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Die Arbeiten beginnen: An der A648 entstehen neue Wohnblocks.  

Wohnen

Frankfurt: Leben an der Autobahn

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Am Frankfurter Rebstockgelände entstehen immer mehr Wohnungen. Anwohner wünschen sich eine bessere Infrastruktur.

Hör-Test an der Leonardo-da-Vinci-Allee. Es rauscht. Ein paar Schritte weiter nicht mehr so arg. Dann kommt eine Lücke zwischen den Häusern. Es rauscht wieder. Keine Frage, die Autobahn, die A648, gehört zum Leben dazu am Rebstock. Obschon sie mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Zumindest für die Menschen, die in der Siedlung wohnen. Zwischen Kuhwald und City-West, zwischen Biegwald und Rebstockpark.

„Früher habe ich die Autobahn mehr gehört“, sagt Markus Schaible lapidar. Er ist einer der ersten, die ins Viertel gezogen sind. Im Dezember 2006. Zu dieser Zeit erhält der 47-Jährige in der Montgolfier-Allee noch den vollen Klang der A648, die die A5 und die A66 mit der Frankfurter Messe verbindet. Inzwischen sind an der Leonardo-da-Vinci-Allee Wohnblocks entstanden, auch eine Schule. Die Architektur ist urban. Besucher müssen sich schon ein bisschen konzentrieren, um nicht zu vergessen, wo sie gerade spazieren gehen. Riedberg? City-West? Europaviertel?

Schaible ist da nicht so streng. Ein „Riegel gegen den Lärm“ sind ihm die Wohnblocks. Weiteren Schutz werden die Neubauten sein, die unmittelbar an der A648 entstehen, am Katharinenkreisel, mit Blick auf das blaue, runde Hotel. Eigentlich wollte die Stadt dort Büros ansiedeln. Doch die Nachfrage stagniert. Also haben die Planer umgedacht, Wohnungen sind gefragt wie nie. Eine Kita soll entstehen, vielleicht noch eine Außenstelle der Grundschule.

Markus Schaible (links) und Peter Sprungk treffen sich ab und an beim Joggen. 

Günstige Wohnungen als Lärmschutz für die Siedlung dahinter. Das mag zynisch klingen. Entsprechende Stimmen haben sich im zuständigen Ortsbeirat 2 zu Wort gemeldet. Andere verweisen auf die Siedlung Engelsruhe in Unterliederbach. Das ist der imposante Bau mit den bunten Tupfen im Waschbeton an der A66 bei Höchst. Dort leben die Menschen gerne, betont die SPD.

Markus Schaible hat die Debatte verfolgt. Er geht gerne in die Sitzungen des 2ers, hat den Mitgliedern des Gremiums jüngst auch ein detailliertes Dokument überreicht, in dem alle Probleme des Rebstockparks aufgelistet sind. Der sei vermüllt, voller Grillreste und Brandflecken, von unterschiedlichen Interessengruppen zerrissen, ja schlicht überlastet, findet Schaible.

Und nicht nur er. Zwei Petitionen haben die Anwohner dazu bereits im Beschwerdeportal „Frankfurt fragt mich“ eingestellt. Der Antrag auf Hundeverbot im Park hat nicht so viel Zustimmung erhalten. Der auf ein Grillverbot schon. Auch das Wirelessfestival im Sommer ist nicht bei allen gut angekommen. „Wir haben bereits zwei etablierte Festivals“, sagt Schaible. Auf ein drittes habe er nicht gerade gewartet.

Schaible sieht sich in der Pflicht, sich einzubringen. Immerhin lebe nur eines der Ortsbeiratsmitglieder südlich der Autobahn, sagt er verschmitzt. Überhaupt. Für ihn gehört der Rebstock nicht zum Ortsbezirk 2, auch wenn es der Stadtplan so darstellt. „Bockenheim ist weit, weit weg.“ Schaible sagt das sehr bestimmt.

Die Autobahn trennt den Rebstock von der City-West. Die wiederum ist auch eher Niemandsland, durch die Bahnlinie vom übrigen Stadtteil abgehängt.

Das Gelände gehört zum Stadtteil Bockenheim, auch wenn die Bewohner das nicht nachvollziehen können und sich eher dem Gallus zurechnen. Zumal im Süden das Baugebiet „Am Römerhof“ immer näher rückt.

Der gut 100 Hektar große Rebstock ist früher Start und Landeplatz für Zeppeline gewesen, einer der ersten Flughäfen Deutschlands. Heute ist das Areal geprägt vom 1962 eröffneten Volkspark und dem 1982 eröffneten Erlebnisbad. Seit 2002 entstehen Wohnungen für rund 4500 Menschen. sky

Schaible hat früher in Nied gelebt. Aber als sein Arbeitgeber in die City-West zieht, zieht er hinterher. Pendeln mag er nicht. „Ich will nicht länger als 30 Minuten unterwegs sein von Tür zu Tür.“ Für den Sportfan ist die neue Umgebung ideal. Das Schwimmbad nutzt er gelegentlich. Laufen und Radfahren sind seine Steckenpferde, beides geht im Rebstockpark. Seine Einkäufe erledigt er im Gallus. Zu Fuß bei DM und Rewe im Europaviertel oder mit dem Auto bei Aldi und Lidl im alten Gallus.

Beim Joggen trifft er ab und an Klaus-Peter Sprungk. „Ich versuche meine 10 000 Schritte am Tag zu gehen“, sagt der Direktor des Ibis-Hotels hinter der Tankstelle. Dem Rebstock fehlt ein zentraler Platz, ein Treffpunkt, sagt der Hotelier. Der 56-Jährige breitet die Arme aus. Er versucht, die Lücke mit seinem Hotel zu füllen. „Ich will ein Teil des Viertels sein.“

Sprungk lädt Skatrunden in sein Café, er bietet Spieleabende an. Nachbarn dürfen im Businesscorner das WLAN nutzen. Sie erhalten Sonderpreise, wenn sie ihren Besuch im Haus einquartieren, Geburtstage oder Hochzeiten feiern. Gerne sähe er einen Eintracht-Fanclub vor seinem Fernseher in der Bar jubeln. Das Ibis ist eins der ersten Hotels gewesen, das sich der Aktion Kindernoteingang angeschlossen hat. Reste des Frühstücksbuffets gehen günstig in den Straßenverkauf.

„Wir sind kein abgeschottetes Fünfsternehotel.“ Und doch ist die Scheu groß. Ein Hotel wirkt auf manchen abschreckend. Der Besuch aus der Nachbarschaft bleibt überschaubar. Umso mehr wünscht sich Sprungk Leben im Viertel, andere Gewerbetreibende, auch Restaurants. „Konkurrenz belebt das Geschäft.“ Zumal seine Hotelgäste „auch nicht jeden Tag bei mir einkehren wollen“.

Eröffnet hat er 2006. 13 Jahre später gibt es noch immer wenig Leben am Rebstock. „Die Leute schlafen hier.“ Immerhin rollt die Tram, die Schule ist eröffnet, es gibt einen Friseursalon, eine Apotheke. Einen Tegut, mit einer separaten Ecke für asiatische Lebensmittel. „Für die Touristen.“

Auch Markus Schaible bemüht sich um die Nachbarschaft. Er hat eine Yoga-Gruppe ins Leben gerufen, die Suche nach Räumen hat ihn einiges an Zeit und Nerven gekostet. Leichter ist es gewesen, den Lauftreff auf die Beine zu stellen. Der rennt ja wenigstens im Freien. Aber auch das war eine Aufgabe. „Viele fahren zum Sport nach Rödelheim oder Nied.“

Das Wohngebiet am Rebstock wächst, das Wäldchen am linken Bildrand wird zusehends weniger.  

Für mehr Leben hofft Schaible auf den Platz, der im Osten, auf Höhe des Katharinenkreisels, entstehen soll. Benannt könnte er nach dem Luftfahrt-Pionier Charles Lindbergh werden. Fest steht das noch nicht, zumal die Stadt versprochen hat, bei der Gestaltung eng mit Ortsbeirat und Anwohnern zusammenzuarbeiten. Wenigstens einen Wochenmarkt wünscht sich Schaible. Und vielleicht eine Arztpraxis.

Der nächstgelegene Allgemeinmediziner sitze an der Europa-Allee. Die Praxis im Kuhwald existiert nicht mehr. In der City-West tummelten sich eher Zahnärzte und Kieferorthopäden. Kinderärzte sind in der ganzen Gegend rar gesät. Das verdeutlicht eine Petition, die der Kinderbeauftragte des Gallus jüngst lanciert hat. „Ein Jugendzentrum zu schaffen“ wäre auch eine Überlegung wert, findet Klaus-Peter Sprungk. Für Kinder gebe es den Park und das Schwimmbad, die älteren, die Jugendlichen seien außen vor.

Derweil flitzen auf der Autobahn die Autos vorbei. Vorbei an der Baustelle, an den Träumen und Hoffnungen der Anwohner. Denen wäre es lieber, Wind in Baumwipfeln rauschen zu hören als Autos auf Asphalt. Doch das Geräusch wird immer seltener. Das Rebstockwäldchen hat dieser Tage einen ziemlichen Kahlschlag hinnehmen müssen. Die Stadt hat von der Rußrindenkrankheit betroffene Bäume gefällt. Ein paar müssen auch noch den Wohnbauten weichen.

Die Anlieger leiden mit. Das Wäldchen ist kein Spazierwald. „Aber ein Biotop“, erklärt Schaible, ein Naturschutzgebiet. Und grüner Blickfang, der die Autobahn zumindest ein bisschen weiter wegrückt.

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