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Der Gedanke hinter dem Wohnprojekt auf dem Naxos-Gelände: Zusammen kann man mehr besitzen als im Einzelnen. Zum Beispiel eine große Dachterrasse mit Blick auf Frankfurt.

Höchst/Ostend

Mehr als ein flüchtiger Gruß beim Müllrausbringen

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Gemeinschaftliche Wohnprojekte in Frankfurt stellen sich vor.

Wir sind vertraut miteinander, Verlässlichkeit ist wichtig und der Austausch ist oft sehr anregend.“ So klingt es, wenn Regine Burges Gästen zum Tag der Offenen Wohnprojekte Frankfurt am Samstag von ihren Nachbarn erzählt.

In dem gemeinschaftlichen Wohnprojekt auf dem alten Naxos-Gelände ist Nachbarschaft mehr als ein flüchtiger Gruß beim Müllrausbringen. Alle Bewohner sind Mitglieder der Baugenossenschaft Fundament. Entscheidungen über die Nutzung des Gemeinschaftsraums oder Regelungen für die gemeinsame Waschküche werden demokratisch ausgearbeitet. Niemand soll übergangen werden, alle sollen sich wohlfühlen. Eine Kommune ist das aber noch lange nicht. Alle zwölf Wohnparteien haben ihre eigene Wohnung – samt Tür.

„Das war das erste Projekt, bei dem auf einem Grundstück der Stadt ein gemeinschaftliches, genossenschaftliches Wohnprojekt entstanden ist“, erinnert sich Personal- und Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). Er ist heute zu Besuch in dem Wohnprojekt. Während des langwierigen Entstehungsprozesses hatte er sich als planungspolitischer Sprecher gegen „Gegenstimmen aus der CDU“ durchsetzen müssen. Dabei sei es ihm um mehr als um fröhliches Zusammenleben gegangen. „Der Gedanke der Genossenschaft entzieht dem der Verwertung den Boden“, betont Majer bezogen auf Immobilienspekulationen. Anstatt Preise in die Höhe zu treiben, soll Mietern bei einer Genossenschaft sicheres und selbstverwaltetes Wohnen ermöglicht werden.

So sozial diese Idee auch klingt, von sozialem Wohnungsbau ist sie weit entfernt. „Die Mieten sind hier nicht super niedrig“, weiß Bewohnerin Burges. Schließlich handelt es sich bei dem Wohnprojekt um einen Neubau im Ostend mit guter Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Zudem ist Fundament e.G. mit 13 Jahren eine vergleichsweise junge Genossenschaft, die gerade erst ihr drittes Haus auf den Stadtplan bringt. Eine hohe Selbstbeteiligung ist bei jungen Genossenschaften ohne große finanzielle Rücklagen keine Ausnahme.

Für Regine Burges und die anderen Bewohner betrug sie 600 Euro pro Quadratmeter. Auf der einen Seite ist das relativ sicher angelegtes Geld, weil Genossenschaften den Erhebungen des Mittelstandsinstituts zufolge zu den am wenigsten von Insolvenz betroffenen Rechtsformen in Deutschland gehören. Auf der anderen Seite muss so eine Summe erst einmal aufgebracht werden. Dessen sind sich die Bewohner im Naxos-Wohnprojekt bewusst.

Ein Plakat von der Initiative Mietentscheid und die dazugehörige Unterschriftenliste liegen am Samstag aus. Die Initiative fordert unter anderem, dass die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG Frankfurt Holding im Neubau nur noch Sozialwohnungen schafft. Zwei von drei Frankfurtern hätten laut der Initiative Anspruch auf so eine geförderte Wohnung. „Die Analyse, dass mehr sozialer Wohnraum gebraucht wird, teile ich. Aber die geforderten Instrumente teile ich nicht“, meint Stadtrat Majer dazu. Er ist Aufsichtsratsmitglied der ABG und erachtet die Rolle der städtischen Wohnungsbaugesellschaft auf dem freien Markt als wichtig: „Es ärgert viele private Investoren, dass Grundstücke an die ABG vergeben werden und die keine Profite erwirtschaften muss.“ Die ABG finanziere durch ihre Gewinne lediglich die nächsten Bauvorhaben und Renovierungen.

Beim Verein Gemainsam geht es gerade um das erste Bauvorhaben: Auf zwei Grundstücken in der Bolongorastraße in Höchst soll ein gemeinschaftliches Wohnprojekt entstehen. Zum Tag der Offenen Wohnprojekte gibt es einen Architektur-Workshop. Kinder sitzen an einem großen Tisch und basteln sich ihre eigenen Traumwohnungen aus Pappe. Heinrich Krull erzählt derweilen von den Herausforderungen der Erwachsenen. Als Nächstes gilt es, einen echten Architekten zu finden, so Krull. Fünf Jahre habe es gebraucht von der Idee und den ersten Treffen bis zur handfesten Planungsphase von Gemainsam. Zurzeit sind die sechs Vereinsmitglieder auf der Suche nach weiteren Interessenten. Denn insgesamt sind acht bis zehn Wohnungen geplant. Krull betont, dass junge Menschen und Familien sehr willkommen sind.

Doch was reizt die Leute am gemeinschaftlichen Leben – abgesehen von dem guten Bauchgefühl, dass ein bekannter Nachbar die Blumen durch die Urlaubszeit bringt? „Der Luxus liegt im Teilen“, erklärt Birgit Kasper,Koordinatorin bei Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen, „denn zusammen kann man mehr besitzen als im Einzelnen.“ Zum Beispiel eine große Dachterrasse mit Blick auf Frankfurt. So wie auf dem Naxos-Gelände.

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