohngemeinschaft. „Da wird man misstrauisch, wenn man weiß, wie der Wohnungsmarkt hier tickt.“ Die Vermieterin habe aber zunächst gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen solle.

Trotzdem habe die Studentin in der anschließenden Zeit nicht gut einschlafen können, hinzu seien schlechte Träume gekommen. Einmal sei sie sogar in Tränen ausgebrochen.

Inzwischen weiß die 26-Jährige, dass das Haus verkauft wurde. Als die Katze aus dem Sack war, wurde es laut: Die Vermieterin habe sie angeschrien und auch beleidigt. „Ich habe das meiste abbekommen“, sagt die Studentin. Es ist die unterschiedliche Machtposition von Mietern und Vermietern, weswegen sich die Studentin „unwohl“ fühlt. Hinzu kommt die Ungewissheit nach dem Verkauf: Was werden die Folgen sein?

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