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"Hochhäuser beheben nicht die Wohnungsnot"

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Von: Claus-Jürgen Göpfert, Christoph Manus

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Architekt Magnus Kaminiarz am alten Zeichentisch in seinem Frankfurter Büro.
Architekt Magnus Kaminiarz am alten Zeichentisch in seinem Frankfurter Büro. © Christoph Boeckheler

Der Architekt Magnus Kaminiarz realisiert derzeit den Grand Tower an der Frankfurter Messe. Mit der FR spricht er über den Boom der Wohntürme und die notwendige Verdichtung der Stadt.

Herr Kaminiarz, es gibt derzeit einen Boom für hochwertige Wohnhochhäuser. Wie ist das zu erklären? 
Lange Zeit war das Wohnhochhaus kein Thema. Es gab zwar einige Fürsprecher, die das Thema aufleben ließen, aber auch bei Projektentwicklern waren Wohntürme überhaupt nicht en vogue. Als wir 2014 den Wettbewerb für den Grand Tower gewannen, war das eines der ersten Wohnhochhausprojekte überhaupt. Wenn eine Stadt so sehr wächst wie Frankfurt am Main, muss man darüber nachdenken, wie man in der Stadt verdichtet. Ich bin ein absoluter Befürworter der Verdichtung in den Städten. 
 
Die Grundstückskosten in Frankfurt sind  so hoch wie nie. Warum entstehen dennoch gerade jetzt Wohntürme? 
Wir alle fanden das Thema Wohnhochhaus, als der Wettbewerb für den Grand Tower ausgelobt wurde, sehr mutig. In anderen europäischen Großstädten wie Paris oder London gibt es die Türme schon lange – mit einem sehr hohen architektonischen Niveau. In Deutschland leidet das Image der Wohntürme noch immer unter den Bauten der Wohnsiedlungen der 60er Jahre. Diese Bauten halfen damals, die Wohnungsnot zu lindern. Dafür sind aber Wohnhochhäuser tatsächlich nicht geeignet. Wir haben 2014 ein Nischenprodukt entworfen – es gab dafür in Deutschland kein Vorbild. Die Wohnhochhäuser entstehen jetzt, weil es den Mangel an Wohnraum gibt. 

Wohnhochhäuser wurden lange mit Stadtteilen in Verbindung gebracht, in denen es soziale Probleme gab. Jetzt entsteht eine ganz andere Art von Wohntürmen: sehr anspruchsvoll und teuer. Ist es anders nicht möglich? 
Dass man bezahlbaren Wohnraum in der Stadt schaffen muss, steht außer Frage. Natürlich muss man das tun. Das Wohnhochhaus ist aufgrund seiner Baukosten aber zwangsläufig ein teures Produkt. 

Es kann also kein Wohnturm mit preiswerten Mietwohnungen entstehen? 
Doch. Man muss nur darauf achten, dass die Menschen sich mit dem Gebäude identifizieren können. Unser Büro arbeitet derzeit an zwölf Wohnhochhausprojekten...

An zwölf Wohntürmen? 
Ja. Nicht nur in Deutschland, auch in den Niederlanden und Österreich. Darunter sind Gebäude mit Studentenwohnungen, die sind nicht teuer. 

Verstehen Sie, dass Ihr Grand Tower polarisiert? Die Wohnungen dort sind sehr teuer, bis zu 8,3 Millionen Euro für ein Penthouse. 
Vergleichen Sie doch mal, was ein Penthouse in Paris oder in London kostet. Natürlich ist der Grand Tower nicht für jeden bezahlbar. Er ist ein Produkt, das hilft, den Wohnungsmangel zu verringern. Er ist ein Baustein dazu. 

Die Stadt tritt dafür ein, dass auch in den Wohntürmen 30 Prozent öffentlich geförderter Wohnraum entsteht. Halten Sie das für möglich? 
Ich glaube, dass man das sozialverträglich lösen kann. Die Frage ist allerdings, ob man zwei Wohnformen, also Eigentumswohnungen und Sozialwohnungen wirklich in einem Gebäude unterbringt. In London entstehen Lösungen, die wir ganz schrecklich finden und die wir nicht wollen. Da gibt es dann die „poor door“: einen zweiten Eingang in das Hochhaus, der nur für Sozialmieter gedacht ist. 
 

Beim Projekt „Four“ von Groß&Partner, das im Frankfurter Stadtzentrum auf den ehemaligen Grundstücken der Deutschen Bank an der Junghofstraße entstehen soll, wird es auch öffentlich geförderte Wohnungen geben. 
Weil der Investor es machen muss, als Vorgabe der Stadt. Wenn ich die gleiche Anzahl von Sozialwohnungen außerhalb von Hochhäusern bauen könnte, dann könnte ich allerdings architektonisch anspruchsvoller bauen und mehr Wohnungen errichten – weil die Baukosten nicht so hoch wären. 

Der Grand Tower am Güterplatz wird mit 172 Metern Deutschlands höchster Wohnturm. Wachsen die Baukosten mit der Höhe? 
Ja. Je höher das Gebäude wird, desto komplexer wird die Bauform. 

Beim Grand Tower wird man dennoch in der Höhe die Fenster öffnen und sogar eine Terrasse betreten können. 
Wir haben uns darauf konzentriert, Dinge anzubieten, die kein anderes Gebäude bieten kann. Da ist erst mal der Ausblick. Wir haben uns viele andere Gebäude angeschaut, in Europa, Asien und den USA. Da gibt es viele normale Lochfassaden. Genau das wollten wir nicht. Wir wollen den Ausblick zelebrieren, mit großen Panoramafenstern. Und es gibt große Terrassen, die ich vom Schlafzimmer aus betreten kann, um sie dann ins Wohnzimmer hinein wieder zu verlassen. 

Entsteht eine abgeschlossene Anlage, die nur schwer zu betreten ist, mit Bewachung? 
Nein. Natürlich gibt es eine Rezeption. Wir haben eine Lobby, die eher Hotelcharakter besitzt. Ich hoffe, dass so etwas Identifikation schafft. Ich halte es für sehr wichtig, Räume zu schaffen jenseits der Wohnung, in denen ich mich gerne aufhalte. Wir haben Gärten. Wir haben Gemeinschaftsküchen. Ich kann mich in der Lobby mit Besuchern treffen. 

Es gibt die Befürchtung, dass die Wohnungen in den Türmen nur der Kapitalanlage dienen, dass dort tatsächlich gar nicht gewohnt wird. 
Natürlich sind Wohnhochhäuser auch ein Anlageprodukt, das ist auch gut so. Dass jemand eine Zweitwohnung in Frankfurt hat, finde ich nicht schlimm. Der Grand Tower ist eines der ersten Produkte, das auch für ausländische Investoren interessant ist. 

Wie viele Wohntürme werden in Frankfurt noch entstehen?
Wenn die Stadt wächst, muss sie auch in die Höhe wachsen. Der Bedarf für diese Gebäude ist da, wir haben in Frankfurt einen Zuzug von bis zu 17 000 Menschen jedes Jahr. 

Es gibt aber doch eine soziale Verantwortung des Architekten. Macht es Ihnen nichts aus, Gebäude zu entwerfen, die sich nur Begüterte leisten können?
So ist es ja nicht. Der Grand Tower ist ja nicht unser einziges Projekt. Ich habe nichts gegen einen Anteil von 30 Prozent öffentlich geförderten Wohnraums. Wir erfüllen diese Vorgabe bei anderen Projekten in Frankfurt, etwa bei der Bebauung des Grundstücks des ehemaligen Marienkrankenhauses. Man kann den Anteil von 30 Prozent öffentlich geförderten Wohnraums aber nicht in jedem Gebäude verwirklichen. Das Wohnhochhaus löst nicht das Problem des Wohnungsmangels. Nicht jede Stadt kann Wohntürme gebrauchen. 

Welche zum Beispiel nicht? 
Bremen, meine Heimatstadt, braucht keine Wohntürme. Bremen hat andere Qualitäten, seine große Tradition zum Beispiel. 

Welche anderen Städte sind noch geeignet für Wohntürme? 
Berlin ganz sicherlich. Dort tut man sich aber noch schwer mit dem Thema. 

München verteidigt noch immer eine Obergrenze von 100 Metern bei Neubauten. 
Das kann ich nicht nachvollziehen. Das ist nicht zeitgemäß. 

Viele Menschen in Frankfurt wehren sich gegen eine weitere Verdichtung der Stadt. 
Tatsächlich glaube ich, dass an vielen Stellen noch eine Nachverdichtung möglich ist. Tatsächlich sind die bürgerlichen Wohnviertel aus dem 19. Jahrhundert sehr dicht. Was mich sehr umtreibt, sind Hochhäuser mit begrünter Fassade. Das schaffen wir mit dem Tower 90 am Güterplatz, dessen Bau jetzt bald beginnt. 

In Frankfurt gibt es noch immer einen Bauplatz für ein 370 Meter hohes Millennium-Hochhaus nahe der Messe. Ein Immobilien-Unternehmer namens Donald Trump hatte in den späten 90er Jahren einmal Interesse gezeigt, dort zu bauen. 
Trump hat allerdings schon damals erklärt, ein Wohnhochhaus von besonderer Qualität lasse sich an dieser Stelle nicht errichten. Dann ist er wieder abgereist. 

Würde es Sie reizen, diesen Millennium-Tower zu konzipieren? 
Was wäre ich für ein Architekt, wenn ich jetzt Nein sagte? Hochhäuser sind für einen Architekten ein unheimlich spannendes, effizientes Produkt. Ein 370 Meter-Hochhaus sparsam und ökologisch zu entwickeln, wäre eine große Herausforderung. Wenn Sie den Bauplatz für den Millennium-Tower kaufen, bin ich dabei. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Christoph Manus 

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